Heimliche Schätze

Michael Schindhelm

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Meine Arbeit im Ausland hat mich zweierlei gelehrt: In einem fremden kulturellen Kontext beginnt man automatisch, sich stärker als zu Hause mit der eigenen Identität auseinanderzusetzen. Außerdem betrachtet man das einheimische Modell der Kulturförderung und -vermittlung mit mehr Respekt, sobald man „draußen“ erkennen muss, wie viel schlechter als in Deutschland es Künstlern und ihren Organisationen ergehen kann. 


Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, im Ausland als Deutscher gesehen zu werden und mein Land zu vertreten. In Russland, Frankreich, Polen und Israel provoziert man manchmal immer noch düstere Erinnerungen, in Dubai oder China kommt man aus der Heimat der Porsches und Daimlers, in der Schweiz repräsentiert man eine Nachbarnation, die sich ab und an arrogant und ignorant über die Eigenheiten des helvetischen Gemeinwesens hinwegsetzt. Im Ausland lernt man, wie man in einer fremden Umgebung mit den verschiedenen Facetten der eigenen nationalen Identität umgeht. Und gleichzeitig fragt man sich: Wie viel Porsche, wie viel Arroganz oder gar wie viel Totalitarismus stecken in mir? 


Auf einer Konferenz zum Thema „Cultural Leadership“ an der Universität von Hongkong sollte ich vor Kurzem über internationale Kulturzusammenarbeit sprechen. Man erwartete vor allem, mehr über meine Erfahrungen in Dubai und Hongkong zu erfahren, wo ich in den letzten Jahren am Aufbau von Infrastrukturprojekten beteiligt gewesen war, nämlich an der Planung von Theater- und Museumsneubauten und Fragestellungen zur kulturellen Vermittlung. 


Obwohl mein Publikum von mir vor allem etwas über Dubai und Hongkong hören wollte, begann ich meinen Vortrag mit Thüringen und Eisenach, dem Ort meiner Herkunft. Zeigte Bilder von der Wartburg und dem Bach-Haus, berichtete von Herzog Georg I. und den Meiningern. Erzählte, dass sich die Fürsten kleiner Herrscherhäuser vor 150 Jahren einen eifrigen Wettbewerb um Museums- und Opernbauten lieferten und in Städten mit weniger als 10.000 Einwohnern Orchester und Theater mit 700 Sitzplätzen gründeten, an denen bald Richard Strauss dirigieren oder Johannes Brahms Uraufführungen feiern sollte. Der Herzog von Meiningen beorderte die höheren Stände zu Konzerten und Theatervorstellungen und befahl seine Leibgarde an den Theaterausgang, damit niemand das Haus vor Ende der Vorstellung verließ. So sahen im Deutschland des 19. Jahrhunderts Kulturvisionen und Aufklärungsabsichten von Residenzherrschern aus.


Die Ambitionen der ölreichen Emire am Persischen Golf von Abu Dhabi oder Katar seien so absurd nicht, fuhr ich in meinem Vortrag fort, wenn man in die eigene Kulturgeschichte zurückgehe und die Gegenwart von dort betrachte. Das Meininger Theater zum Beispiel gibt es auch noch 200 Jahre später: als Vierspartenhaus mit großer Oper, Tanz, Schauspiel und Kindertheater, mehreren Hundert Mitarbeitern, die wiederum mehrere Hundert Vorstellungen pro Saison absolvieren und dafür ein zweistelliges Millionenbudget zur Verfügung haben, das vor allem aus der öffentlichen Hand fließt. Dabei ist Meiningen eine Stadt mit knapp 20.000 Einwohnern.


Durch alle Umbrüche und politischen Katastrophen hindurch hat es Deutschland geschafft, eine Nation an einmalig reicher Kultur zu sein, in der sowohl Traditionen und Erbe gepflegt werden als auch deutsche wie internationale Künstler in großer Zahl arbeiten. Deutschland hat wohl das dichteste Theater- und Orchesternetz der Welt. Unter den global wichtigsten 100 Gegenwartskünstlern kommen über 20 aus Deutschland – so viele wie aus keinem anderen Land. Deutschsprachige Schriftsteller erhielten innerhalb von zehn Jahren dreimal den Nobelpreis für Literatur und auch der internationale Oscar ging kürzlich und nicht zum ersten Mal an einen deutschen Film beziehungsweise seinen Regisseur. Natürlich habe ich nicht all das meinen Zuhörern in Hongkong erzählt. Stattdessen plädierte ich dafür, dass sich die Kulturpolitiker in Hongkong, wo in den kommenden zehn Jahren der West Kowloon Cultural District mit 15 Theatern und einem Museum der Größe des Centre Pompidou entstehen soll, in anderen Ländern umschauen, wie diese ihre Museen und Theater errichtet und die dazugehörigen Organisationen aufgebaut haben. 


Um zu illustrieren, wie unterschiedlich Länder und Städte mit ihrer jeweiligen Kultur umgehen, verglich ich New York, Hongkong, Berlin und Stuttgart. Ganze 0,5 Prozent seines Etats hat der Staat in New York 2007 für Kultur ausgegeben, in Hongkong waren es sogar nur 0,1 Prozent, während die Stuttgarter sechs Prozent und die Berliner 2,3 Prozent berappten. Dabei verfügt der Big Apple über 770 Galerien, 90 Museen und 180 Theater. Dimensionen, mit denen die Deutschen – zumindest an Zahlen – nicht mithalten können. 


Trotzdem habe ich in Hongkong, wie auch vielfach gegenüber anderen nicht westlichen Regierungsorganisationen mit großen Ambitionen in Sachen Kulturaufbau, empfohlen, sich nicht reflexartig angelsächsische Modelle anzueignen, wenn es darum geht, ein Konzept zu entwerfen, wie man Kulturorganisationen entwickelt, organisiert und finanziert. Unbestritten sind New York und London Weltkulturstädte, aber so etwas wie Meiningen gibt es weder auf den britischen Inseln noch in den USA. Es gibt auch nichts, was mit Berlin oder Stuttgart oder besser gesagt Berlin und Stuttgart und den vielen anderen Kulturhauptstädten in unserem Land vergleichbar wäre. 


Im Grunde plädiere ich als internationaler Kulturberater für eine Kombination von New York und Meiningen – ohne die herzogliche Leibgarde vor der Tür, aber mit viel Aufklärung. Überall dort, wo heute außerhalb des Abendlandes große Anstrengungen unternommen werden, Kunst und Kultur zu einem wesentlichen Bestandteil der gesellschaftlichen Entwicklung zu machen, müsste man die Alternativen von New York und Meiningen aufzeigen. Aber jeder kennt New York und niemand Meiningen. Was noch schlimmer ist: Meine Erfahrungen im Mittleren und Fernen Osten zeigen, dass die Planer von Kulturbauten sich fast immer an angelsächsischen Konzepten orientieren. 


Dank meiner Arbeit hatte ich Zugang zu Strategiepapieren etlicher nicht westlicher Regierungsorganisationen und habe dabei in der Regel feststellen müssen, dass – mit der seltenen Ausnahme von Frankreich – nicht einmal mehr Europa als potenzieller Partner in solchen Papieren vorkommt. Ich gebe zu: Das macht mich nachdenklich und stört mich. Trotz Oscar und Nobel, Goethe-Institut und Deutscher Welle: Wenn sich Regierungen im Mittleren oder Fernen Osten damit beschäftigen, welches Kulturmodell für ihre Planungen der nächsten Jahrzehnte relevant sein soll, kommt Deutschland nicht vor. 


Große Kulturbetriebe leiden in der Bundesrepublik zwar manchmal unter sklerotischen Strukturen, in denen Reformen schwer möglich sind. Trotzdem verteidige ich „draußen“ das Modell Meiningen: eine solide staatliche Förderung und Föderalismus bis ins kleinste Gemeinwesen. Gleichwohl ist die Software „deutsche Kultur“ kein Exportschlager. Müsste sie das sein? Ich denke ja. Es gibt gute – also schlimme – Gründe, warum die Bundesrepublik Deutschland nach 1945 mit großer Zurückhaltung auswärtige Kulturpolitik betrieben hat. 


Mit der deutschen Einheit gab es neue Gründe dafür, nationale Kultur und ihre Vertretung im Ausland nicht zu sehr aufzubauschen. Inzwischen haben sich aber zwei wesentliche Dinge verändert: Im Zuge der politischen und wirtschaftlichen Gewichtsverlagerung von West nach Ost verlieren die USA allmählich ihre Funktion als einzige Supermacht außerdem hat die Globalisierung beinahe alle Bereiche der Kultur erfasst. Doch was kommt jetzt? Inzwischen stehen drei Systeme von Soft Power weltweit zueinander in Konkurrenz: die USA (freie Marktwirtschaft), Europa (soziale Marktwirtschaft) und China. Die Frage nach einer neuen Cultural Diplomacy ist besonders relevant, weil Kultur beziehungsweise Soft Power einen neuen Stellenwert in diesem Wettbewerb einzunehmen beginnt. 


Chinesische Wissenschaftler haben beobachtet, dass Soft Power die eigentliche Stärke des Westens ausmacht: Westliche Nationen besäßen die höchsten kulturellen und ethischen Standards, weshalb sie internationale Institutionen beherrschten und andere Länder nur zuließen, sofern sie sich ihren Standards anschlössen. Heute gehe es nicht mehr um Land, Ressourcen oder Märkte, sondern um die Formulierung von Regeln und Konventionen. Kann sich Deutschland aus diesem Wettbewerb der Sys-teme heraushalten? Oder ist umgekehrt der europäische und insbesondere deutsche Begriff von öffentlicher Kultur und Aufklärung, Meinungsfreiheit und Gleichheit globalisierbar? Denn er ist ja alles andere als global akzeptiert. Derzeit finden erstaunliche Transformationen im urbanen Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturkreise statt. Im Pearl River Delta, in Dubai, Schanghai oder Mumbai sind Laboratorien entstanden, in denen sich neue Formen kreativen Ausdrucks herausbilden werden. 


Deutschland braucht nun eine Denkfabrik, in der Kunst, auswärtige Politik, Wissenschaft und Wirtschaft der Frage nachgehen, wie sich deutsche Soft Power international darstellen lässt. Anders gesagt: das Modell Meiningen plus Berlin. Die Alternative ist: entweder in Schönheit vereinsamen oder für das eigene Modell einstehen und es auf seine Globalisierbarkeit prüfen. 



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