„Ich will für Frauen dolmetschen“

ein Gespräch mit Emel Erdem

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Wie haben Sie von dem Studiengang „Sprache, Kultur, Translation“ für Türkisch erfahren?

Von Sebnem Bahadir, der Koordinatorin des Studiengangs am Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft auf dem Campus der Johannes-Gutenberg-Universität in Germersheim. Sie hat mich auch davon überzeugt, dass meine Kenntnisse in den Sprachen Deutsch und Türkisch und in beiden Kulturen eine sehr gute Grundlage für dieses Studium sind.

Entspricht das Studium Ihren Erwartungen?

Auf jeden Fall. Dadurch, dass es auch Studierende aus der Türkei gibt, entsteht eine bereichernde, spannende Dynamik in der Gruppe. Mir gefällt auch, dass sich die Übungen am wirklichen Leben orientieren.

Können Sie Beispiele nennen?

In Germersheim kooperieren wir mit einem Verein bei dem Projekt „Heimat finden in Germersheim – 50 Jahre Migration“. Wir Studierende haben türkische Migranten interviewt. Nun transkribieren wir die Gespräche und übersetzen sie ins Deutsche und im Mai 2010 wird daraus eine Ausstellung. Ein anderes Beispiel: Im vergangenen Semester haben wir eine Broschüre Korrektur gelesen, die ein Arzt für seine türkischstämmigen Patienten herausgibt. Ich habe mir die Menschen vorgestellt, an die sich die Informationen richten, und es beim Bearbeiten des Textes berücksichtigt.

Der Adressat muss also immer im Blick sein?

Ja, genau. Das lernen wir anhand der praktischen Übungen und in Theorie-Seminaren. Für wen übersetze ich? Mit welchem Ziel? Diese Fragen stehen dann im Mittelpunkt.

Sie sprachen bis jetzt vom Übersetzen, wie sieht es denn mit Dolmetschen aus?

Noch würde ich mich nicht trauen, vor Gericht oder vor einer offiziellen Instanz zu dolmetschen. Diese Kompetenzen muss man sich erst erweben. Dem widmen wir uns im kommenden Semester in Seminaren zum Fachdolmetschen. Wir gehen dann auch in die Dolmetscherkabine und üben den Ernstfall.

Die meisten der in Deutschland aufgewachsenen Türkischstämmigen lernen Türkisch von ihren Eltern und nicht in der Schule. Wie war es bei Ihnen?

Türkisch habe ich in der Tat im Elternhaus gelernt. Ich bin in Deutschland geboren und hier auch in einem türkischen Umfeld aufgewachsen. Obwohl ich bis zu meiner Heirat fast jedes Jahr die Ferien in der Türkei verbracht habe und recht gut Türkisch konnte, hatte ich Lücken. Letztlich bin ich mit der Alltagssprache von Menschen aufgewachsen, die 1972 ihr Herkunftsland verlassen haben. Sprache ist etwas Lebendiges, sie verändert und entwickelt sich. Diesen Prozess haben wir Deutschtürken nicht mitgemacht. Das hole ich im Studium nach, vor allem lerne ich Fachbegriffe und die wissenschaftliche Sprache.

Welche Perspektiven ergeben sich für Absolventen dieses Studiengangs?

Die türkisch-deutschen Beziehungen wachsen auf unterschiedlichen Ebenen. Es gibt immer mehr kulturelle Veranstaltungen, wirtschaftliche Aktivitäten, Seminare und Tagungen, aber kaum qualifizierte Fachkräfte für die türkische Sprache und für die Kulturvermittlung. Insofern schätze ich die beruflichen Chancen gut ein. Bedauerlicherweise ist der Beruf des Übersetzers nicht geschützt. Es gibt viele, die meinen, zwei Sprachen zu sprechen, bedeute, übersetzen zu können – mit dem Ergebnis, dass es in den Texten nur so von Fehlern wimmelt. Der Masterstudiengang ermöglicht, die Herkunftssprache und -kultur zu verfeinern und sich zu professionalisieren, mit dem akademischen Abschluss lässt sich nachweisen, dass man sich mit der Sprache und Kultur wissenschaftlich beschäftigt hat.

Wo sehen Sie sich beruflich?

Ich könnte mir vorstellen, für soziale Einrichtungen zu arbeiten und für Frauen zu dolmetschen. Ich habe schon Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt und für Heiratsmigrantinnen gedolmetscht. Das war sehr interessant, weil ich mein Wissen über Strukturen in Deutschland anwenden konnte und mich in die Situation der Klientinnen versetzen konnte, da mir ihr kultureller Hintergrund vertraut ist. Mich reizt die Verbindung von Dolmetschen und sozialem Engagement.

Wie schätzen Sie ihre Chancen als Kopftuchträgerin ein? Es gibt ja Institutionen, unter anderem auch kirchliche Arbeitgeber, die keine verschleierten Frauen einstellen …

Bisher habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht, mein Kopftuch spielte keine Rolle.

Haben Sie ein türkisches Lieblingswort?

Spontan würde ich sagen: „canim“.

Was bedeutet das?

Das lässt sich nicht eins zu eins übersetzen. „Canim“ kann „meine Seele“, „mein Herz“, „mein Leben“ bedeuten. Es klingt sehr zärtlich, ich liebkose meine Tochter mit „canim“.

Das Interview führte Canan Topçu



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