Lesen und lesen lassen

Falk Hartig

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Allein hätte ich den Lesesaal nicht gefunden. Einerseits ist man als Ausländer in Nordkorea nie allein unterwegs, sondern immer in Begleitung. Das geht teilweise so weit, dass ich mich manchmal auf der Toilette frage: Steht mein Begleiter neben mir, weil er muss?Andererseits ist der Lesesaal im Chollima-Kulturhaus im Zentrum Pjöngjangs von außen nicht erkennbar. In dem Gebäude sitzt das nordkoreanische Kulturkomitee und die ihm unterstellten Freundschaftsgesellschaften, zum Beispiel die Koreanisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft (KDFG). Die KDFG ist der lokale Partner des Goethe-Instituts und betreut den Lesesaal. Koordiniert und organisiert wird die Arbeit vom Goethe-Institut in Seoul, mindestens viermal im Jahr kommt eine Delegation des Institus in den Norden. Die Delegation, die ich begleite, weiß, wo es langgeht: hinter dem Pförtner drei Stufen hinauf, im Eingangsbereich an den drei Gemälden von Kim Il Sung, seiner Frau Kim Jong-suk und ihrem Sohn, Kim Jong Il, dem derzeitigen nordkoreanischen Staatschef, vorbei. Dann geht es durch lange Flure in den dritten Stock, zur „Vermittlungsstelle für Deutsche Wissenschaftliche und Technische Literatur im Goethe-Informationszentrum Pjöngjang“. Der Name klingt abschreckender, als es dann wirklich ist. Es sieht wie in einer deutschen Bibliothek aus. Hier gibt es die neuesten Fachbücher aus Chemie, Medizin, Wirtschaftswissenschaften und Informatik sowie zahlreiche juristische Bände und Lexika. Auf Wunsch Nordkoreas soll der angestrebte Bestand von 8.000 Büchern, CDs und Videos zur Hälfte aus technisch-wissenschaftlichen Publikationen bestehen. Unter den nichttechnischen Veröffentlichungen finden sich unter anderem Loests „Nikolaikirche“, das Werk von Böll ebenso wie Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ und Adornos „Negative Dialektik“. Darin lese ich: „Philosophie, die sich einmal überholt schien, erhält sich am Leben, weil der Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt ward.“ Hochinteressante Bücher, wenn man bedenkt, wie dieses Land mit 23 Millionen Einwohnern funktioniert: Der 1994 verstorbene Kim Il Sung ist seit 1998 „Ewiger Präsident“. Sein Sohn, der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il, herrscht heute über die einzige kommunistische Dynastie der Welt. Dabei wird die nordkoreanische Politik von zwei ideologischen Schlagwörtern geprägt. Die Juche-Ideologie basiert vor allem auf Nationalismus und Autarkie, die Grundaussage ist einfach: Wir machen alles allein, aus eigener Kraft. Außerdem prägt die Son-gun-Politik, die „Militär-zuerst“-Politik, das ganze Land. Das Militär hat absoluten Vorrang vor allem anderen, selbst vor der Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung. Diese Ideologie wird gekrönt durch einen gigantischen Personenkult um die beiden Kims. Der geht so weit, dass die allgegenwärtigen Standbilder, Statuen und Porträts nachts taghell erleuchtet sind, während Wohnhäuser fast und öffentliche Verkehrsmittel ganz unbeleuchtet bleiben. Im Lesesaal finde ich Jaspers’ „Kleine Schule des philosophischen Denkens“ und lese vom „Denken als Staunen vor dem Sein“. Diese Aussage wirkt hier nachdrücklicher als irgendwo sonst auf der Welt. Sie erinnert daran, was Bücher bei Menschen bewirken können. Nur: Wo sind die Menschen? Ich sehe keinen Besucher hier. Finden sie den Saal nicht? Bis vor wenigen Monaten gab es am Hintereingang ein Schild. Derzeit wird gebaut, und das Schild ist weg. Dem Kulturkomitee ist es anscheinend nicht recht, dass die Vermittlungsstelle mit einem zusätzlichen Schild am Haupteingang besondere Aufmerksamkeit bekommen könnte. Außerdem, so die nordkoreanische Sicht, sei der Lesesaal nicht für Ausländer konzipiert. Die Besucher, die kämen, wüssten, wo der Saal ist. „Der freie Zugang ist von Seiten des Lesesaals gewährleistet“, versichert Jürgen Keil, Direktor des Goethe-Instituts in Seoul. Allerdings schränkt er ein, dass viele Leute den Saal nicht besuchen können. Da Nordkoreaner nicht einfach hingehen können, wo sie wollen, ist der Besuch eines ausländischen Lesesaals nicht ohne Weiteres möglich. „Wer in den Lesesaal kommen will, wird vorher immer erst seine Universität oder Arbeitseinheit fragen, um sich zu schützen. Ich könnte mir vorstellen, dass manchmal vom Besuch abgeraten wird“, sagt Keil. Von Ende September bis Mitte November 2007 haben rund 30 Besucher den Lesesaal aufgesucht. Bedenkt man, dass nur wenige Tausend Nordkoreaner Deutsch sprechen, stellt sich die Frage, ob diese Einrichtung überhaupt Sinn macht. Ein grundsätzliches Ziel des Goethe-Institutes ist es aber, präsent zu sein. Die Gründung und Unterhaltung eines Lesesaals wird als ein wichtiger Schritt Nordkoreas in die Normalität verstanden. Das Interesse lokaler Partner wie der Kim Il Sung Universität an Zusammenarbeit und Informationsaustausch verdeutlicht, dass der kulturellen Präsenz dabei ein hoher Stellenwert zukommt. Seit November 2007 ist der gesamte Bestand katalogisiert im nordkoreanischen Intranet einsehbar. Seit Ende 2007 laden die Mitarbeiter des Lesesaals zur „Dienstagskaffeestunde“ potenzielle Leser von Universitäten und anderen Institutionen ein, die den Saal bisher nicht kannten. Außerdem bieten die Goethe-Leute den Universitäten an, Bücher für einen bestimmten Zeitraum an deren Fachbibliotheken auszuleihen. Auch haben die Universitäten die Möglichkeit, Bestellungen für die Desideratenlisten im Lesesaal abzugeben. Von all dem ausgeschlossen sind seit April 2007 allerdings deutsche Zeitungen und Zeitschriften. In einer japanischen Zeitung war zu lesen, im Saal könne man kritische Artikel über die nordkoreanische Führung lesen. Daraufhin besuchten die Behörden die Bibliothek und sahen unter anderem den SPIEGEL-Titel „Der Irre mit der Bombe“. „Die Vertreter waren sehr böse und wollten die Vermittlungsstelle damals sofort schließen“, berichtet der Generalsekretär der Koreanisch-Deutschen Freundschaftsgesellschaft O Jin Myong. Seiner Darstellung zufolge konnte dies durch den Einsatz der Gesellschaft verhindert werden. „Wir verstehen die deutsche Seite, aber man muss auch uns verstehen. Solche Beiträge verletzten die Gefühle unseres Volkes“, erklärt O Jin Myong. Die Rückkehr der Zeitungen und Zeitschriften sieht er skeptisch. „Das Risiko ist zu groß. Wenn so etwas noch einmal vorkäme, wäre dies das Ende der Vermittlungsstelle.“ Jürgen Keil hofft dennoch, dass die aktuellen Medien, die derzeit in der deutschen Botschaft in Pjöngjang gelagert werden, zurückkommen. „Wir wollen ein umfassendes Deutschlandbild vermitteln und dazu gehört auch die Aktualität. Und die wird nun mal durch Zeitungen und Zeitschriften vermittelt.“ Sollte sich die Situation bis März 2008 nicht ändern, sieht die deutsche Seite nur die Möglichkeit, ein Zusatzprotokoll zum von Nordkorea einseitig gebrochenen Vertrag zu vereinbaren. Mit anderen Vorzeichen spricht auch die nordkoreanische Seite von Neuverhandlungen. Da nicht garantiert werden könne, dass erneute Berichte die Gefühle des Volkes verletzen und so zum Vertragsbruch führen würden, müsste wohl oder übel neu verhandelt werden. Bis dahin wird das Beste aus der Situation gemacht:So sollen die Zeitungen und Zeitschriften Partnern zur Verfügung gestellt werden, die sie aus beruflichen Gründen lesen, wie das nordkoreanische Auswärtige Amt. Und mit einer Portion Pragmatismus kann Keil der Situation sogar etwas Positives abgewinnen. „Nun haben die Sicherheitsbehörden keine Argumente mehr, etwas gegen den Lesesaal zu unternehmen. Mathematikbücher können keine Gefühle verletzen.“ Die toten deutschen Autoren Adorno und Jaspers könnten dies theoretisch schon, trotzdem stehen sie im Regal. Dass auf dem Gebiet der Kulturvermittlung also auch in Nordkorea einiges möglich ist, wird auf der Feier anlässlich des dreijährigen Bestehens der landesweit einzigen westlichen Kultureinrichtung deutlich. 400 Nordkoreaner sehen „Das Wunder von Bern“ im Chollima-Kulturhaus. In Nordkorea ist eine öffentliche Filmvorführung, noch dazu eines ausländischen Films, in dem es auch um Aufbegehren gegen Autoritäten geht und um die knappe Versorgungslage im Nachkriegsdeutschland, hochpolitisch. Es gibt keine freien Kinos, in den nordkoreanischen Nachrichten wird hauptsächlich über Kim Jong Il berichtet, und Spielfilme stilisieren den heldenhaften Befreiungskampf gegen die Japaner. Auch die meistgelesene Zeitung des Landes, die Rodong Sinmun („Arbeiterzeitung“), beschäftigt sich in erster Linie mit dem Geliebten Führer und der nordkoreanischen Juche-Ideologie. Interessant ist deshalb zu sehen, dass die Zuschauer den Film verstehen und an den richtigen Stellen lachen. „,Das Wunder von Bern‘ ist eine Kulturvermittlung und für uns eine echte Bestätigung, dass es unsere lokalen Partner mit der Zusammenarbeit ernst meinen“, sagt Keil hinterher. In solchen Momenten scheint auch die permanente Unsicherheit vergessen, die die Arbeit vor Ort begeleitet. Werden lange vereinbarte Termine gehalten? Sind die Kooperationspartner gesprächsbereit? Was ist aus den Vereinbarungen vom letzten Mal geworden? „Mitunter ist es etwas kafkaesk, aber man versteht die Mechanismen hier recht schnell und kann einiges erreichen“, so Keil. Ich als Besucher tue mich schwerer. Man gibt mir sehr direkt zu verstehen, dass man weiß, wer ich bin. Ich frage zum Beispiel meinen Begleiter, wann er in Deutschland studiert habe, und er sagt: „Als Sie sieben Jahre alt waren.“ Allerdings ist er, wie auch meine anderen Begleiter, dabei immer überaus höflich und hilfsbereit. Man merkt ihnen an, dass es für sie mindestens genauso schwierig ist wie für die Besucher, und sie versuchen, die Situation einigermaßen gesichtswahrend für beide Seiten zu gestalten. Will man etwa wissen, was Lebensmittel auf den Märkten kosten, antwortet einer der Begleiter: „Das weiß ich nicht, meine Frau macht die Haushaltsführung.“ Am Ende hat es den Anschein, dass auch die Betreuer vor Ort einigermaßen erleichtert sind, als die Delegation nach einer Woche wieder abreist. All dies, was in und um den Lesesaal geschieht, zeigt seine Wichtigkeit. Er stellt Kontakte und kleine Freiheiten her, die für Nordkorea bedeutsam sind. Und vielleicht findet ein Chemiker auch mal zu Adorno.



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Archäologen und Historiker aus Süd- und Nordkorea arbeiten gemeinsam an der Wiederherstellung eines Palastes aus der Koryo-Dynastie (935-1392). Mit Erlaubnis der nordkoreanischen Regierung reisen die südkoreanischen Wissenschaftler täglich nach Nordkorea ein. Der königliche Palast liegt in der Nähe von Kaesong, nördlich der Grenze zu Südkorea. Kaesong war während der Koryo-Dynastie die Hauptstadt Koreas. Der antike Palast Manwol, was im Koreanischen „der Vollmond“ bedeutet, erhob sich am Fuße des Berges Songak. Die Stätte wurde 2013 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

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