Verwandte Geister

Tommi Laitio

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


In der polnischen Kleinstadt Gdynia verpasst der 20-jährige Lukasz seinem Kurzfilm den letzten Schliff. Der Einsendeschluss des Videowettbewerbs „StrangerFestival“ naht. Lukasz ist zuversichtlich, dass sein Film die Vorauswahl passieren wird – schließlich war er es, der 2008 in Amsterdam den Preis für das beliebteste Video einheimste. Nach dem Sieg im Wettbewerb hat er seine eigene Produktionsgemeinschaft für Videos gegründet. Seitdem hat sich die Anzahl seiner ausländischen Freunde auf Facebook verdreifacht und reicht nun von Schweden bis Belgien. Die Filmerei – früher nur Hobby – ist inzwischen für ihn eine ernsthafte Zukunftsperspektive. Seinen Wettbewerbsbeitrag speichert er als Zip-Datei und schickt ihn mit der Bitte um einen Kommentar an die junge Filmerin Paulina aus Bratislava, die er auf dem Festival kennengelernt hat.


Währenddessen klickt sich der 17-jährige Stefan aus Hamburg durch die neuesten Beiträge auf „Wreckamovie“, einer Homepage für gemeinschaftliches Filmemachen. Er öffnet einen Forumsbeitrag des Finnen Timo Vuorensola, eines der Gründer der Seite. Dieser bittet um Mithilfe bei seinem neuen Film „Iron Sky“. Wer hat Vorschläge für die Gestaltung der Sternenflotten verschiedener Nationen? Timo Vuorensola brachte es in wenigen Jahren vom Amateurfilmer, der „Star Trek“-Parodien in seinem Wohnzimmer filmte, zum Regisseur einer 4,2 Millionen Euro teuren Produktion eines Films über eine Militärbasis der Nazis auf dem Mond. Stefan schlägt die Farben Rot und Gelb für die chinesische Flotte vor. Beide jungen Leute haben sich noch nie gesehen. 


Es ist schon spät in Birmingham, als die 19-jährige Liz von der Arbeit nach Hause kommt. Bei Starbucks war heute viel los und sie ist erschöpft. Ein Blick in ihren Terminplaner lässt sie jedoch aufatmen: Ab nächsten Freitag eine Woche Urlaub. Sie loggt sich auf der Ryanair-Homepage ein und entdeckt Flüge nach Triest für 20 Pfund. Google Maps eröffnet ihr, dass Triest in Italien liegt, nahe der kroatischen Grenze. „Bock auf eine Woche Italien für 20 Pfund?“, schreibt sie ihrer Freundin Anna per SMS. Fünf Minuten später hat sie die Antwort: „JA! Aber ich bin total pleite!“ Liz loggt sich bei couchsurfing.com, einem Gastfreundschaftsnetzwerk, ein und schaltet eine Anzeige für eine kostenlose Unterkunft in Triest.


In willkürlichen Momenten wie diesen offenbahrt sich Europa seinen jungen Bewohnern. Durch zunehmende Digitalisierung und das politische Zusammenwachsen wird es von Tag zu Tag leichter, innerhalb Europas zu reisen oder Kontakte zu Gleichgesinnten im Ausland zu knüpfen. Neben organisiertem Schüleraustausch und Familienurlaub gibt es mittlerweile eine neue Art von freiwilligem Kontakt, hervorgegangen aus gemeinsam geteilten Interessen – vom Klimawandel bis zu Golden Retrievern. Verwandte Geister finden sich zunehmend ohne Mittelsmänner oder Behörden. 


Bis jetzt standen öffentliche Projekte wie das Hochschulaustauschprogramm ERASMUS im Fokus der öffentlichen Diskussion um die Jugend Europas. Auch wenn diese Vernetzung der zukünftigen Führungskräfte wichtig zu sein scheint, liegt das Potenzial für wirklichen Wandel jedoch in den zuvor beschriebenen freiwilligen Begegnungen anderer Art. Würden sie vernünftig unterstützt werden, könnten sie enorme politische Auswirkungen haben. In ihnen verbirgt sich die Möglichkeit, Kontaktfelder auszudehnen und andere Menschen als „nah“ zu empfinden –und somit ein Verständnis für die Lebensumstände anderer zu entwickeln. 


Diese freiwilligen Begegnungen junger Menschen könnten mit dem richtigen Maß an Beachtung und dem Raum zum Atmen der Schlüssel aus der jetzigen Besorgnis um Europa sein. Die finnische Jugendsoziologin Jaana Lähteenmaa stellt fest, dass die Globalisierung der Jugend – innerhalb der die europäische Entwicklung nur einen Teil darstellt – „neue Anordnungen von Ethnizitäten, Bedeutungen und Zugehörigkeiten in einer zunehmend entkörperten Welt“ bewirke. Der Eindruck, zusammenzugehören, ist Grundvoraussetzung für jede funktionierende politische Union. 


Das aus diesem Austausch entstehende Europa ist nicht leicht zu analysieren oder zu handhaben. Es ist verstreut, durcheinander und ohne einheitliche Richtung. Es wird hauptsächlich gesteuert von egoistischen Bedürfnissen. Es beinhaltet kurze, zufällige und auch lang währende Begegnungen. Vor allem aber ist dieses Europa eines, das von Begeisterung getragen und nach menschlichen Maßstäben entwickelt wird. Und eben wegen dieser Begeisterung könnte solch ein Austausch zum Allgemeinwohl beitragen.


Auch baut dieses Europa nicht auf Macht und Wohlstand. Es hat wenig mit den Zielen des Vertrages von Lissabon zu tun. Im Gegenteil, seine Grundlage ist die Freiheit. Es lässt jeden tun, was er will, mit wem er gerade will. Diese „Gemeinschaft Europa“ ist nicht größer als mein Freund aus Italien und ich, die wir das gleiche Online-Spiel spielen, und nicht kleiner als ein ganzer Kontinent, der als Urlaubsdestination lockt. 


Die aktuelle Entwicklung hinterfragt die vorherrschende Sicht auf Europa. Sie gibt den einfachen Leuten wieder Einfluss und ermöglicht ihnen, Bündnisse zu schließen, die auf gemeinsamen Zielen und Hoffnungen basieren. Die daraus entstehende politische Gemeinschaft ist eher eine, in der jeder sich einbringen kann, wie er möchte, als eine, in der Millionen unter einer gemeinsamen Flagge vereint sind.


Diese neue Art des Austauschs erfordert eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie Regierungen in solche Bewegungen eingreifen können und sollten. Nur weil bereits Millionen junger Leute durch World of Warcraft und Ryanair in Kontakt kommen, entpflichtet das die Regierungen keinesfalls von ihrer Arbeit. Die Wahlversprechen über Gleichheit und Freiheit verdecken eine andere Realität: Die Möglichkeit eines „europäischen Lebensstils“ steht tatsächlich lediglich einem kleinen Teil der Bürger Europas offen und wird dominiert von der westeuropäischen Mittelschicht. Um das wahre demokratische Potenzial dieser jungen Bewegung erkennen zu können, müsste wesentlich mehr für eine breitere Partizipation getan werden. Ein ehrliches gemeinsames Bemühen um Europa sollte darauf abzielen, Millionen Menschen mehr zu ermöglichen, ihre Neugierde auszuleben.


Wir brauchen weniger Jugendbeauftragte, die von Regierungen entsendet werden und sich mit den Vielfliegerbonusprogrammen der europäischen Fluggesellschaften bestens auskennen, und mehr Fußballtrainer, die die erste Auslandsreise für ihre Mädchenmannschaft organisieren. Wir brauchen weniger Förderprogramme, die Zusammenarbeit regeln sollen, und mehr Analysen darüber, was wirklich Engagement bewirkt. Um die Gestalt dieses neuen Europas verstehen zu können, muss man bessere Möglichkeiten haben, die Wünsche der Menschen über Gestalt, Form und Sprache dieses Europas zu begreifen und zu fassen. Dieses Umdenken bezüglich der Aufgabe der Regierungen würde den öffentlichen Einrichtungen eine neue Rolle zuschreiben und ein Ersticken der Begeisterung, die die Bewegung antreibt, verhindern. Es bedarf besserer Applikationen, damit Demokratie, die auf täglichen Erfahrungen basiert, funktionieren kann. Die Sprachenvielfalt ist momentan das größte Hindernis für mehr europäischen Austausch. 


Den Menschen zu gestatten, sich Europa durch Erfahrungen selbst anzueignen, ist der geeignetste Weg, Unterstützung für das „Projekt Europa“ zu erlangen. Neue Anwendungsmöglichkeiten von Demokratie erlauben, die eigene Lebensgeschichte mit der von anderen in Verbindung zu bringen. Bevor Europa wirklich als Einheit gesehen werden kann, brauchen seine Bürger sowohl einen Grund dafür, geeint zu sein, als auch ein gewisses Einfühlungsvermögen füreinander. Was die treibende Kraft für dieses neue Europa ist, wird sich noch herausstellen. Der Erfolg von Ryanair und eine Reise durch die europäische Blogosphäre zeigen deutlich, dass der Wille, die Voraussetzungen und Gestalt dieses neuen Europas zu testen, vorhanden ist. Der Schlüssel zum Erfolg ist, es wachsen zu lassen.

Aus dem Englischen von Maren Ziegler



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