Hanni und Nanni in Indien

von Sayoni Basu

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Kinderbuchverleger aus anderen Teilen der Welt könnten durchaus neidisch sein auf indische Herausgeber. Schließlich leben in Indien gut 351 Millionen Kinder, von denen 80 Prozent zur Schule gehen und Lesen lernen. Und doch erreichen indische Auflagen – von Lehrbüchern einmal abgesehen – keine Millionenhöhen. 22 verschiedene Sprachen werden in Indien gesprochen und zergliedern den scheinbar so großen Markt.

Anders als ihre Eltern, die außerhalb der Schule noch Geschichten in ihrem regionalen Dialekt lasen, lesen die meisten indischen Kinder heute auf Englisch. Diese Entwicklung begann zunächst mit importierten Kinderbüchern, hauptsächlich aus Großbritannien. Eine ganze Generation wuchs mit den Figuren von Enid Blyton auf und verschlang die Abenteuer der US-amerikanischen jugendlichen Krimihelden Nancy Drew oder der Hardy Boys. Obwohl schon in den 1950er-Jahren erste indische Verlage begannen, eigene Kinderbücher in englischer Sprache zu verlegen, dauerte es bis zu ihrer endgültigen Etablierung lange.

Erst innerhalb der letzten fünf Jahre gründeten die großen internationalen Verlage Tochterfirmen in Indien, unter ihnen Penguin oder HarperCollins. Zusätzlich wuchs die Zahl indischer Kinderbuchverlage, die sich auf neuartige Buchformen spezialisierten: der Tara-Verlag mit seinen Bilderbüchern oder Amar Chitra Katha, der hauptsächlich Comics herausbringt. Auch das Hörbuch fand seinen Weg in die indischen Buchläden. Immer mehr bekamen so auch einheimische Kinderbuchautoren die Möglichkeit zu veröffentlichen.

Hauptsächlich bestimmen in Indien die Eltern, welche Bücher ihre Kinder kaufen. Lehrbücher gehen daher am häufigsten über den Ladentisch, die meisten mit mathematischen oder naturwissenschaftlichen Themen. Aber auch Grammatikbücher werden viel gekauft. Neben der Bildung ihrer Kinder ist den meisten Eltern die Vermittlung indischer Kultur wichtig. Regelrecht einschärfen wollen sie ihren Kindern das Wissen über indische Märchen, Mythen oder Sagen. Jedes Kind im Land kennt daher Gestalten wie Rama, Sita, Hanuman oder Ganesha und jeder indische Verlag hat neben modernen Büchern auch traditionelle Literatur, wie die Märchen von Panchatantra oder Ramayana, im Sortiment. Dieser Übereifer der Eltern, die eigene Kultur an die Kinder weitergeben zu wollen, hängt mit dem Zerfall traditioneller Familienstrukturen und der auch in Indien größer werdenden Mobilität zusammen. Bücher sind hier ein Weg, Bindungen kulturell zu festigen.

Die indische Kinderbuchszene bietet heute aber noch viel mehr, als Eltern wünschen. Viele Verlage setzen zunehmend auf kunstvolle Bilderbücher, wie zum Beispiel die der indischen Autorin Anushka Ravishankar. Auch das Jugendbuch befindet sich auf dem Vormarsch: Diese ehemals wenig beachtete literarische Gattung rückt immer mehr in den Fokus indischer Verleger. Neben Romanen werden für die Über-Zwölfjährigen viele Sachbücher über Wissenschaft veröffentlicht. Gegenwärtig ist ein Buch über Mondmissionen Bestseller. Auch Biografien verkaufen sich ausgesprochen gut.

Einer der bekanntesten indischen Kinderbuchautoren ist Ruskin Bond, dessen Charakter Rusty den meisten indischen Kindern bekannt sein dürfte. Doch nicht nur einheimische Autoren werden gelesen: Indische Kinder kennen sich sehr gut aus mit internationalen Bestsellern. So lösten „Harry Potter“ und „Twilight“ in Indien regelrechte Hysterien aus und veranlassten Kinder und Jugendliche zu lesen, die normalerweise nicht im Traum daran denken würden, einen Buchladen zu betreten. Sehr beliebt bei indischen Kindern sind auch Abenteuerserien, die nicht nur in Buchform gelesen, sondern daneben auch online in einem Computernetzwerk gespielt werden können, wie zum Beispiel „39 Clues“.

Einer der größten Unterschiede zwischen dem indischen Buchmarkt und dem westlicher Länder scheint mir die größere Experimentierfreude indischer Verleger zu sein. Fast alle Kinderbücher, die auf dem US-amerikanischen, britischen und mittlerweile auch australischen Markt erscheinen, werden auch in Indien verlegt. Meine Generation wuchs mit englischsprachiger Importware auf und auch als Erwachsene lesen wir weiter Autoren fremder Länder. Genauso selbstverständlich erscheint es uns, dass die Kinder heute dies ebenso tun. Die Offenheit gegenüber fremden Kulturen und Lebensarten scheint in Indien daher, zumindest was Bücher betrifft, größer zu sein als anderswo.

Aus dem Englischen von Maren Ziegler



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