Liebe zum Detail

von Anja Pietsch, Beatrice Winkler

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Wer sich in Damaskus als Deutscher zu erkennen gibt, merkt schnell: Kaum ein anderes Land ist hier so beliebt wie Deutschland. Das wurde besonders während der Fußballweltmeisterschaft offensichtlich: „Alemania – Yalla, Yalla!“ – unüberhörbar schallten die Anfeuerungsrufe der syrischen Deutschlandfans durch die Altstadt von Damaskus, wo sie die Spiele in den Bars bei Tee, Pepsi oder 7up mitverfolgten. Syrer lieben guten Fußball und so ist es kaum erstaunlich, dass der 24-jährige Rami Habash nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft jammerte: „Ich bin so traurig! Mir fehlen die Worte!“

Viele Syrer träumen davon, in Deutschland zu leben. Im Kopf haben sie dabei ein diffuses Bild, das von Klischees wie Mercedes, Pünktlichkeit, Wertarbeit und Fleiß dominiert wird. Deutschland ist populär und die Deutschen in Syrien profitieren davon. Heimisch wird man durch die entgegengebrachte Sympathie aber noch lange nicht. „In Syrien braucht man gute Freunde“, findet Regina Abboud. Sie arbeitet als Bibliothekarin am Goethe-Institut in Damaskus und ihre engsten Freunde sind allesamt Deutsche.

In Syrien erfordert es viel Einfühlungsvermögen, um zu wissen, was man sagen darf, und um zu verstehen, was gemeint ist, beschreibt Barbara Nofal, eine 74-jährige Deutsche, die mit einem Syrer verheiratet ist, die zwischenmenschlichen Unterschiede. Sie pflegt seit Jahrzehten die Tradition des wöchentlichen Kaffeeklatsches mit Käsekuchen und hat gelernt, nicht alles zu sagen, was sie denkt, denn die deutsche Direktheit führe hier selten ans Ziel. Besonders mit ihrer Schwiegermutter hatte sie anfangs viele Auseinandersetzungen um Kindererziehung. Dass die Enkel abends nicht zu spät ins Bett gehen sollten, war der Syrerin nur sehr schwer zu vermitteln.

Die deutsche Art, Dinge sofort auf den Punkt zu bringen, hat die Syrerin Isaaf Nahas, Geschäftsführerin eines Touristikunternehmens, im Kontakt mit ihren deutschen Geschäftskunden schätzen gelernt. Trotzdem fehlt der Unternehmerin manchmal das Persönliche in den Geschäftsbeziehungen, denn in Syrien spielen soziale Beziehungen im Geschäftsleben eine viel größere Rolle. Persönliche Kontakte, so sieht das auch Hans-Joerg Fiedeldei, sind im arabischen Raum generell ein wesentlicher Faktor zum Erfolg. Der Generaldirektor der syrischen Mercedes-Benz-Vertretung war schon sieben Jahre in Dubai, bevor er nach Damaskus kam. Wo Privates so wichtig genommen werde, bleibe aber auch der Tratsch nicht aus und Raum für direkte Kritik gebe es wenig. Die Frage: „Hast du das schon erledigt?“, sei beispielsweise zu direkt, wenn man herausfinden wolle, ob ein Mitarbeiter seine Aufgaben erfüllt hat. Viel besser sei ein Anfang wie „Ich habe da noch so eine Idee ...“.

Maike Baumann begleitet häufig ihren Mann, der für die deutsche Botschaft arbeitet, zu gesellschaftlichen Anlässen. Als Ausländer aus dem Diplomatenkreis, erzählt sie, bekomme man besonders einfach Zugang zur syrischen Oberschicht und es werde einem automatisch eine Wichtigkeit zugestanden, die man im egalitäreren Deutschland so nie hätte. Das philippinische Kindermädchen passt währenddessen auf den Nachwuchs auf. Das luxuriöse Leben weiß die Richterin der Berliner Jugendkammer in Elternzeit durchaus zu genießen.

Einen Expat-Vorteil spürte auch Tarek Alsaleh, als er 2007 von Köln nach Damaskus zog. Der Sohn eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter gründete gemeinsam mit anderen die Mietagentur „Yalla House“ und finanziert aus deren Gewinnen Capoeira-Workshops für Kinder und Jugendliche aus irakischen Flüchtlingscamps. Zurück nach Köln will er auf keinen Fall, denn „in Deutschland passiert nicht viel und das Wetter ist schlecht“. Syrer sind für ihn offenere Menschen, während Deutsche zu viel arbeiten und „verklemmt sind“. Er fühlt sich weder deutsch noch syrisch, aber in Syrien doch eher als Deutscher. Die Auslandsdeutschen, meint Tarek, zeigen oft nicht alles, was sie können. „Deutsche sind gut ausgebildet, denken aber oft, sie sind nur Mittelmaß. Sie sollten sich mehr auf ihre Erfahrung verlassen und auf sich selbst vertrauen.“

Selbstvertrauen bewiesen hat die Architektin Kathrin Boldt, als sie vor vier Jahren mit einer Freundin in Damaskus das deutsche Kaffeehaus „Knusper“ eröffnete. Hierher kommen Expats der europäischen Atmosphäre wegen, die in jedem Detail steckt. Ihren syrischen Angestellten beizubringen, dass alles immer am gleichen Ort stehen soll, findet Kathrin Boldt sehr anstrengend. Einmal bestellte sie telefonisch anonym einen Cappuccino, der in fünf Minuten im Café für sie bereitstehen sollte. Etliche Male wurde sie von Mitarbeiter zu Mitarbeiter weiterverbunden, und als sie schließlich das „Knusper“ betrat, war keine Tasse zu sehen. Dass es so nicht gehe und sie als Angstellte eine Verantwortung trügen, quittierten manche syrischen Mitarbeiter aber nur mit einem Schulterzucken.

Auch Hans-Joerg Fiedeldei hält an seiner deutschen Manie für Details fest. So ermahnt er seine Mitarbeiter, keinen Müll auf dem Firmengelände liegen zu lassen, und sammelt auch selbst mal herumliegendes Papier ein. Doch Boldt wie Fiedeldei müssen zugeben: Der Blick für Details ist in der syrischen Kultur einfach nicht so wichtig. Mit der Zeit hat Kathrin Boldt gelernt, damit umzugehen: „Man muss bestimmte Erwartungshaltungen loslassen. Das ist auch ein Sich-Lösen vom Deutschsein und von Standards, die man setzt oder setzen möchte.“

Was die einen loslassen müssen, um in Damaskus anzukommen, weckt in anderen Sehnsüchte. Die Syrerin Rjwa Alkthieb liebt die deutsche Kultur. Sie studiert Germanistik und begeistert sich für deutsche Literatur und Musik. In diesem Jahr wird sie das erste Mal nach Deutschland reisen, um das Land zu entdecken, das sie bisher nur aus Erzählungen kennt. Was Rjwa an den Deutschen, die sie im Goethe-Institut kennengelernt hat, am meisten schätzt? Dass sie logisch und praktisch sind, ihre soziale Verantwortung und ihr Umweltbewusstsein. Nur die Emotionalität vermisst sie ein wenig. 



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