Kreatives Winseln

von Karola Klatt

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Carina, Vera, Friedrich, Johan Lucas, Susanne, Christine, Natalia, Daniel und Olinga – so heißen die glücklichen Gewinner des ersten „demokratischen Stipendiums“. Nicht ein Gremium ehrwürdiger Professoren hat ihnen aufgrund herausragender Leistungen eine finanzielle Förderung ihres Studiums gewährt. Es waren Internetnutzer, die mit Mausklicks Geldsegen brachten. Die Internetjobbörse absolventa.de, die zahlenden Unternehmen für ihre offenen Stellen geeignete Bewerber mit akademischem Abschluss vermittelt, hat 534 Studenten und Absolventen ausgewählt, die ihre Bewerbungen um Bares auf der Absolventa-Seite online stellen durften. Wie die Kandidaten ihre Geldbitten vorbrachten, ob mit Motivationsschreiben, selbstgedrehten Filmchen oder Powerpointpräsentationen, war ihnen selbst überlassen, ebenso die Höhe der benötigten Summe und ihr Verwendungszweck.

So wollte eine Bewerberin sich ihr ganzes Promotionsvorhaben mit 14.000 Euro fördern lassen, einem bescheideneren Studenten hätten knapp 200 Euro für eine benötigte Software genügt. Demokratie funktionierte bei der Stipendienvergabe wie folgt: Jeder Internetnutzer, der sich auf der Seite des Absolventa e. V. mit seiner E-Mail-Adresse registrieren ließ, konnte einem Bedürftigen seine Stimme geben – oder auch mehreren. Insgesamt 15.000 Euro Fördersumme, gesammelt unter anderem bei den Unternehmen Henkel, otto group, KarstadtQuelle Versicherungen und der Deutschen Bahn, hat Absolventa an die Kandidaten mit den meisten Stimmen verteilt. „Wir können also diejenigen fördern, die nicht unbedingt Einsen haben die nicht unbedingt den akademischen Hintergrund oder die Unterstützung in der Familie haben“, erklärte Felix Struening von Absolventa den angeblich volksnahen Ansatz der Idee in einem Radiobeitrag des Westdeutschen Rundfunks.

„Virtuelles Betteln“ nennt das die Zeitschrift Neon und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Die eine Studentin versucht Mitleid zu erwecken, weil sie ihr Studium mit Ausbeuterjobs finanzieren müsse, die andere bejammert ihre Herkunft aus dem armen Land Albanien, das doch so dringend kluge Köpfe brauche. Wirkungsvoll ist auch eine schwere Kindheit, wie bei Johan Lucas. Der soziale Underdog bewirbt sich ganz klassenbewusst mit einem Rapsong: „Bin Student, gerade im dritten Semester / Früher noch als Kind war ich überall nur Letzter / Ich ging auf die Hauptschule und von dort aus auf die Straße / Meine Mutter hatte Spaß am Alk und für mich fiel der Spaß weg.“ Wer wollte dem Designstudenten aus Hildesheim die 1.400 Euro nicht gönnen, die er für seinen Traum von einem oder zwei Auslandssemestern in der Türkei braucht?

Grobe Vernachlässigung allein reichen in der Online-Demokratie des Absolventa e. V. aber nicht, um ganz nach oben zu kommen. Es komme auch darauf an, „aktiv Wahlkampf für die eigene Bewerbung zu machen“. Und so versenden die Veranstalter kurz vor Ablauf der Abstimmungsfrist noch eine Motivationsmail an abgeschlagene Kandidaten: „Wusstest Du, dass Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten geworden ist, weil Tausende Begeisterter andere Tausende angerufen haben, um für ihn zu werben? So funktioniert Wahlkampf!“ Schade, dass der Begriff „demokratisch“ nicht geschützt werden kann. Im Herbst startet die nächste Runde dieses zutiefst populistischen Spektakels.



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