Thomas Mann als Handicap

Rosa Ribas

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Die deutsche Literatur hat es schwer in Spanien, ich glaube sogar, dass sie es überall außerhalb des deutschen Sprachraums schwer hat. Ich hörte eine nordamerikanische Verlegerin einmal provokant behaupten, das große Handicap der deutschen Literatur sei Thomas Mann. Eine Übertreibung, sicher, aber bezeichnend für das Bild, das man von deutschen Autoren hat: schwierig. Die deutsche Literatur ist intellektuell, dicht, ernst, philosophisch – kompliziert. Das ist die Vorstellung, die auch in Spanien vorherrscht. Die deutsche Literatur: Das sind Goethe und Mann. Das ist im Grunde nicht schlecht, aber Respekt einflößend. Es wird relativ wenig aus dem Deutschen übersetzt und davon kennt man noch weniger sogar große Erfolge wie aus jüngerer Zeit „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann werden nicht wahrgenommen. Natürlich gibt es auch Ausnahmen von dieser Regel, wie der internationale Erfolg von „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink zeigt – auch wenn diese Welle aus den USA nach Spanien herüberschwappte.


In der Tat, die deutsche Literatur hat es nicht leicht in der Welt, aber einige von uns verfangen sich dennoch für immer in ihrem Netz.


Die erste Berührung mit der deutschen Literatur, an die ich mich erinnern kann, teile ich mit sehr vielen spanischen Kindern, die wie ich keine Ahnung hatten, dass es sich um auf Deutsch verfasste Texte handelte. Ich meine die Märchen der Brüder Grimm. Zu unserer ersten Schullektüre gehörten gekürzte Versionen der grimmschen Märchen. Man hatte ihnen ihre Brutalität nicht genommen, sie jedoch durch watteweiche Illustrationen versüßt. Dass die Brüder Grimm Deutsche waren, entdeckte ich erst in der Jugend, als in mir das Bewusstsein reifte, dass die Texte, die wir lesen, gar nicht für sich allein stehen, sondern sich dahinter ein Autor verbirgt. Ihre Nationalität zu entdecken, überraschte mich nicht so sehr wie ihre Seriosität: Das waren Philologen. Oje!


Der erste Autor deutscher Sprache, der Spuren bei mir hinterließ, war Hermann Hesse. Viele in meiner Generation lasen, tauschten und bewunderten seine Bücher „Der Steppenwolf“ und „Demian“. Seltsamerweise gelang es mir nicht, „Siddhartha“ zu lesen, ich legte das Buch nach den ersten Seiten weg. Mein Lieblingsbuch war die Erzählung „Unterm Rad“. Ich traue mich immer noch nicht es jetzt, wo ich Deutsch kann, wieder zu lesen, ich vermute aus Furcht, dass es keiner reifen Lesart standhielte. Ganz anders geht es mir mit Kafka, den ich auch schon in meiner Jugend entdeckte und der heute, da ich das große Glück habe, ihn auf Deutsch zu lesen, immer noch zu meinen Lieblingsautoren zählt. Und Thomas Mann hat mich schließlich auch erreicht, über einen Umweg, den Film „Der Tod in Venedig“ von Visconti. Am Anfang stand eine filmische Umsetzung, dann das Buch, auf das weitere Werke Thomas Manns folgten, unter ihnen mein Lieblingsbuch von ihm, „Der Zauberberg“. 


Ohne System, aber überaus eifrig begann ich weitere deutschsprachige Autoren zu lesen: Böll, Brecht, Dürrenmatt, Frisch, Cannetti, Roth, Bernhard – Deutsche, Schweizer, Österreicher, Tschechen oder Bulgaren. Wie man sieht, handelt es sich eher um einen Sprachraum, der mich anzog, als um Einfriedung in nationale Grenzen. Für mich entstand hier eine Wahlverwandtschaft.


Die endgültige Brücke zur deutschen Sprache schlug die Musik. Die Mehrzahl meiner Lieblingskomponisten sind Deutsche oder Österreicher. Sie gaben den letzten Ansporn, die Sprache zu lernen, um der Kultur näher zu sein und um die Lieder von Komponisten wie Schubert, Schumann, Wolf, Brahms oder Mahler zu verstehen. Sie zu hören, ohne sie zu verstehen, löste in mir ein riesiges Gefühl von Einseitigkeit, von Verlust aus. Das Verhältnis zwischen Worten und Musik entzog sich mir, auch wenn ich mit diesen Stücken einige meiner ersten deutschen Vokabeln lernte, deren Klangfülle in den Umlauten steckt. Als ich anfing, die Sprache zu studieren, noch in Barcelona, übte ich besonders, die Worte wiederzugeben, deren Klang mich faszinierte: „fünf“, „zurück“, „hören“, „März“. Den Unterschied zwischen langen und kurzen Vokalen lernte ich erst später, nachdem ich mich mehrere Male mit Rum statt mit Ruhm bekleckert hatte. Doch das ist eine andere Geschichte.


Ich entschied mich, ein Jahr in Deutschland zu verbringen, um die Sprache zu lernen. Hier ist meine Geschichte nicht besonders originell, denn ständig stoße ich auf Leute, die „mal ein Jahr in Deutschland verbringen“ wollten. Ich zähle schon 18 davon. Mein erstes Buch, das ich auf Deutsch las, war ein Krimi mit dem fantastischen Titel „Gute Messer bleiben lange scharf“ von Hans-Jörg Martin. Es schmerzt mich, dass ich dieses Exemplar, in das ich mit Bleistift meine spanischen Übersetzungen gekritzelt hatte, bei irgendeinem Umzug verloren habe.
 

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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