Erinnerungssplitter

von Cees Nooteboom

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Es war im Mai, und es war in Los Angeles. Der Präsident der Loyola Marymount University, Reverend Thomas P. O’Malley von der Gesellschaft Jesu, hatte mich zur feierlichen Enthüllung eines Stücks der Berliner Mauer eingeladen, ein Geschenk der Stadt Berlin an die Universität. Verschiedene Leute sollten sprechen, darunter der Generalkonsul der Bundesrepublik, Hans-Alard von Rohr. Es war ein sonniger Tag, der Ozean milderte die Hitze der nahen Wüste. Ich fuhr über die endlosen freeways dorthin und fühlte mich eigenartig. Allein schon das Wort freeway mit all seinen Assoziationen machte den Gedanken an die Mauer sowie alle Erinnerungen, die diese wachruft, grotesk. Beide Städte gehören zu meiner Erfahrungswelt, in beiden, Berlin wie Los Angeles, habe ich gewohnt, und es sagt etwas über die geheimnisvolle Zusammensetzung unseres Gehirns, daß diese beiden so gegensätzlichen Konzeptionen unter dem begrenzten Raum unserer Schädeldecke nebeneinanderher existieren können, wenn auch nicht ohne Feindschaft.

Es wurde denn auch, wie nicht anders zu erwarten, eine merkwürdige Zeremonie. Der Rector magnificus war ein fröhlicher, runder Ire, der allem Anschein nach einem guten Tropfen nicht abgeneigt war und sich auch nicht, wie heutzutage üblich, als Zivilist getarnt hatte, sondern noch einfach so aussah, wie Priester in meiner Jugend aussahen, so daß man zumindest sofort wußte: Hier hatte man es mit einem Mann Gottes zu tun. Der Konsul hatte das Format, das zu seinem Namen gehörte, plus einem weiteren halben Meter, es war nicht schwer, sich eine Filmrolle für ihn vorzustellen. Ferner waren da noch eine rührende Dame vom American Customs Service, die glutvoll erzählte, welche bürokratischen Hürden sie hatte nehmen müssen, um dieses bemalte Stück Beton in den Hafen zu bekommen, sowie ein niederländischer – wie könnte es auch anders sein – Professor vom Department of Political Science, der sich das alles ausgedacht hatte. Das historische Objekt selbst stand da wie ein Waisenmädchen ohne Waisenhaus, verlegen und vielleicht auch ein wenig unglücklich. Es versuchte es zwar noch, aber so richtig drohend wirkte es doch nicht mehr.

Es trug eine Liebesbekundung an die Adresse einer gewissen Kristin und darum herum eine Malerei, wie man sie heutzutage in sämtlichen Galerien der ersten, der zweiten und der dritten Welt sieht, einige nicht völlig strukturlose Flächen in fröhlichen Kinderfarben. Die Studenten, die uns in einem großen Kreis umstanden und Kleider in ungefähr denselben Farben trugen, lauschten andächtig dem unantastbaren Wortstrom, der jetzt über den grünen Rasen floß, Die Unterdrückung und Die Freiheit, Der Kampf und Die Geschichte, platonische Ideen im Sonntagsstaat ihrer großen Anfangsbuchstaben, Abstraktionen, die hier, in diesem Kontext, ebensoviel mit diesem Stück Stein zu tun zu haben schienen wie die beiden Spatzen, die flüchtig auf ihm landeten mit der Unschuld von Tieren, die ihre eigene ewige Wiederholung sind und außerhalb der menschlichen Geschichte leben dürfen.

Ich spürte, wie all diese jungen Köpfe um mich herum mit aller Macht etwas denken wollten, bezweifelte allerdings, ob es ihnen gelingen würde. Und ich? Wenn ich die Augen schloß, änderte sich das Wetter, es wurde Winter, denn es war Winter, als ich diese Mauer zum ersten Mal sah, der Winter des Jahres 1963. Jetzt mußte ich mir, um mir diesen Tag wieder in Erinnerung rufen zu können, den Konsul und den Rektor und die Studenten wegdenken, ich mußte die so grünen Blätter des Baumes über uns negieren, ich mußte es eiskalt werden lassen, den schneidenden Schnee des mitteleuropäischen Festlandklimas heraufbeschwören und mit der Kraft meiner Gedanken den einsamen Beton wieder nahtlos zwischen die anderen Stücke einfügen, erst dann stand ich wieder vor einer Mauer, erst dann war ich wieder neunundzwanzig, erst dann war mir wieder kalt, erst dann stand ich wieder festgefroren in der Geschichte als Geschichte und nicht in diesem merkwürdigen, ironischen, postmodernen Ausläufer, der, und darin liegt nun gerade die Ironie, genauso dazugehört, eine von Hegels weißen Seiten – zum Totlachen. Doch mir war nicht nach Lachen zumute.

Was hatte ich damals gedacht? Daß man sich diese Situation in der griechischen oder in welcher Antike auch immer vorstellen könne: eine Stadt, die zweigeteilt war durch eine Mauer. Von Legenden und Geschichten umwoben, ein fast vergessenes Sprichwort, eine Komödie von Tirso de Molina, wiederentdeckt in einer Ecke der Bibliothek von Salamanca, eine Bearbeitung von Molière, eine Oper von Salieri, und später natürlich eine gute Stunde erhabenen süßen Videoschaums, eine Anekdote, auf der die Symbole wachsen wie fliegendes Gras, Kulturbesitz. Wir aber haben es meist mit Altertümern zu tun, die nur ein paar tausend Jahre alt sind, dasselbe Alter, wie wir in der ineinander verschachtelten Reihe der Zivilisationen haben, zu der wir noch immer gehören. Vielleicht ist das der Grund, weshalb trotz des Nukleararsenals, das zur Welt gehört wie eine Ozonschicht, unserem Tun und Lassen noch immer etwas hoffnungslos Altertümliches anhaftet, eine Antiquiertheit, die keine Reise zum Mars oder Jupiter beseitigen kann. Denn so sah es aus, man brauchte sich nur vor diese Mauer zu stellen, die Augen ein Stück weit zuzukneifen, und man sah ein tölpelhaftes Herumgewusel mittelalterlicher Landsknechte, die die Stadtmauer des Landes der anderen bewachten.

Dieselbe Gattung, die Millionen von Kilometern in wenigen Tagen zurücklegen, die Planeten im eigenen Haus besuchen und Atome spalten konnte wie ein Stück Tau, konnte jetzt auch schon eine zwei, drei Meter hohe Mauer bauen – und nicht mehr darüber steigen, genauso wie ein Ägypter oder Babylonier nicht über sie hätte steigen können, wie ein Mensch im Mittelalter seine Waffen am Tor hätte abgeben müssen, wie ein Athener in der Spree ertrinkt, wie ein Niederländer sich an dieser Mauer den Kopf einrennt und Jahrzehnte später auf der anderen Seite der Erde aufwacht und sieht, wie ein Priester und ein Diplomat ein Tuch von einem Stück Beton mit kindischen Zeichnungen wegziehen, das nun für immer dort stehenbleiben muß, um die Menschen an etwas zu erinnern, das sich nie und nimmer in einem Atemzug nennen läßt, und sei es nur deswegen, weil die Geschichte einen Januskopf hat, der in zwei Richtungen blickt: in die Vergangenheit und, paradoxerweise, auch in die Zukunft. Historiker sind rückwärts gerichtete Propheten, hat, glaube ich, Schlegel gesagt. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht.

Die Zukunft von gestern hat mit einem unnachahmlichen alchimistischen Winkelzug die Bedrohung und den Zwang, die zu diesem Stück Stein gehörten, in touristische Harmlosigkeit verwandelt, ich werde nach Strich und Faden betrogen. Meine Angst oder meine Wut oder mein Abscheu sind gegenstandslos geworden, ich muß Bilder von Männern mit Hunden und Gewehren, von Aussichtstürmen und Scheinwerfern heraufbeschwören, um noch irgend etwas von jener Wirklichkeit zu spüren, Bilder, die die anderen Umstehenden nicht in ihrem inneren Archiv haben. Und dabei war ich gegenüber dieser Mauer stets ein Außenstehender, wie würde es jenen, die damals „Innenstehende“ waren, hier ergehen? Wie erträgt man die Leugnung der eigenen Vergangenheit angesichts eines Mahnmals, das ja gerade das Gegenteil bezweckt wie fühlt man sich angesichts der Verharmlosung von etwas, das viel mehr war als der Beton, aus dem es bestand, dem immer und überall sichtbaren Symbol, das für einen selbst kein Symbol war, sondern alltägliche Wirklichkeit, die das eigene Leben, in vielen Fällen das ganze Leben, beherrscht hat? Vor zwei Wochen, wieder in Berlin, hatte ich Gelegenheit, dies alles nochmals zu überdenken. Ich wollte das Hotel Esplanade noch einmal sehen, weil mich sentimentale Erinnerungen damit verbinden, doch ich konnte es nicht mehr finden. Ich war aus dem S-Bahnhof Potsdamer Platz heraufgekommen und befand mich inmitten eines Pandämoniums. Ich stand auf einer, wie es schien, provisorischen Brücke, die unter den schweren Lastwagen erzitterte, und wußte nicht, wohin ich als erstes schauen sollte.

Tief unter mir werkelten Schwärme von Arbeitern an den Fundamenten für den Turm von Babel oder, weiß der Himmel, für einen riesigen Tunnel nach Moskau, hier war anscheinend alles möglich. Ich blickte auf das Gewirr der gelben und weißen Helme, beugte mich über das Brückengeländer, sah, wie dort, in profundis, so etwas wie ein Betongeflecht verlegt wurde, sah einen Wald von lichterschwenkenden Kränen über mir, sah, wie schwarze Marmorplatten durch die Luft befördert und langsam auf die Erde gelassen wurden, hörte zwischen alledem das antike Geräusch von Hämmern auf Stein, versuchte, die labyrinthischen Bewegungen der Hunderte unter mir zu verfolgen, und fragte mich, wer dies alles steuerte, woher all diese Männer so genau wußten, was sie zu tun hatten, wie jemand sich zwischen all diesen Leitungen, Kabeln, Rohren zurechtfinden konnte. Natürlich wurde hier alles mögliche in den Boden gerammt, doch dieses Gefühl hatte man nicht. Es schien viel eher, als sei eine riesige Stadt im Begriff, sich aus der Erde zu erheben, oder als wolle eine Stadt ganz einfach sein und bahne sich mit Naturgewalt einen Weg, und gleichzeitig verspürte ich so etwas wie Euphorie ob des Geschehens an sich und auch, ich gebe es zu, so etwas wie einen Schauder ob der Implikationen, der Macht, die hier sichtbar wurde und die in so krassem Gegensatz zu dem leisen Gejammer zu stehen schien, das sich in letzter Zeit in Deutschland erhebt, als sei das alles eine Maskerade, ein theatralischer Trick, um den Rest der Welt in den Schlaf zu wiegen. Wenn das, was ich hier sah, kein Potemkinsches Dorf war, dann mußte es doch einfach sein, was meine Augen sahen: eine Vision künftiger Macht.

Hier wurde mit der donnernden Gewalt einer Ramme eine Seite umgeblättert, hier wurden nicht weniger als drei Vergangenheiten zugleich verschüttet, in dieser Zauberlandschaft orgiastischer Arbeit wurde die Geschichte untergegraben wie ein Maulwurf, eine Million Bilder pro Sekunde, Straßenbahnen, Moden, Armeen, Bunker, Sperren, Mauern, Vopos, alles verschwand unter den Fundamenten der Tempel der neuen Mächte, wieder war ich auf diesem selben Platz gelandet zwischen etwas, das viel mehr bedeutete, als was in diesem Augenblick zu sehen war. Irgendwo in einer Ecke standen, wie beiseite geschobene Kulissenteile nach einer verunglückten Vorstellung, noch ein paar armselige Mauerstücke herum. Was war es gewesen, eine Operette? Ein Wagner in modernem Kostüm? Ein Stück von Heiner Müller? Oder dann doch Wirklichkeit, deren zurückgebliebener Schatten versuchte, sich mit jenem anderen einsamen Teil zu decken, vor dem ich im Mai in Kalifornien gestanden hatte?

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Buch „Berlin 1989/2009”, erschienen bei Suhrkamp (Frankfurt am Main, 2009). Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen und Rosemarie Still



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