Wirtschaftswunder in der grünen Hölle

von Marvin Dürksen

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Wer erfahren will, wie deutschstämmige Siedler fern der Heimat die Wirtschaft eines Landes geprägt haben, der sollte den Gran Chaco besuchen. Das savannenartige Flachland macht 61 Prozent des paraguayischen Staatsgebiets aus, zählt aber nur 150.000 Einwohner. Diese stachelige Wildnis mit Trockenperioden und Hitzewellen von bis zu 47 Grad Celsius im Schatten, in den 1930er-Jahren umkämpftes Territorium zwischen Bolivien und Paraguay, war früher auch als „grüne Hölle“ bekannt. Heute steht sie im Blickpunkt vor allem wegen ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse: Die Jahresrohmilchproduktion 2009 lag bei 241 Millionen Litern, davon kamen 110 Millionen Liter aus den Kolonien der deutschstämmigen Mennoniten, die damit Spitzenreiter im Land sind.

Etwa die Hälfte des exportierten paraguayischen Rindfleisches kommt aus dem Chaco, zum größten Teil von mennonitischen Viehzuchtbetrieben, obwohl in dieser Region nur etwa ein Drittel der insgesamt zwölf Millionen Rinder des Landes gezüchtet werden. 355.000 Rinder werden pro Jahr in ihren Schlachthäusern verarbeitet, 80 Prozent des Fleisches geht ins Ausland, inzwischen auch über die Hilton-Quote nach Europa und Deutschland. Paraguay ist derzeit der achtgrößte Rindfleischexporteur der Welt, in diesem Jahr wird mit einem Landesexport von 280.000 Tonnen gerechnet. Das Rindfleisch aus dem BSE-freien Chaco gilt als eines der schmackhaftesten und gesündesten überhaupt. Die Rinder weiden das Jahr über auf Grasflächen im Freien. Die Kolonien besitzen seit 2009 auch eine eigene Gerberei, die 250 Rinderhäute pro Tag mit neuester Technologie ausschließlich für die Ausfuhr verarbeitet.

Die Siedler der Mennonitensiedlungen kamen zwischen 1926 und 1947 aus Kanada und der Sowjetunion in den Chaco. Ihre Vorfahren waren im 18. und 19. Jahrhundert aus Preußen nach Russland und von dort im 19. und 20. Jahrhundert nach Übersee (Kanada, Brasilien und Paraguay) im Zuge religiöser und politischer Verfolgung ausgewandert. In Paraguay haben ihre Kolonien Menno, Fernheim und Neuland einen Lebensstandard erreicht, der heute mit europäischen Verhältnissen verglichen wird.

Überall wird Deutsch gesprochen, am liebsten eine Variante des Plattdeutschen, eine niederdeutsche Mundart, die es so in Deutschland nicht mehr gibt. Selbst Indianer verstehen „Platt“, einige sprechen es fließend. Wer heute aus dem Chaco nach Deutschland fährt, bekommt aufgrund seines plattdeutschen Akzents bald zu hören: „Entschuldigen Sie, kommen Sie aus Bremen oder irgendwo aus Norddeutschland?“

Zum „mennonitischen Wirtschaftswunder“ hat die indigene Bevölkerung mit beigetragen, wenngleich dies die Siedler ungern zugeben. Doch standen und stehen die Indigenen als willkommene Arbeitskräfte immer zur Verfügung, ob in Ackerbau, Viehzucht, Industrie, Werkstätten, Bauwesen, Supermärkten oder Haushalten. Andererseits übten die Kolonien für die Ureinwohner von Beginn an einen großen Reiz aus, denn sie wurden damals im Chaco nicht selten gejagt wie Freiwild. Bei den Mennoniten fühlten sie sich sicher, bekamen Arbeit und Essen. Vor 80 Jahren lebten im anfänglichen Siedlungsraum 1.743 Mennoniten, doppelt so viele wie die Indigenen eines einziges Stammes der Enhlets. Heute hat sich das Verhältnis umgekehrt: 15.000 Siedler gegenüber 28.000 Indigenen aus neun Stämmen. Der Historiker Gerhard Ratzlaff stellte fest, dass „in ganz Amerika die Eroberer die Indianer verdrängt (haben), im Chaco dagegen wirkten die Mennoniten für sie wie ein Magnet“. Die Zuwanderung der indigenen Bevölkerung führte die Kolonien schon bald dazu, ein Entwicklungsprogramm zu starten, das Beratung und Unterstützung in Landwirtschaft und Viehzucht, die Verwaltung von 58 Indianerschulen, Hilfestellung und Fortbildung für Frauen und ein Gesundheitsprogramm mit Krankenhaus und Gesundheitsposten einschließt.

Trotzdem – oder gerade deshalb – sind die Mennoniten im Chaco heute unter Beschuss von NGOs gekommen diese wollen die mit großflächigen Waldrodungen einhergehende expandierende Viehzucht stoppen und fordern die Wiederherstellung ursprünglicher indigener Territorien als Jagdgebiete, obwohl sich die Indianer längst in einem Anpassungsprozess an die moderne Zivilisation befinden, mit all den Vor- und Nachteilen, die das mit sich bringt. So erinnern sich indigene Eltern, meist noch Analphabeten, sehr genau an ihre Kindheit im wilden Chaco, wollen aber, dass ihre Kinder heute die Schule besuchen. Indigene und Mennoniten haben gemeinsam, dass sie ihre ursprüngliche Heimat verloren haben, aber sie sind dabei, etwas Neues aufzubauen. Die Mennoniten fühlen sich längst als Ortsansässige. Ein Teilnehmer auf einer Deutschlehrertagung in der Kolonie Neuland brachte dies so zum Ausdruck: „Wenn die Nationalelf in Südafrika gegen Deutschland gespielt hätte, wären wir auf jeden Fall auf der Seite der paraguayischen Mannschaft gewesen!“



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