Wie man in Costa Rica Briefe adressiert

Luis Chaves

Das Deutsche in der Welt (Ausgabe IV/2010)


Briefträger haben es in Costa Rica nicht einfach. „Von der Dorfschenke Doña Lela 200 Meter nach Süden, Eckhaus mit Garten davor“ steht als Adresse auf dem Umschlag. So ungewöhnlich es auch scheinen mag, dies ist eine ganz normale Anschrift in der Hauptstadt San José. Und so sind alle Adressen in Costa Rica: ein vertracktes System von Referenzen, das weder Hausnummer, Nummer von Straßen oder Hauptstraßen benutzt. Wir „Ticos“, wie man uns Costa Ricaner nennt, haben gelernt, uns auf diese Weise zurechtzufinden. Ausländern bleibt nichts anderes übrig, als sich mit der Adresse in der Hand durchzufragen.
Costa Rica ist ein kleines Land, das ins 21. Jahrhundert gelangt ist, ohne seine ländliche Prägung abzustreifen. Obwohl in San José und den Provinzhauptstädten alle Straßen und Hauptstraßen nummeriert sind, hat nie jemand diese Bezeichnungen gebraucht. Die Adressen erinnern weiterhin an ihren ländlichen Ursprung: „Vom Mangobaum 50 Meter nach Süden, zweistöckiges Gebäude, rotes Gitter“. Man findet sogar Verweise auf Dinge, die es schon nicht mehr gibt: „Vom alten Feigenbaum 100 Meter nach Osten, 25 nach Süden, weißes Haus neben leerem Grundstück“. Der Feigenbaum ist längst gefällt, aber die Leute wissen, wo er einst stand, und finden die Adresse. Sollte es Sie einmal nach San José verschlagen, besuchen Sie mich: „Zapote, Klein-Zapote, vom Seiteneingang der Don-Bosco-Schule 15 Meter nach Westen, rotes Haus mit schwarzem Tor, linker Hand“.

Aus dem Spanischen von Timo Berger



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