Zugvögel

von Nikolaus Barbian

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


„Goodbye Deutschland“, heißt es in den vergangenen Jahren in einer Vielzahl von Auswanderersendungen im deutschen Fernsehen. Gemessen an der medialen Aufmerksamkeit für das Thema könnte man meinen, dass die Menschen Deutschland heute massenweise den Rücken kehren. Seitdem es 2005 erstmals zu einer höheren Auswanderung als 1954 kam – 145.000 Deutsche verließen das Land –, ist das Thema in den Medien ständig präsent. Mit dem weiteren Anstieg der Auswandererzahlen in den Folgejahren wuchs auch die gesellschaftliche Sorge. Ähnlich wie im 19. Jahrhundert, als Millionen von Menschen nach Übersee emigrierten, kamen Ängste vor „Aderlass“ und „brain drain“ auf. Würde Deutschland, das sich gerade erst vom Aus- zum Einwanderungsland entwickelt hatte, nun wieder zum Auswanderungsland werden?

Die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Bedeutung der zunehmenden Mobilität von Menschen und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit zeigt sich bereits im Anachronismus des Begriffs „Auswanderung“. Das Wort ruft die Vorstellung einer Szenerie des frühen 19. Jahrhunderts hervor, als jener Schritt zur Abwanderung in die Ferne noch meist einen Abschied für immer bedeutete. Nach dem Kulturwissenschaftler Andreas Bernard dient diese Antiquiertheit in den Auswanderersoaps dazu, die Komplexität und Flexibilität des heutigen Lebens zu verringern, um so beim Zuschauer ein Gefühl von existenzieller Tragik und echtem Abenteuer zu erzeugen.

Aber dieser mediale Kunstgriff hat mit der Lebensgestaltung heutiger Auswanderer wenig gemein. Der dauerhaften Emigration von einst steht heute eine selbstverständliche Mobilität als bewusst gestalteter Teil der eigenen Biografie gegenüber. „Aus der Welt“ ist man in Zeiten von Internet und Billigfliegern nirgendwo mehr. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Globalisierung, der Internationalisierung von Bildungssystemen und der Transnationalisierung gesellschaftlicher Beziehungen ist Migration heute zum Normalfall, Auswanderung nicht selten zum Umzug geworden.

Auch angesichts der tatsächlichen Abwanderungszahlen der letzten Jahre ist festzustellen, dass die öffentliche Sorge zum Teil als Medienhysterie zu bezeichnen ist und der an vielen Stellen gezogene Vergleich zur Auswanderung des 19. Jahrhunderts irreführt. Denn während das Niveau der heutigen Abwanderung aus Deutschland – 2008 verließen 175.000 Deutsche das Land – zwar im Vergleich zu den 1970er- und 1980er-Jahren recht hoch erscheint, so ist es in Betracht auf die einstige Massenauswanderung immer noch relativ gering. Die Gefahr des Verlustes von qualifizierten Fachkräften ist dennoch keineswegs von der Hand zu weisen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu fragen, wer Deutschland warum den Rücken kehrt. Laut Statistiken handelt es sich bei vielen um Akademiker, die nicht auf Dauer abwandern, sondern lediglich einen Abschnitt ihrer Karriere im Ausland absolvieren wollen. Dauerhafte Auswanderung ist aber auch heute noch möglich. Insbesondere zahlreiche Selbstständige, etwa Gastronomen oder Handwerker, und hoch qualifizierte Führungskräfte wollen auf Dauer umsiedeln.

Mögliche Beweggründe dafür sind hohe Steuerlasten oder mangelnde Aufstiegschancen in Deutschland. Verallgemeinern lassen sich die Ursachen der neuen deutschen Auswanderung jedoch nicht, die Motive sind so verschieden wie die Migranten selbst und fast nie gibt es nur den einen Grund für die Abwanderung. Bemerkenswert ist aber, dass die eigene wirtschaftliche Situation meist gar nicht allein entscheidend ist. Und auch Unmut über schlechte Stimmung, schlechtes Wetter oder zu viel Bürokratie können die Abwanderung allenfalls flankieren.

Heute haben sich zudem ganz neue Migrationsformen und -motive entwickelt. Es gibt ältere Menschen, die gehen, weil sie ihren Ruhestand im Ausland verbringen wollen, Eheleute, die abwandern, um mit ihrem ausländischen Partner zusammenzuleben.

Nicht ohne Grund gehen so viele in den deutschsprachigen Teil der Schweiz, der Deutschland ja nicht nur hinsichtlich der Sprache ähnelt. In den Medien der Schweiz sahen sich die deutschen Auswanderer jüngst vermehrt in der Rolle ungeliebter „Gastarbeiter“. So wurde ihnen vorgeworfen, sie würden den Schweizern die Arbeitsplätze wegnehmen. Tatsächlich haben die meisten von ihnen eine feste Anstellung und immer öfter besetzen sie auch Führungspositionen. Das wiederum führt zu Verunsicherung und Misstrauen bei den Schweizern. Insbesondere die Sprache gerät zum Reibungspunkt: Bleibt ein deutscher Einwanderer beim Hochdeutschen, so wird ihm vorgehalten, sich nicht anzupassen, versucht er Schweizerdeutsch zu sprechen – etwa indem er überall die Verkleinerungsform „-li“ anhängt –, so wird ihm vorgeworfen, sich lustig zu machen. Mittlerweile wird nun eine Vielzahl von Seminaren, Kursen und Anleitungen zur Integrationsförderung der Deutschen in der Schweiz angeboten.



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