Abgeschottet und fremd

von Wilhelm Siemers

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Ein Montag ist kein guter Tag, um die Berliner Ausländerbehörde zu besuchen. Montags gibt es dort immer lange Warteschlangen und man hat viel Zeit, zu begreifen, dass man ein Ausländer in Deutschland ist. Auch der ukrainische Student Filipp Matkow steht an einem Montag im Herbst vergangenen Jahres in den Fluren der Behörde, um sich eine deutsche Aufenthaltserlaubnis für sein einjähriges Politikstudium in Berlin zu beschaffen. Der 22-Jährige hat kein gutes Gefühl. Schon manches Gerücht über die Unfreundlichkeit der Sachbearbeiter hat er gehört. Doch als der Angestellte, nach kühler Begrüßung, seine Dokumente prüft, wird er plötzlich sehr viel freundlicher. „Sie sind in Potsdam geboren?“, fragt er und Filipp beginnt zu erzählen, warum in seinem dunkelroten ukrainischen Reisepass als Geburtsort „Potsdam“ steht.

Viele Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion wurden auf deutschem Boden geboren. Sie sind die Kinder von Militärangehörigen der sowjetischen Truppen, die in der Sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, und zuletzt im Ostteil der Bundesrepublik bis zum Abzug vor 15 Jahren, am 31. August 1994, stationiert waren. Mehr als zehn Millionen sow-jetische Soldaten und Militärs verbrachten im Rahmen ihres Armeedienstes einige Zeit in Ostdeutschland. Eine genaue Anzahl der sowjetischen Kinder, die in der DDR zur Welt kamen, kann jedoch nicht ermittelt werden.

Filipps Vater, Sergej Matkow, diente von 1982 bis 1987 erst als Leutnant, später als Oberleutnant in der sogenannten Gruppe der Sowjetischen Truppen in Deutschland. Drei Jahre war er in der Kreisstadt Prenzlau in einer Panzerdivision stationiert, zwei weitere Jahre in der brandenburgischen Stadt Bad Freienwalde. Seine Frau Tatjana lebte die ganze Zeit bei ihm. Beide Kinder der Matkows wurden in der DDR geboren. Filipp 1986 und seine ältere Schwester Wasilina 1984. Ein Jahr nach Filipps Geburt endete die Zeit der Familie in Deutschland. Sergej Matkow wurde in die Garnisonstadt Berdytschew in der heutigen Ukraine versetzt. Heute sind die Matkows als Teil der russischen Minderheit Staatsbürger der Ukraine.

An die Zeit in der DDR können sich die Kinder nicht erinnern, ihre Mutter Tatjana dafür umso besser: „Wir hatten keine deutschen Freunde. Wir hatten fast keine Kontakte mit den Ostdeutschen. Natürlich haben wir in den deutschen Geschäften eingekauft, aber wir haben da nicht groß mit jemandem gesprochen, weil wir kein Deutsch konnten“, erzählt die Russin. Das Verhältnis der DDR-Bürger zu den sowjetischen Truppen war nicht gut. Tatjana erinnert sich an eine Szene, als sie mit der Tochter in ein deutsches Geschäft kam, um Spielzeug für die Kleine zu kaufen. Sie zeigte mit dem Finger auf eine Puppe, aber die deutsche Verkäuferin sagte prompt: „Nein, nein!“ und legte die Puppe unter den Ladentisch.

Und dennoch hatte Filipp Matkow schon als Junge den Wunsch, eines Tages nach Deutschland zu gehen. Als Zehnjähriger, im Jahr 1997, besuchte er das Land seiner Geburt zum ersten Mal. An der polnisch-deutschen Grenze prüften Bundespolizisten in makellosen Uniformen mit neuartigen technischen Lesegeräten die Pässe der ukrainischen Familie. „Das erschien mir sehr futuristisch“, erinnert sich Filipp. Auch von der Pünktlichkeit der öffentlichen Verkehrsmittel war der Junge hingerissen. Wie konnten die Busfahrer es schaffen, den Fahrplan so genau einzuhalten? Die Straßen, Häuser und Autos, ja selbst die Stühle und Tische erschienen ihm bunter als in der Ukraine.

Die Matkows besuchten damals auch das Haus in Bad Freienwalde, in dem sie bis zuletzt in der DDR gewohnt hatten. Am Klingelschild stand jetzt ein deutscher Name. Zu klingeln traute sich die Familie nicht. „Das Haus zu sehen, war spannend“, entsinnt sich Filipp, „aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ich dort zu Hause war.“ Trotzdem entstand der Wunsch, einmal in Deutschland zu studieren, und Filipp lernte von da an Deutsch.

Abgeschottet in der sowjetischen Kaserne brauchte Sergej Matkow in den 1980er-Jahren in der DDR die deutsche Sprache nicht. Der junge Mann hatte gerade die Militärhochschule abgeschlossen und wollte beim sowjetischen Militär Karriere machen. Er freute sich auf den Einsatz an der Grenze zur NATO. Als sowjetischer Berufssoldat und höherer Dienstgrad war der Dienst in der DDR lukrativ. Der Sold wurde zur Hälfte in DDR-Mark ausgezahlt, die andere Hälfte in Rubel auf ein Konto in der Sowjetunion überwiesen. „Wir bekamen doppelt so viel Geld wie die Offiziere in der Sowjetunion, deshalb wollten viele in die DDR. Das war eine Prestigesache“, sagt er. An die ständige Alarmbereitschaft und den stupiden Ablauf des Dienstes erinnert sich Sergej allerdings weniger gern. Auch gab es manchmal Konflikte unter den Soldaten. Die ethnische Zusammensetzung der sowjetischen Truppen war sehr gemischt. „Unter 30 Leuten konnten 28 Nationalitäten sein“, erzählt Sergej.

Die einfachen Soldaten, die ihren Wehrdienst ableisten mussten, hatten es schwer. Für sie war das Regime sehr streng. Sie schliefen in spartanisch eingerichteten Gemeinschaftsschlafsälen für 50 bis 120 Mann. Jeden Morgen gab es Frühsport. Insbesondere der Gänsemarsch, in der Hocke hundert Meter marschieren, ist vielen in schmerzhafter Erinnerung geblieben. Ein freies Wochenende hatten sie fast nie. An Sonntagen wurden Sportfeste veranstaltet. Die Mahlzeiten gab es in einer einfachen Kantine. Als Sold bekamen die Wehrpflichtigen nur ein Taschengeld.

Vom eintönigen Leben suchte sich der Oberleutnant Sergej Matkow kleine Fluchten. Sein Lieblingsplatz in Berlin war der Alexanderplatz mit Weltzeituhr und Fernsehturm im Herzen der Stadt. Für die Matkows war es damals kein Problem, sich in den Zug zu setzen und nach Berlin oder Dresden zu fahren. Der Oberleutnant gehörte zum privilegierten Militärpersonal. Doch trotz dieser Ausflüge blieben die Kontakte mit den Deutschen sehr spärlich.

Und schon damals beschlichen Sergej Matkow Zweifel über den Sinn und Unsinn des Kalten Krieges. An einem 9. Mai, dem Tag des Sieges der Roten Armee über Hitler-Deutschland, saß der Oberleutnant mit Freunden in einem Ost-Berliner Café, als plötzlich auf der Straße ein Mercedes mit westdeutschem Nummernschild vorbeifuhr. Einer der sowjetischen Soldaten rief: „Schau mal, mit welchen Wagen die Besiegten herumfahren! Und wir fahren nur Schiguli oder Fahrrad.“ „Schiguli“ war die Automarke des russischen Wolga-Automobil-Werks, die unter dem Namen „Lada“ auch nach Westeuropa exportiert wurde.

Der Fall der Mauer änderte das Leben der Matkows von Grund auf. Als aus der sowjetischen Armee auf dem Territorium der Ukraine eine ukrainische wurde, quittierte der ethnische Russe Sergej den Dienst. Heute verdient er im Textilgroßhandel sein Geld.

Eine Karriere beim Militär, wie sein Vater sie machte, zog Filipp nie in Betracht. Als er ein Junge war, lebte seine Familie in der Nähe einer Kaserne und er sah oft die Soldaten der jetzt ukrainischen Armee. Den einst so ruhmreichen Truppen fehlte es einfach an allem. „Ich habe gesehen, mit welchen Materialien die Soldaten die Kaserne renovieren mussten. Dort gab es weder gutes Essen noch eine angemessene Bezahlung.“ Filipp entschied sich, in der ukrainischen Hauptstadt Kiew Wirtschaft zu studieren. Zweimal bewarb er sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst für ein Stipendium in Deutschland. Zweimal wurde er abgelehnt. Freimütig gibt Filipp zu, dass er kein Musterschüler ist. Dafür aber ist er ein Glückskind. Für das deutsch-russische Doppelmasterprogramm „Internationale Beziehungen“ in Berlin und Moskau wurde er angenommen und konnte ein einjähriges Studienjahr in Deutschland absolvieren.

Doch das Leben in Deutschland hat Filipp sich anders vorgestellt. Er fühlt sich nicht richtig heimisch. Mit den Deutschen hat er, wie sein Vater damals, wenig Kontakt. Filipp trifft deutsche Studenten in seinem Studentenwohnheim und muss auch gelegentlich mit deutschen Studenten Referate halten. Aber Freundschaften zu schließen, gelingt ihm nicht. „Ich mag nicht gerne auf Deutsch kommunizieren“, gesteht er selbstkritisch ein. „Ich kann meine Gefühle auf Deutsch nicht ausdrücken.“ Die Deutschen empfindet er als oberflächlich, aber auch zivilisierter: „Bei uns in der Ukraine ist das Leben schwerer, deshalb sind die Menschen aggressiver.“

Zwanzig Jahre, eine ganze Generation, liegen zwischen den Erfahrungen von Sergej und Filipp, aber so verschieden scheinen ihre Lebenswelten nicht zu sein. Noch immer dominiert die Isolation, das Gefühl, als Russe beziehungsweise Ukrainer nur geduldet, aber nicht willkommen zu sein. Filipp hat die Geschichte seiner deutschen Geburt nur dem Sachbearbeiter auf der Berliner Ausländerbehörde erzählt. Seine Studienzeit in Deutschland wird eine Episode bleiben. Er ist nur ein Gast in dem Land, in dem er zufällig geboren wurde.



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