„Menschen sollten sich mehr mischen“

Ian Buruma

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Herr Buruma, dass Europa Einwanderer braucht, ist unbestritten. Was können wir im Umgang mit Einwanderern von anderen Ländern lernen?
Ja, wir brauchen Einwanderer. Wir haben eine Flüchtlingspolitik, eine Asylpolitik, aber keine richtige Immigrationspolitik. Wir müssen aber um Einwanderer werben und sie als wichtigen Faktor begreifen. Eher so wie in Kanada und den USA: Man schaut, wo Arbeitskräfte fehlen, lässt eine bestimmte Anzahl von Menschen, die diese Arbeitsplätze ausfüllen können, ins Land und stattet sie mit den vollen Rechten von Einwanderern aus.

Was halten Sie von der Idee einer Europäischen Bluecard: Einwanderer, welche die Wirtschaft benötigt, genießen Reise- und Arbeitsfreiheit in allen Mitgliedsländern der EU? Sollte man nur Menschen einwandern lassen, die die Sprache beherrschen?
Die Sprache sollte nicht zu einer Bedingung für eine Arbeitserlaubnis werden. Wohl sollte sie eine Bedingung für Staatsbürgerschaft sein, aber das wäre erst der nächste Schritt. Menschen unerfüllbare Bedingungen zu diktieren ist eine Form von Schikane. Das ist ein Weg, um die Grenzen dichtzumachen. Man sollte davon ausgehen, dass ökonomische Zuwanderung gerechtfertigt ist. Die Bluecard ist wahrscheinlich eine gute Idee.

Nach der Einwanderung müssen wir uns um die Integration der neuen Bürger kümmern. Wie sollen wir zusammenleben?
Es gibt in der nationalen Debatte darüber viel Panik und Hysterie, besonders in Holland. Die Menschen sind von einer Atmosphäre relativer Gleichgültigkeit und gut gemeinter Gespräche über Toleranz in das Gegenteil geschlittert und sprechen jetzt vom Zusammenbruch, vom Dichtmachen der Grenzen, der großen Gefahr für die westlichen Werte, die vom Islam ausgehe, und so weiter. Momentan gibt es sehr viel Verwirrung über diese Themen. Ich würde nicht sagen, dass wir auf dem Boden der Tatsachen stehen.

Wie könnten wir die Hysterie überwinden?
Indem wir nüchtern darüber nachdenken. Für mich ist das Wichtigste, dass wir darauf achten, wie wir das Risiko, gewaltlose Muslime vor den Kopf zu stoßen und in die Hände der Sympathisanten von Extremisten zu treiben, minimieren können. Es ist notwendig, einen gewissen Respekt zu zeigen, nicht den religiösen Extremisten gegenüber – die entziehen sich ohnehin jedem vernünftigen Diskurs –, aber um sicherzustellen, dass die Mehrheit der gewaltlosen Menschen, die Bürger von Europa sein wollen, auf unserer Seite bleibt.

Aber wie verhalten wir uns gegenüber diesen Extremisten?
Den Terrorismus können wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. Das ist eine ernst zu nehmende Bedrohung, die nach einer sehr guten Strategie, Überwachung und Aufklärung verlangt. Das können wir nicht locker angehen. Offensichtlich ist aber auch, dass wir uns davor schützen müssen, unsere Freiheiten zu zerstören, in dem Glauben, mehr Sicherheit zu erlangen. Das ist ein schwieriges Ausbalancieren. Die Aufgabe guter Geheimdienste besteht darin, so viel zu wissen, wie nur irgend möglich, Gefahren zu erkennen und zu kontrollieren. Und sie tun genau das, sonst wäre es ihnen ja nicht gelungen, einige dieser Männer festzunehmen. Sie haben sie nicht aus den Augen gelassen.

Dann ist alles in Ordnung in Europa?
Nein, ist es nicht. Geheimdienstler beklagen, dass es zu wenig internationale Zusammenarbeit und Austausch von Informationen zwischen Europäern und Amerikanern gibt. Hier kann sicher viel verbessert werden. Gewalttätige Vorfälle geschehen und werden auch in Zukunft passieren. Polizei und Geheimdienste sollten ihr Bestes tun, das zu verhindern, aber es wird ihnen nicht immer und überall gelingen. Wichtig ist auch die politische Reaktion auf solche Vorfälle. Es ist ein Fehler, in Panik zu geraten. Durch die IRA in Großbritannien, die baskische ETA in Spanien und die RAF in Deutschland gerieten die Menschen ebenfalls in Panik. So etwas zerstört aber keine Gesellschaft, es sei denn, sie zerstört sich selbst.

Was würde unseren Gesellschaften denn heute helfen, ein Euro-Islam? Oder Rollenmodelle für beide Seiten? Wie können wir den Dialog verbessern?
Beide Seiten müssen sich engagieren. Es ist Sache der Muslime, welche Art von Islam sie annehmen. Säkulare und ehemalige Linke warnen heute vor den Gefahren des Islam. Sie wollen nur mit Menschen reden, die ihrer Religion abgeschworen haben und völlig säkular geworden sind. Es ist natürlich schön, mit solchen Leuten zu reden, aber es bringt einen nicht sehr weit. Man muss auch mit den Menschen reden können, die ihre Religion ausüben. Besonders die muss man erreichen.

Dennoch führt die Sichtbarkeit von Kopftüchern oder Moscheen sogar in Demokratien oft zu Konflikten. Gibt es ein europäisches Land, das mit dieser Situation gut umgeht?
Großbritannien tut das relativ gut. Ganz im Gegenteil zu Frankreich. Es richtet doch keinen großen Schaden an, Kopftücher zuzulassen, sie zu verbieten aber wohl, weil man sich Menschen zum Feind macht, die man auf seiner Seite braucht.

Jeder von uns sollte einen Moslem kennenlernen?
O ja, es wäre in der Tat sehr nett, wenn Menschen sich mehr mischen würden, aber man kann niemandem vorschreiben, wie er sein Leben führen soll. In den großen Städten wird aber genau das passieren, unausweichlich. Man besucht die gleiche Schule und kommt sich so allmählich näher. Man darf das aber nicht erzwingen, wie die ehemalige DDR das mit ihren Freundschafts-Kampagnen versucht hat. Das führt zu nichts.

Welche europäische Metropole verfolgt hier den besten Ansatz?
London. Weil es dort mehr Austausch unter den Ethnien gibt als in den meisten anderen europäischen Städten. Es gibt auch in London große Probleme, man hat dort nicht auf alles eine Antwort. Es gab die Terroranschläge. Unter den jungen Muslimen herrscht viel Feindschaft. Dennoch leben sie, ganz allgemein betrachtet, integrierter als in anderen Ländern. In Großbritannien gibt es Personen des öffentlichen Lebens, wie zum Beispiel Nachrichtensprecher, die anderen ethnischen oder religiösen Gruppen angehören. In Deutschland oder Holland ist das, aus welchen historischen Gründen auch immer, nicht möglich. Ein Mensch, der dort geboren ist und einen türkischen Namen trägt, weil seine Eltern aus der Türkei stammen, wird immer noch als Türke angesehen und nicht als Deutscher oder Holländer. Die Medien könnten hier ein bisschen nachhelfen.

Sie nennen manche Einwanderer „dish-people“, weil sie dank Satellitenfernsehen mit einem Bein in ihrer ursprünglichen Kultur und mit dem anderen in ihrer gegenwärtigen Kultur stehen. Das gibt es in Amerika nicht, oder?
Doch. Bei den Lateinamerikanern. Sie schauen mexikanisches Fernsehen. Das liegt in der Natur der modernen Welt. Dagegen kann man nichts unternehmen. Das ist eine alltägliche Sache.
In zwei oder mehr Kulturen zu leben?
Man kann niemandem verbieten, marokkanische Fernsehsender zu schauen. Durch das Internet und Billigflüge und so weiter ist die Welt kleiner geworden. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der man den Kontakt zu seiner Heimat verliert, wenn man in ein anderes Land geht.

Aber die Kinder der „dish-people“ werden in Europa geboren.
Diese Prägungen haben weniger Bedeutung, wie behauptet wird. Die erste und zweite Generation wird immer Probleme haben. Das war historisch betrachtet schon immer so. Sie hängen irgendwie dazwischen. Ihre Kinder werden dann vermutlich aufhören, diese Fernsehsender zu sehen, weil sie nicht einmal mehr die Sprache verstehen werden. Das ist einfach eine Frage der Zeit.

Integration ist also eine Frage der Zeit, und wir sollten sie lockerer nehmen?
Ja, das glaube ich.





Das Interview führte Nikola Richter



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