„Eine Redaktion muss eine Identität haben“

von Ibrahim Helal

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Die Idee, einen englischsprachigen Al-Jazeera-Kanal zu gründen, begann mit dem Gefühl, der Menschheit moralisch verpflichtet zu sein. Al Jazeera besaß einzigartige Zugangsmöglichkeiten zu einer Geschichte, die global das stärkste Interesse erregte: zur Welt nach dem 11. September 2001. Wir fühlten uns verpflichtet, die Wahrheit, so wie wir sie kannten, in einer weltweit verständlichen Sprache auszusprechen. Bei seiner Gründung durch die Kataris im Jahr 1996 war Al Jazeera als panarabischer Nachrichtensender gedacht gewesen und es war nicht geplant, ihn über den arabischsprachigen Raum hinaus auszudehnen. Die Idee, einen Nachrichtensender zu errichten, der rund um die Uhr auf Arabisch sendete, erschien damals revolutionär genug, denn in der arabischen Welt waren präzise Informationsquellen Mangelware. Der Name „Al Jazeera“ bedeutet „die Insel“ oder „die Halbinsel“. Die Kataris wollten eine Insel der Wahrheit im Ozean der Lügen erschaffen. Deshalb musste Al Jazeera reagieren, als nach dem 11. September 2001 Fehlwahrnehmungen und ungenaue Berichterstattung häufige Phänomene in westlichen Medien wurden: Der Sender machte seine regionale „Insel“ zu einer internationalen.

Interkulturelle Medien, auf die das Prädikat „International Broadcasting“ wirklich zutrifft, gab es vor den Anschlägen vom 11. September nur sehr vereinzelt. Die Radiokanäle des BBC World Service sind noch das beste Beispiel. Während CNN International deutlich den amerikanischen Lebensstil widerspiegelte und BBC World TV von der britischen Kultur bestimmt war, stand bereits bei den Planungen eines englischsprachigen Al-Jazeera-Kanals fest, dass diese Medienorganisation multikulturell sein sollte.

Nach den Terroranschlägen gingen viele sogenannte „internationale“ Kanäle an den Start. Von mächtigen Regierungen gesponsert, war es offensichtlich, dass hinter jedem dieser neuen Mediendienste politische Motivationen steckten. Die USA beispielsweise wollten sich Anteile am arabischen Fernsehmarkt sichern und gingen im Februar 2004 mit dem Kanal „Al-Hurra“ (arabisch für „der Freie“) auf Sendung. Aus ähnlichen Gründen begannen Russia Today und France 24 auf Arabisch zu senden und auch die BBC verschaffte ihrem arabischen Programm einen neuen Auftritt.

Jede „Macht“ bemüht sich nicht nur aus journalistischen, sondern auch aus kulturellen, kommerziellen und politischen Gründen um mediale Präsenz, die Grenzen überschreitet. Wo auch immer man ist, hängt die Zusammensetzung des Nachrichtenprogramms von verschiedenen Faktoren ab. Nicht nur die zur Verfügung stehenden Gelder, sondern auch die geografische Lage der Redaktionszentrale spielen eine wichtige Rolle. Obwohl das vielleicht nicht zu sehen ist: Jede Nachrichtenredaktion braucht ihre eigene Persönlichkeit. Eine Redaktion ist wie ein menschliches Wesen, sie hat ein Gehirn, Herz, Augen, Hände und Beine. Außerdem hat sie einen Mund, von dem man meinen sollte, dass er in der Lage ist, zu kontrollieren, was er sagt. Die Redaktion einer internationalen Medienorganisation muss eine Identität haben ebenso wie einen Moral- und Verhaltenskodex.

Informationen werden immer leichter und schneller zugänglich und das Fernsehen verliert dabei an Bedeutung. Die jüngere Generation benutzt eher Internet und Mobiltelefone, um zu erfahren, was um sie herum passiert. Fernsehen als Unterhaltungsmedium hat aber noch seinen Platz, deshalb haben viele Sendungen, die aktuelles Tagesgeschehen präsentieren, den Stil des „Infotainments“ angenommen. Sie mischen also Information und Unterhaltung.

Das Publikum von heute ist nicht naiv. Es erkennt leicht jede Art von voreingenommener Darstellung und nimmt sie als Anlass, den Sender zu wechseln. Wegen des starken Wettbewerbs zwischen Hunderten von Medienanbietern sind die Erwartungen groß. Medien, die international senden, brauchen ein hohes Maß an Ehrlichkeit und Transparenz, um überleben zu können. Sie müssen die Details einer Story begreifen und in die Gesellschaften, über die sie berichten, eintauchen, um sich gegenüber Konkurrenten auszuzeichnen. Wir versuchen dies so gut wie möglich zu verwirklichen, indem wir unseren Schwerpunkt auf lokales Wissen legen und es zu unserem Markenzeichen gemacht haben, dass wir „die Welt über sich selbst berichten lassen“.

Regierungen haben inzwischen erkannt, dass Medienanstalten höchst professionell sein müssen, um Köpfe und Herzen ihres Zielpublikums zu gewinnen. Trotzdem möchten Regierungen vor allem in Krisenzeiten, dass die von ihnen unterstützten Medien auch ihre Einstellungen teilen, und schränken damit die Unabhängigkeit der Redaktionen ein. International Broadcasting wird dem Weltmarkt immer ähnlicher. Eine unsichtbare Hand sorgt dafür, dass freier Wettbewerb herrscht, aber ebenso wie in der Wirtschaft besteht ein Bedürfnis nach staatlicher Kontrolle. Internationale Nachrichten zu produzieren ist sehr teuer und trägt sich noch nicht selbst. Sowohl Vorschriften als auch direkte finanzielle Unterstützung sind deshalb weiterhin notwendig.

Aus dem Englischen von Charlotte Pardey



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