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William Billows

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


„Made in Germany“ steht in der Türkei für den Export von Autos, Druckmaschinen oder Qualitätsdübeln. Doch nun hat die Universität Hamburg einen kompletten Europa-Masterstudiengang in die Türkei verfrachtet. „Wir wollen qualifizierte Eliten ausbilden, die mithelfen, die Türkei an Europa heranzuführen“, so einer der Initiatoren des Projekts, der Hamburger Jura-Professor Wolfgang Voegeli über den Studiengang, der seit diesem Wintersemester an der Akdeniz Universität in Antalya sowie in der Hansestadt angeboten wird. „Da die Türkei Beitrittskandidat der EU ist, möchte ich mehr über die Struktur der Union lernen“, sagt Fatma Cetin. Die 23-Jährige hat sich als eine der Ersten für das neue Fach an der Universität in Antalya eingeschrieben. 17.000 Studenten lernen hier. Ob europäische Integration, Arbeits- und Sozialpolitik, Formen politischer und juristischer Regulierung oder die Einbettung der EU in politische Strukturen weltweit – Fatma büffelt an der türkischen Riviera denselben Stoff wie ihre Kommilitonen an der Elbe. Die Kurse halten je zur Hälfte Professoren beider Hochschulen. Das zweijährige Studium umfasst drei Studiensemester, ein dreimonatiges Praktikum bei einem Unternehmen oder einer Institution im Ausland sowie eine praxisorientierte Masterarbeit. „Wir werden auch Exkursionen nach Ankara und Brüssel unternehmen“, freut sich Fatma. Die Unterrichtssprachen in Antalya sind Deutsch und Englisch, einige Wahlkurse finden auch auf Türkisch statt. Auch wenn der Beitritt der Türkei in die EU seit Jahrzehnten diskutiert wird – mit seinen türkischen Kollegen zieht Professor Voegeli an einem Strang: Ebenso wie er seien sie überzeugt, dass dieser nötig sei. Solle der EU-Beitritt der 70 Millionen Türken erfolgreich sein, bräuchte man Tausende von EU-Experten in Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Institutionen. Und hierfür gelte es, die Voraussetzungen zu schaffen.Völlig unproblematisch sei die Zusammenführung der beiden Hochschulkulturen gewesen, sagt Voegeli, „Probleme hat nur die Einrichtung eines gebührenfinanzierten Studiengangs in einer staatlichen Uni verursacht, an der bisher alle Angebote kostenfrei waren“. Dies habe „weniger mit interkulturellen Prob-lemen“ zu tun gehabt, als mit dem Umstand, dass die Uni mit der Kalkulation dieser Form der Finanzierung keine Erfahrung gehabt habe. Die Studiengebühren betragen 3.000 Euro pro Jahr. Viel Geld, auch für Fatma. Sie hat erst einmal einen Uni-Job als Hilfskraft angenommen. Voegeli legt Wert darauf, dass der Studienexport auch ein interkulturelles Projekt ist. Zielgruppe seien neben türkischen auch deutsche Studierende mit Migrationshintergrund. „Sie können zum Teil kaum noch Türkisch. Nun haben sie die Chance, Europa aus der Türkei-Perspektive kennenzulernen.“ Interkulturelle Kompetenz werde etwa durch Arbeiten in gemischtnationalen Gruppen und gemeinsam betreute Projekte vermittelt. Und nicht zuletzt durch ein Auslandssemester für türkische Studierende. Fatma freut sich auf Hamburg. Sie hat im Rahmen ihres türkischen BWL-Studiums bereits ein Erasmus-Halbjahr an der FH Brandenburg absolviert. „Ich möchte meine Erfahrungen vertiefen und mein Deutsch verbessern“, sagt sie. Sehen die Initiatoren des türkischen Europastudiengangs ihre Absolventen vor allem in der Politikberatung oder bei internationalen Organisationen unterkommen, denkt Fatma eher an die Tourismusbranche. „Was tut die EU, um den Tourismus zu fördern? Welche Entwicklungsmöglichkeiten bietet der Tourismus den einzelnen Ländern?“ EU-Beitritt hin oder her, im Touristenparadies Türkei erhofft sich Fatma gute Berufsaussichten.



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