Nicht nur mit Maschinen arbeiten

ein Interview mit Lutz Schumacher

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Sie waren 1992 mit dem Parlamentarischen Patenschafts-Programm in den USA. Wie kam es dazu?

Das war damals eine sehr spannende Angelegenheit, denn es war das erste Programm, an dem auch junge Menschen aus den neuen Bundesländern teilnehmen konnten. Ein Jahr vorher musste man die Bewerbungsunterlagen einreichen. Das Auswahlgespräch war größtenteils auf Deutsch, aber auch ein Teil in englischer Sprache. Nach dem Gespräch wurden meine Unterlagen an den zuständigen Bundestagsabgeordneten weitergereicht, der die Auswahl traf. Als ich die Zusage erhielt, war das der absolute Hammer für mich.

Wie sah Ihr Alltag zu dieser Zeit aus?

Ich war im zweiten Lehrjahr als Werkzeugmacher, ging zur Berufsschule und arbeitete in der Lehrwerkstatt und im Betrieb.

Was haben Sie sich von dem Programm erwartet?

Ich wollte gerne einige Zeit im englischsprachigen Ausland arbeiten, aus Deutschland rauskommen und etwas anderes kennenlernen.

Sie waren sechs Monate im College und haben danach sechs Monate als Werkzeugmacher gearbeitet.

Während der Collegezeit war der ganze Tag mit Kursen belegt. In der Freizeit habe ich viel Zeit mit der Familie verbracht, bei der ich gewohnt habe. Die waren sehr aufgeschlossen, gastfreundlich und sie haben mich sehr in ihr Familienleben integriert. Sie waren sehr aktiv in der ehrenamtlichen Arbeit. Mein Gastvater hat als Fußballschiedsrichter gearbeitet, er pflegte Fußballfelder und ich begleitete ihn oft dorthin. Ich hatte dort mehr mit Fußball zu tun als in Deutschland. Während der anderen sechs Monate arbeitete ich von sieben bis 16.30 Uhr in einem kleinen Betrieb mit 15 Mitarbeitern in der metallverarbeitenden Industrie. Dort wurden Ersatzteile für deutsche Maschinen hergestellt und ich stand den ganzen Tag an einer Maschine.

Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Beim Arbeiten gibt es nicht dieses hierarchische Denken wie bei uns. Es wird nicht unbedingt an die große Glocke gehängt, wenn jemand Geschäftsführer oder Vorstandsvorsitzender ist. Derjenige kann trotzdem in T-Shirt oder Turnschuhen zur Arbeit kommen und das ist dann normal.

Hat sich Ihr Blick auf Deutschland gewandelt?

Ich schätze heute vieles sehr viel stärker an Deutschland, was mir früher selbstverständlich erschien, das Sozialsystem etwa ist in Deutschland hervorragend. In den USA ist das in der Oberschicht sicherlich kein Problem. Aber in der Mittelschicht fängt es schon an, dass sich manche keine Krankenversicherung leisten können. Wenn sie dann krank werden, bringen viele selbst die Behandlungskosten nicht auf und können deshalb nicht medizinisch versorgt werden.

Haben Sie sich in den USA persönlich verändert?

Nach meiner Rückkehr merkte ich, dass ich nicht mehr unbedingt im technischen Bereich weiterarbeiten wollte. Ansonsten hätte ich ja auch Maschinenbau studieren können, was nahegelegen hätte. Ich realisierte, dass es mir Spaß macht, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Mein Gastvater in Amerika war Jurist, er betreute Mandanten und löste also Probleme für andere. Das gefiel mir. Im Zivildienst arbeitete ich zunächst in der ambulanten Alten- und Krankenpflege, kümmerte mich also um andere Menschen. Das fand ich interessant und befriedigender, als nur mit Maschinen zu arbeiten. Letztendlich entschied ich mich für ein Jurastudium. Ich wollte in einen gesellschaftlichen beziehungsweise sozialen Bereich.

Das Interview führte Christine Müller

Das Parlamentarische Patenschafts-Programm wird vom Deutschen Bundestag und vom US-Kongress gefördert und von der Organisation Inwent durchgeführt. Weitere Informationen unter www.inwent.org



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