Die Wahl haben

Alison Pedlar

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Gefängnisinsassen haben ihre Freiheit verloren, trotzdem müssen sie nicht unfrei sein: Wo man physisch keine Freiheit hat, hängt die Möglichkeit, Freiheit zu empfinden, von den vorgegebenen Strukturen ab und von den Zielen des Strafvollzugs. Soll die Haft der Bestrafung und Rache dienen, so werden Freiheit und sein Zwilling Freizeit im Gefängnis kaum anzutreffen sein. Geht es aber um Rehabilitation und Wiedereingliederung in die Gesellschaft, dann ist es unerlässlich, im Gefängnis zu lernen, mit Freiheit und Freizeit umzugehen.


Mit einer Gruppe von Wissenschaftlern habe ich mehrere Jahre die staatlichen Frauengefängnisse Kanadas untersucht und sprach mit Insassinnen über ihre Erfahrungen im Strafvollzug. Im Frauengefängnis „Grand Valley Institution“ in Kitchener, Ontario, habe ich gelernt, warum Freizeit für weibliche Häftlinge wichtig ist. Dieses Gefängnis ist eine von sechs staatlichen Strafanstalten für Frauen in Kanada, die Ende der 1990er-Jahre als regionale Gefängnisse das vorherige nationale Frauengefängnis „Prison for Women“ ablösten. Die Einführung von kleinen regionalen Gefängnissen, die den Frauen erlauben, in der Nähe ihrer Heimatorte und Familien zu bleiben, spiegelt einen Wandel im kanadischen Strafvollzug wider. Der Wandel begann 1990, als der Regierungsbericht „Creating Choices“ feststellte, dass Frauen andere Straftaten als Männer begehen und oft selbst Opfer von Missbrauch sind. Daraus ergeben sich im Strafvollzug andere Bedürfnisse, denen die modernen Gefängnisse zu begegnen versuchen. 


Die 120 in „Grand Valley“ inhaftierten Frauen sind nicht in Zellen eines großen Gefängnisbaus untergebracht, sondern in kleineren Häusern, in denen bis zu zehn Frauen gemeinsam leben und für ein Haushaltsbudget verantwortlich sind. Trotz dieser Freiheiten ist nach wie vor ein großer Teil der Zeit im Gefängnis streng strukturiert. Die Frauen sind meist den ganzen Tag mit Fortbildungsprogrammen oder Arbeitsdiensten beschäftigt und stehen währenddessen unter ständiger Bewachung. Die genauen Straftaten, die sie begangen haben, sind mir nicht bekannt, aber Drogen und Suchtprobleme waren häufig ursächlich dafür, dass sie mit dem Gesetz in Konflikt und schließlich ins Gefängnis geraten sind.


Wahlfreiheit ist eine wichtige Voraussetzung, um zu lernen, wie man vernünftige und angemessene Entscheidungen trifft, und in der Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen, liegt der Schlüssel für eine erfolgreiche Rehabilitation und Reintegration. Im Gefängnis aber gibt es nur wenige Möglichkeiten, eigene Entschlüsse zu fassen, wenn die täglichen Aktivitäten bis ins Kleinste vorgeschrieben werden. Wie wichtig freiwillig und aus eigenem Antrieb heraus gewählte Beschäftigungen in diesem Kontext sind, will ich an einem Beispiel zeigen.


Viele Frauen in dem von mir untersuchten Gefängnis erzählten mir von der Monotonie ihres Alltags, hervorgerufen durch den streng geregelten Tagesablauf. Eine Ausnahme war die Initiative „Stride“, die an einem Abend in der Woche für drei Stunden Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten im „Grand Valley“-Gefängnis anbietet, beispielsweise gemeinsames Musizieren oder Gesellschaftsspiele. Das Programm wird von der „Community Justice Initiative“ durchgeführt, einer Organisation, die Freiwilligenbesuche im Gefängnis möglich macht.


Für die inhaftierten Frauen ist die Teilnahme an den Stride-Abenden keine Pflicht. Sie haben hier die Wahl und aus etwas, das sonst nur als ein weiterer Programmpunkt in einem sowieso streng vorgeschriebenen Tagesablauf wahrgenommen würde, wird freie Zeit. Die Frauen empfinden in diesen Stunden die Erfüllung und Selbstverwirklichung, die Freizeitaktivitäten bieten können.
 Auch im Laufe eines Abends müssen die Frauen die angebotenen Aktivitäten nicht mitmachen. Ebenso können sie sich zusammensetzen und miteinander reden. Bemerkenswert ist, dass viele Frauen Dinge tun, die ihnen außerhalb des Gefängnisses nie eingefallen wären, beispielsweise basteln sie Kleinigkeiten, die sie ihren Kindern schenken können. Mit der neuen Erfahrung, an einer Freizeitbeschäftigung Freude zu haben, verbinden die Frauen die Hoffnung, nach ihrer Freilassung nicht zurück in Milieus aus Drogen und Sucht abzugleiten. Eine Teilnehmerin erklärte mir: „Weißt du, die Tage sind so durchstrukturiert hier, dass Stride eine kreative Pause bedeutet, die dich der Realität und der Gewalt, die du im Gefängnis siehst oder von der du hörst, entfliehen lässt. Außerdem ist es freiwillig. Man kann kommen, oder eben nicht.“


Die selbstbestimmten Freizeitabende bieten den Frauen Ablenkung. Sie erfahren Bestätigung, weil sie an etwas Wertvollem teilhaben. Doch am wichtigsten ist die Freiheit zu wählen, ob man dabei ist und was man gerne tun möchte: Diese Wahlmöglichkeit ist für die eigentlich eingesperrten Frauen befreiend.
 

Aus dem Englischen von Charlotte Pardey



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