Sex unter Wolldecken

Oleg Jurjew

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Die Datscha sei ein russischer Mythos, hört man. Nirgendwo auf der Welt fühle man sich so mit einem Ferienhäuschen verbunden, nirgendwo auf der Welt ziehe es Städter so stark aus der Stadt, heißt es. Im Großen und Ganzen stimmt das sogar. Aber warum ist das so? Und wie ist diese Neigung entstanden? Und was ist eigentlich eine Datscha?


Das weiß doch jeder! Das Sommer- und Wochenendhaus der Russen (und wenn nicht die DatschA, dann die DatschE – der Ostdeutschen). Ein Haus mit (Gemüse-)Garten. So teilen es Wörterbücher und Enzyklopädien mit. Ein Haus mit einer Veranda, wo der Samowar ewig kocht und die Babuschka das Warenje (selbst gekochte Marmelade aus selbst gepflückten Beeren) austeilt, sagt ein Russlandkundiger. Und ein Dichter sitzt und dichtet: „Der silbrige Schimmer des Flusses, der lilafarbene Schatten der leise atmenden Bäume, die Sonne, die langsam in der Ostsee verschwimmt ... Die Freiheit nichts zu tun und nirgendwohin zu gehen ...“ 


Im Juli 2009 gaben russische Abo-Agenturen die Ergebnisse der Kampagne für die zweite Jahreshälfte kund: Die Krise verringere zwar geringfügig die Lust der Russen, Zeitungen zu abonnieren, aber einige spezielle Publikationen verzeichneten nicht zu verachtende Wachstumsraten. Zum Beispiel das Magazin Meine schöne Datscha – sage und schreibe 3025 Prozent! Nicht so spektakulär, aber doch herausragend ist es auch bei Gute Ratschläge: Das Haus im Garten – 388 Prozent. Ob die Russen damit den ihnen eigenen und bisweilen genüsslichen Pessimismus zum Ausdruck bringen? Denken sie: Die Wirtschaftskrise wird sich verschärfen, man wird wahrscheinlich wieder, wie in den schrecklichen 1990erJahren, auf die eigenen Gurken und Tomaten angewiesen sein? Oder wollen sie sich im Gegenteil von diesem Pessimismus ablenken, sich ins eigene Gartenreich zurückziehen, das ihnen schon immer Freiräume verschaffte? 


Im 18. Jahrhundert war Datscha nicht Datscha. Das Wort bedeutet: etwas, das gegeben worden ist. Ein Geschenk. Von wem? Von wem wohl?! Selbstverständlich vom Zaren. Nachdem Peter I. seine neue Hauptstadt in der Newa-Mündung gegründet hatte, legte er auch ein paar Sommerresidenzen für sich an, in erster Linie das mit seinen Fontänen und Palästen weltberühmte Peterhof. Der Zar wollte, dass die Wildnis um Petersburg kultiviert wurde, verteilte anliegende Grundstücke an seine Verwandten, Minister und Höflinge und stellte Bedingungen: Häuser bauen, Gärten anlegen und Landwirtschaft betreiben. Also war im 18. Jahrhundert eine Datscha der Sommerpalast eines Würdenträgers. 


Im 19. Jahrhundert wurde nichts mehr geschenkt: Die Leute nahmen sich Datschen – sie mieteten sie. Besonders gegen Ende des Jahrhunderts, mit dem Zuwachs der gebildeten und gut verdienenden Beamten- und Freiberuflerschicht, wurde die Datscha zum Muss für jede „Intelligenzler“-Familie in Moskau und Petersburg. „Der Datschengatte”, wie auch eine Kurzgeschichte von Tschechow heißt, war ein beliebter Held der damaligen Humoris­tik – einer, der am Wochenende, die Hände voller Pakete, zu seiner gelangweilten Familie fährt, an der Datschenunterhaltung (Baden, Pilzesammeln, Kindererziehen, Amateur-Theater und Tanzen sowie lange Gespräche über Literatur und Politik um einen Samowar herum) teilnimmt, und erleichtert in die Stadt zurückkehrt – zum Erholen. 


Während der Stalinzeit waren die „Personaldatschen” oder „Staatsdatschen” den Privilegierten des Regimes vorbehalten. Die hohen Beamten und Militärs, die großen Wissenschaftler, die für den Staat wichtigsten Artisten, Schriftsteller, Künstler und Musiker bekamen sie kostenlos. Einige wenige, die nach sowjetischem Maßstab wohlhabend waren (zum Beispiel höhere Angestellte des Handels und der Industrie) konnten Datschen kaufen, was von der Bevölkerung nicht ohne Argwohn beobachtet wurde. 


Die eigentliche Geschichte der russischen Datscha, wie wir sie kennen, beginnt mit dem chruschtschowschen „Tauwetter“ der 1960er-Jahre. Die sowjetische Gesellschaft wurde modernisiert und teilweise demokratisiert. Datschen waren plötzlich auch für „Normalmenschen“ erhältlich. Und diese setzten alle Hebel in Bewegung, um an eine Datscha zu gelangen. So entstanden die dichten Datschengürtel um die russischen Großstädte. Heute, sagt die Statistik, besitzen zwischen 70 und 80 Prozent der Bürger Russlands und der Ukraine eine Art Datscha.


Meine Familie besaß nie eine Datscha. Sie hatte keine Mittel und keine Hebel dafür. Als Heranwachsender machte mich das sehr traurig. Selbstverständlich muss man auch bedenken, dass in der Sowjetunion Wohnungsnot herrschte, viele Familien auf sehr engem Raum lebten, häufig drei, vier, fünf Menschen in einem Zimmer. Später in sehr kleinen Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen, die zur Chruschtschow-Zeit gebaut wurden. So etwas wie eine „sturmfreie Bude” existierte praktisch nicht. Jemand war immer zu Hause. Und in den Urlaub fuhren alle gemeinsam. Doch wenn man eine Datscha hatte, konnte man einen Vorortzug nehmen. Die Eltern waren sowieso nur am Wochenende da. So wurden die Datschen auch Räume zur Entwicklung der sowjetischen Sexualität. 


Winter. Der kleine Ofen will nicht heizen. Zwei halbe Kinder unter vier Wolldecken auf einem engen, quietschenden Bett ... Dasselbe Problem und dieselbe Lösung hatten auch Erwachsene bei ihren Romanzen und Seitensprüngen. Heute gibt es auch andere Möglichkeiten – Hotels, Clubs, (halblegale) Puffs oder eigene Autos, was früher für junge Menschen unerreichbar war. Aber auch die Datschen haben nicht ausgedient. 


Im sowjetischen Leben, das vor- und fremdbestimmt war, stellte die Datscha eine Art Freiraum dar. Einen Ort, wo man für sich allein sein konnte. Wo man nichts Vorgeschriebenes tun musste, nur Selbstbestimmtes. Die Datscha war zur Freiheit des kleinen Mannes geworden. In einem Land, in dem man das Privateigentum abgeschafft hatte, war das eine erlaubte Kanalisierung des Eigentums­instinkts. Wenn man die damalige Mangelwirtschaft bedenkt, boten die Datschen auch eine gewisse Unabhängigkeit vom staatlichen Verteilungssystem. 


In den späteren Sowjetjahren bestand das Leben vieler Menschen aus der Jagd durch die Geschäfte und dem Schlange-Stehen. Eigene Gurken- und Tomatenbeete sowie Birn- oder Apfelbäume befreiten dich von vier Schlangen – und das war eine wesentliche Befreiung! In der ersten Hälfte der 1990er-Jahre standen die Geschäfte leer und eigene Kartoffeln und Pilze aus dem benachbarten Wald spielten eine mehr als wichtige Rolle. Später kamen die Lebensmittel zurück, wurden aber teilweise unerschwinglich, und wieder trug der eigene Garten zur Rettung bei. Und heute? Heute sind die meisten Familien nicht mehr auf Produkte aus eigenem Anbau angewiesen (obwohl man niemals nie sagt und einschlägige Zeitschriften abonniert). Doch von Mai bis Oktober entvölkern sich am Wochenende die Großstädte. Lehrer, Ärzte, Musiker, Schriftsteller, Arbeiter, Milizionäre und Banditen fahren zu ihren Datschen und beschäftigen sich mit Aufhacken, Umhacken, Säen, Düngen, Ernten, Konservieren.


Mit dem mobilen Internet ist es leichter geworden, einen Freund oder eine Freundin am Wochenende zu erreichen oder selbst eine Mitteilung wie diese zu bekommen (authentisch!): „Lieber Oleg! Im Moment sitze ich auf der Datscha. Es ist ein wahres Paradies. Auf dem Herd steht Erdbeer-Warenje. Von Zeit zu Zeit renne ich zu meinem Computer, schreibe an meiner Doktorarbeit über Kosmopolitismus und Nationalismus, dann renne ich zurück zum Herd, um das Warenje umzurühren. Sehen Sie, was ich für eine harmonisch entwickelte Persönlichkeit geworden bin! Wie Leo Tolstoj!“


Das Privileg der Parteifunktionäre zur Sowjetzeit, größere und schönere Datschen in den besseren Gegenden zu haben, ist heute auf die Neureichen, die Profiteure der 1990er-Jahre, übergegangen. Sie haben sämtliche Grundstücke in den schönsten Gegenden um Petersburg und Moskau aufgekauft. Eine besondere Datschenarchitektur ist dort entstanden: gotisch anmutende, turmreiche Burgen aus rotem Backstein. Und die Grundstückszäune sind nicht wie früher aus Holz, sondern aus roten Ziegeln. Die Anfahrtsstraßen sind besonders robust, um die schweren Limousinen der Millionäre und die Jeeps der Security auszuhalten ... Auch die Reichen suchen ihre Ruhe, das heißt: ihre Freiheit von Angst und Stress. Und finden sie auf der Datscha. Das Lustige – auch sie gehen oft an das Gemüse ran!


Man mutmaßte viel über die Gründe der russischen Liebe zur Kleingärtnerei. Vielleicht ging in Russland der Übergang von einem Agrarland zur industriellen Gesellschaft zu schnell und zu gewaltsam vonstatten. Die meisten der heutigen Städter sind in Familien aufgewachsen, die vom Lande stammen. Die Erde zieht sie zu sich zurück, diese verlorenen Kinder! Auch die Juden teilen die gesamtrussische Datschamania, obwohl ihre Familien keinen bäuerlichen Hintergrund haben (im zaristischen Russland war die Landwirtschaft für Juden verboten). 


Ich zum Beispiel. Wäre ich jetzt in Russland, wäre ich auf einer Datscha (jemand würde mich schon einladen!). Ich würde auf der Veranda sitzen, Tee trinken und Gedichte schreiben. Über den silbrigen Schimmer des Flusses, über den lilafarbenen Schatten der leise atmenden Bäume, über die Sonne, die langsam in der Ostsee verschwimmt ... Über die Freiheit nichts zu tun und nirgendwohin zu gehen ... Doch, morgen gehen wir Pilze sammeln!



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