Yu Swainehunt

Hermann Joseph Hiery

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Ein kräftiges „Gris Gott!“ schallte mir aus dem dunklen Urwald entgegen. Es war an einem Abend im Jahr 1985 und ich befand mich auf einer „Entdeckungstour“ im Norden Papua-Neuguineas. Nicht unbedingt eine Gegend, in der man einen solchen Gruß hätte erwarten können. Die Sonne war bereits untergegangen – die Dämmerung verabschiedet sich in den Tropen immer sehr schnell – und es war schon recht dunkel. Vor allem aber: Wie konnte der grüßende Fremde, ein einheimischer Neuguineer, wissen, dass ich Deutscher war?


Es dauerte nicht lange, bis ich erfuhr, dass „Gris Gott“ in jener Gegend die Begrüßungsformel für Hinz und Kunz darstellte. Sie war durch irgendeinen deutschen Pater vor ewigen Zeiten unter den dortigen Einheimischen eingeführt worden und seitdem wurde jeder, ob schwarz oder weiß, zu jeder Tages- und Nachtzeit so begrüßt. Andere Wörter deutschen Ursprungs mit eher zweifelhaften Konnotationen waren damals im Nordosten Neuguineas ebenfalls noch zu hören: „Yu Swainehunt“ (Du Schweinehund) zum Beispiel, ein nicht gerade freundliches Attribut, das die einheimischen melanesischen Arbeiter auf den großen Pflanzungen während der deutschen Kolonialzeit hören mussten und in ihre abgelegenen Heimatdörfer mitgebracht hatten.


1985 lebten – trotz einer im Durchschnitt relativ kurzen Lebenserwartung, vor allem infolge der weit verbreiteten


Malaria – noch einige Ältere, die sich gut an die deutsche Kolonialzeit erinnern konnten. „Hängen geblieben“ ist bei diesen Alten die Beharrlichkeit, Geradlinigkeit und die Disziplin der Deutschen, nicht zuletzt auch ihre Strenge. Wie im deutsch-kolonialen Afrika wurde auch in Deutsch-Neuguinea geprügelt. Die Prügelstrafe war hier aber kein offiziell zugelassenes Mittel des Strafrechts (wie in Afrika), sondern sie wurde „disziplinarisch“ verhängt, vor allem gegen die Arbeiter auf den großen Pflanzungen. Dass man gegen die wenigen Deutschen in der Kolonie (1884 bis 1918 waren es insgesamt nicht einmal 4.000 Personen) nicht, wie in Südwest- oder Ostafrika, rebellierte, lag zum einen an der ethnischen Zersplitterung des Landes (bis heute existieren dort mehrere Hundert unterschiedlicher Sprachen), zum anderen aber auch daran, dass das Verhalten der Deutschen als „berechenbar“ wahrgenommen wurde, als eines mit dem man sich arrangieren konnte – so jedenfalls war die übereinstimmende Meinung der befragten Alten. „Arbeit, Arbeit, nichts als Arbeit“ – das war ihr hauptsächliches Fazit. Man gewöhnte sich an die „deutsche“ Auffassung der Zeit und bekam eine andere Einstellung zu ihr, ihrem Ablauf und ihrer Organisation. Besonders imponierten die wenigen vor Ort tätigen deutschen Frauen, zumeist evangelische Missionarsfrauen oder katholische Nonnen. Sie machten Dinge und durften Dinge tun, die für einheimischen Frauen tabu waren.


Offiziell „deutsch“ wurden der nordöstliche Teil Neuguineas, der zweitgrößten Insel der Welt, und die östlich vorgelagerten Inseln des bis heute so genannten „Bismarckarchipels“ im Herbst 1884, als am 3. November von den Kapitänen Schering und Langemak und der Mannschaft Ihrer Majestät Fregatte „Elisabeth“ und des Kanonenbootes „Hyäne“ auf der Halbinsel Matupi die deutsche Fahne gehisst wurde. Einige deutsche Ortsnamen haben bis heute überlebt. Auch im seit 1985 politisch unabhängigen Papua-Neuguinea gibt es eine Langemak Bay und ein Finschhafen im Nordosten der Hauptinsel, ein nach dem deutschen Geografen und Ethnologen Otto Finsch benanntes kleines Städtchen, das zur ersten Hauptstadt der deutschen Kolonie Neuguinea auserwählt wurde und in dem die evangelisch-lutherische Kirche ihren ersten großen Missionsstützpunkt errichtete. Auf der Insel Bougainville existiert ein Queen Carola Harbour, der benannt ist nach Königin Carola von Sachsen (1833-1907). Alles in allem dürften heute noch etwa 50 Orts- und Regionalnamen deutscher Herkunft sein.


Von der deutschen Architektur ist wenig bis gar nichts erhalten geblieben. Die meisten Gebäude waren ohnehin in Holz errichtet worden. Steinbauten gab es nur wenige. Die noch verbliebenen, darunter fast alle Kirchen, fielen im Zweiten Weltkrieg, als Neuguinea Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen Japanern, Amerikanern und Australiern war, US-amerikanischen Bombenangriffen zum Opfer.

Auch die deutschen Spuren in der Landessprache Tok Pisin verlieren sich immer mehr. Wegen der vielen unterschiedlichen Sprachen in Neuguinea bildete sich, zunächst im Handel, später insbesondere auf den Großpflanzungen – Tabak, Baumwolle, Sisal, Kaffee, Kakao – mit ihren vielen Arbeitern aus den unterschiedlichsten Regionen, im 19. Jahrhundert eine Mischsprache, wissenschaftlich Kreolsprache genannt, heraus. Das Tok Pisin enthält Worte aus einheimischen Sprachen, aus dem Samoanischen, Chinesischen, Französischen und vor allem aus dem Englischen. Von einer ganzen Reihe ursprünglich deutscher Entlehnungen sind heute nur noch wenige geblieben. „Raus“, vor allem in der Verbform „rausim“, und „blut“ hört man noch fast überall, „srick“ (zurück) und „popaia“ (vorbei, daneben, falsch), sind eher selten geworden. Das deutsche „beten“ findet sich noch in der Tok-Pisin-Übersetzung der Bibel, in den Gottesdiensten sowohl der Katholiken wie der Protestanten ist es aber weitgehend durch „pre“ (pray) ersetzt worden. Immerhin: Grammatik, Satzstellung und vor allem Schreibweise („Haus Post“ für Postamt beispielsweise) des Tok Pisin sind sehr durch das Deutsche geprägt worden.


Deutsche Siedler gab es in der Kolonie Deutsch-Neuguinea nur wenige. Fast alle von ihnen wurden von den Australiern am Ende des Ersten Weltkrieges enteignet und ausgewiesen. Nur eine Handvoll, wie die Krankenschwester Auguste Hertzer oder der spätere Goldgräber Schmidt-Karkar, durften bleiben. Die meisten deutschen Missionare verblieben aber in Neuguinea, eine Ausnahmesituation, die völkerrechtlich nach der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund abgesichert war. Während des Zweiten Weltkrieges wurden aber viele deutsche Missionare von den Japanern gefoltert, ermordet, hingerichtet. Dass Hitler-Deutschland offiziell mit dem japanischen Kaiserreich verbündet war, spielte in der japanisch besetzten Kolonie Neuguinea keine Rolle.


Auch heute noch sind deutsche Patres, Pastoren, Nonnen und Laienbrüder vor Ort und bilden das „letzte“ deutsche Element in Papua-Neuguinea. In Vunapope (wörtlich: Dorf des Papstes) residiert noch ein deutscher Erzbischof und in der Erzdiözese Rabaul leben und arbeiten noch einige wenige deutsche Patres, Nonnen und Laienbrüder der Herz-Jesu-Mission. Auf dem sogenannten Festland von Neuguinea sind es ein paar mehr Steyler Missionare. Doch auch ihre Tage scheinen gezählt. Wenn sich auch so mancher deutsche Tourist auf einen Abenteuerurlaub im Lande freut, in Papua-Neuguinea zu leben und zu arbeiten, können sich heute offensichtlich nur wenige aus Deutschland vorstellen, erst recht nicht im Dienst der Kirche.


Neben Neuguinea waren viele Inseln Mikronesiens und die westlichen Inseln des Samoa-Archipels deutsche Kolonie. Die Japaner, die Mikronesien 1914 besetzten und seit 1921 im Namen und Auftrag des Völkerbundes auch offiziell verwalten durften, waren toleranter als die Australier in Neuguinea. So konnten einige der deutschen Siedler bleiben. Ihre Nachkommen gehören heute zur politischen und wirtschaftlichen Elite der Inselstaaten. Auf Samoa, das erst 1900 als letzte Kolonie deutsch geworden war, und wo der Gouverneur Wilhelm Solf eine zurückhaltende paternalistische Politik in Abstimmung mit einheimischen Ratgebern – und bewusst ohne Einsatz der Prügelstrafe – verfolgte, hatte der Großhäuptling Tamasese gegenüber der neuseeländischen Militärverwaltung durchgesetzt, dass die deutschen Ehemänner bei ihren samoanischen Frauen bleiben durften. So gab es in letzter Minute noch eine Reihe von deutsch-samoanischen Eheschließungen. Wer heute durch die Straßen Apias schlendert oder das Telefonbuch Samoas durchblättert, dem fallen die vielen deutschen Namen auf: Kruse, Berking, Stünzner. Besitzer des größten Schnellimbisses Samoas ist Hans-Joachim Keil, dessen Vater lange Jahre deutscher Konsul gewesen war und der selbst immer wieder als Minister amtierte. Stellvertretender Premierminister Samoas ist Hermann Misa Retzlaff. Der Name, unter dem ihn in Samoa jeder kennt, lautet kurz: „Telefoni“. Der Großvater, den es einst aus Stettin nach Samoa verschlagen hatte, war dort für den Aufbau des Telefonnetzes verantwortlich gewesen.


Niemand von diesen Samoa-Deutschen spricht heute Deutsch, aber der Name Deutschland hat in Samoa immer noch einen guten Klang. Im Gottesdienst hört man die Leute mit Inbrunst die deutsche Nationalhymne singen – die Melodie des haydnschen Kaiserquartetts ist in Samoa ein beliebtes Kirchenlied. Ihre besondere Verbundenheit zu Deutschland brachten zwei ehemalige Kolonien dadurch zum Ausdruck, dass sie 1989 (Samoa) zum Fall der Mauer und 1990 (Marshallinseln) zur Wiedervereinigung Sonderbriefmarken herausgegeben haben. Zwar kennt man in der Südsee Angela Merkel nicht und auch keine anderen deutschen Politiker, doch die deutsche Fußballnationalmannschaft ließ einige Leute in Papua-Neuguinea früh aufstehen, um deren WM-Spiele live im Fernsehen zu verfolgen. Und jeden Morgen, wenn die Sonne über der „Perle der Südsee“ aufgeht und die kleine Polizei des Landes zur Flaggenhissung zum Regierungsgebäude marschiert, hat man den Eindruck, bei allem Südseeflair sei in Samoa doch etwas „Deutsches“ hängen geblieben.



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