Joggen in der Feuerpause

Marie-Claude Souaid

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Ich habe 15 Jahre im Bürgerkrieg im Libanon gelebt. In dieser Konfliktperiode von 1975 bis 1990 habe ich geheiratet, zwei Kinder zur Welt gebracht und großgezogen, habe eine berufliche Karriere gehabt, Momente des Glücks und der Freude erlebt und mich unglaublich amüsiert.


Mein Leben war so normal wie jedes andere und dennoch ging der Krieg an mir nicht spurlos vorbei: Ich verlor an den Straßensperren der Milizen nachtschwärmerische Freunde und Onkel. Immer wieder töteten Kugeln, die sich in Klassenzimmer verirrt hatten, unschuldige Schüler. Zwei Mal baute ich meine Wohnung wieder auf, nachdem sie von Bombardements zerstört worden war. Nur knapp entging ich einmal mit meinen Kindern einem Selbstmordattentat in unserem Viertel. 


Der Schrecken hindert niemanden daran, Spaß zu haben. Doch er fordert seinen Tribut durch die Angst, die jedem in den Knochen steckt. Ich meine die Art von Angst, die einen nie ganz loslässt, egal ob man Glück oder Unglück empfindet. 


Trotzdem: Wir hatten uns an die Normalität der Gräuel gewöhnt, sie führte zu absurden Gesprächen wie: „Ich wäre viel lieber in den Niederlanden geboren, wegen der Tulpen ...“ – „In den Niederlanden? Was für eine hirnrissige Idee ... Wir töten uns vielleicht alle gegenseitig, aber wir achten wenigstens darauf, dass Beirut nicht vom Meer überflutet wird, nicht wie die Holländer im Bürgerkrieg von 1421, die vor lauter Feindschaft versäumten, die Deiche zu sanieren, und wo eine Sturmflut dann schlimme Schäden verursachte.“ 


Um die Normalität im Bürgerkrieg zu wahren und nicht gänzlich verrückt zu werden, hatten wir drei Strategien: Illusion, Anpassung und Ausgleich. Wir redeten uns dem gesunden Menschenverstand und aller Kriegswirren zum Trotz ein, gute, ja sogar bessere Menschen zu sein als die anderen (vor allem besser als die Holländer von 1421). Wir versuchten die Systematik des Krieges zu verstehen, Schrecken vorauszusehen und uns anzupassen. Und wir gingen ans Meer, um dem Elend zu entkommen. Der Rest war Schicksal, „Kismet“.


Im Beirut des Bürgerkriegs herrschte kein Mangel: Wem etwas fehlte – seien es Windeln, Milch, Medikamente gegen den Fieberschub der Kinder oder Whisky für das eigene Wohlergehen – der war selbst schuld! Man musste nur vorsorgen und sich austauschen. 


Die Milizen versorgten ihre „Gefolgschaften“ mit Nahrungsmitteln, da ihre Legitimität von ihnen abhing. Außerdem verschafften sie ihren Getreuen Behandlungen im Krankenhaus, Lohnzahlungen und Vergütungen. Sie sorgten für Schulunterricht und Stipendien. Eigentlich kümmerten sie sich um alles.


75 Prozent der Bevölkerung standen auf diese Weise unter dem Schutz der Milizen oder waren selbst Milizionäre. Wir gehörten zu den restlichen 25 Prozent und kauften bei den Händlern der Milizen ein. Unser Nachbar wurde von der Miliz informiert und gab sein Wissen an uns weiter, so kamen wir über die Runden und lernten unsere Bedürfnisse im Voraus zu planen. Die nie vollständig unterbrochene Versorgung verlieh dem Alltag einen Anschein von Normalität sind wir nicht einfach zufrieden, wenn wir konsumieren können? 


Das Ausmaß der Katastrophe überrascht einen erst später. Erst wenn die Bestie des Kriegs ihren Atem ausgehaucht hat und man mangels immer neuer Gewalttaten beginnt, von Frieden zu sprechen, dann erst nimmt man das Elend wahr, sieht die Mangelerscheinungen und die Zerstörungen. Die klaffenden Wunden werden im Rückblick umso deutlicher, als ob man nicht dabei gewesen wäre, als sie entstanden. 


Ein fünfzehnjähriger Bürgerkrieg bedeutet, während er andauert, nicht beständigen Schrecken und ununterbrochenes Chaos. Sobald die erste Katastrophenwirkung vorüber ist und der Bürgerkrieg sich zu einem längeren Aufenthalt im Alltag eingerichtet hat, findet er einen eigenen Rhythmus und wechselt ab zwischen quälenden und erholsamen Perioden. 


Die Feuerpausen bestimmten unsere Terminplanung, teilten unseren Tag ein und gewährten uns kurze Ruhephasen. Das Schlimmste sind die Überraschungen, die der Krieg bereithält: die unvorhersehbaren Selbstmordattentate, die Invasionen mit ihrer gesetzesbrecherischen, kalkulierten Gewalt und der plötzliche Wechsel politischer Bündnisse.


Der Rest folgte für gewöhnlich einer Abwechslung von Gewalt und Erholungspausen: Das Wirrwarr der Schlachten „in den eigenen Reihen“, die „Gefechte“, in denen die Hitzköpfe überspannter Milizionäre aneinandergerieten, und „die Zwischenfälle unter Brüdern“, bei denen es um die Kontrolle über ein Viertel oder um eine Versorgungsquelle ging, waren schließlich absehbar.


Wir konnten Phasen, in denen der Krieg ruhte, mit angenehmen Unternehmungen ausfüllen. Nicht nur der Konsum gab uns Zerstreuung, auch das Meer war unsere Verbündete. Eine Komplizin, die wir in den Ruhepausen zwischen zwei „Runden“ Gewalt aufsuchen konnten und ohne die wir den Krieg nicht ausgehalten hätten.

 
Als ich 1997 zu Besuch nach Berlin kam, suchte ich auch dort das Meer. War Berlin nicht geteilt gewesen? Ich habe die Deutschen bedauert, die den Eisernen Vorhang ohne Meer überleben mussten! Beirut war im Bürgerkrieg entsprechend der militärischen Stärke und der Zusammensetzung der Bevölkerung in Ost- und West-Beirut geteilt: Im westlichen Teil lebten mehrheitlich Muslime, der östliche war fast vollständig christlich. 


Trotzdem ist das Meer in Beirut kein Privileg – beide Seiten der Stadt haben ihr Meer. Damals allerdings gab es nur auf unserer, der westlichen Seite eine Uferpromenade und an einigen Orten sogar kostenlose Strände. Heute gibt es zwei Uferpromenaden. Eine in Ost-Beirut, die nach dem Krieg angelegt wurde, und unsere gute, alte Uferpromenade. Sie war eine blaue Lunge, die uns vor dem Ersticken bewahrte, unser bevorzugter Aufenthaltsort in Gefechtspausen.


Egal aus welchem Viertel man kam, das Meer war in zehn Minuten zu erreichen. Seine Wellen und Möwen, der Himmel und der Horizont waren niemals bedrohlich. Das Meer, das wir mit dem Krieg verschmutzt und schlimm zugerichtet hatten, auf dem nach heftigen Auseinandersetzungen bisweilen Leichen und Tiergerippe trieben, dieses Meer hat nie aufbegehrt. Es hätte sich auflehnen können wie bei den Holländern, die Deiche brechen lassen und uns verschlingen können, wir hätten es verdient gehabt ... Aber nein, es verharrte an seinem Platz, ein weiser Wächter unserer Träume und Hoffnungen in diesen Momenten des kollektiven Wahnsinns. In der Stadt, in der die irreli-giösen Gemeinschaften und ihre bewaffneten Milizen ihre Auseinandersetzungen privatisiert haben, ist die Uferpromenade der öffentliche Raum schlechthin geblieben. 


Wenn früh am Morgen die Kanonen verstummten, um abzukühlen, begannen einige ihren Tag damit, dass sie sich bei den fliegenden Händlern an der Uferpromenade ihren ersten Kaffee kauften, Menschen aller Altersgruppen und Schichten machten einen Spaziergang oder joggten. 


Die Ruhephase dauerte normalerweise bis 15 Uhr. Um 14 Uhr schlossen die Schulen und Unternehmen. Wir hatten also noch ein bisschen Zeit, um mit den Kindern im Café „Rawda“ frische Luft zu schnappen, das einen Garten angelegt hatte, wo man die Füße ins Wasser halten konnte. Wir waren nicht die Einzigen, ganz West-Beirut war dort: die Liebespaare, die Intellektuellen, die Künstler und die verschleierten Matronen, die im Kreise ihrer Schwiegertöchter und Enkelkinder ihre Wasserpfeife rauchten. 


Wenn sich im Ramadan die Milizionäre Gott zuwandten und während des „Festtagsfriedens“ ihre Kämpfe einstellten, fanden sich ganze Familien auf der Uferpromenade ein und brachen dort am Abend das Fasten. An Weihnachten und Ostern stolzierten Christen im Sonntagsstaat über die Uferpromenade, einfache und kostenlose Vergnügungen. 


Als die Bazare in der Innenstadt 1975 zerstört worden waren, errichteten die Händler auf der Uferpromenade farbenfrohe Buden, vollgestopft mit bunt zusammengewürfelten Waren: ein herrliches, lebendiges und für jeden erschwingliches Durcheinander! 


Es gab auch noch das Riesenrad der Uferpromenade: Wenn man am höchsten Punkt angelangt war, konnte man über die ganze Stadt sehen, bis in die Viertel der „anderen“ in der östlichen Hälfte. 


Im Krieg nutzen Menschen Momente der Gnade, um sich Freiräume zu schaffen für menschliche Tätigkeiten, in denen sie als Zivilisten handeln. Melancholisch und friedlich treffen sie sich an mythischen Orten, die ihr Zusammengehörigkeitsgefühl betonen. 


Die Uferpromenade von West-Beirut war für Beirut das, was im Zweiten Weltkrieg für Berlin die Seen und der Tiergarten und für Paris die großen Boulevards waren: Orte des Amüsements. Während flüchtiger Zusammenkünfte in von jedermann akzeptierten Orten zügeln alle ihren Wahnsinn und vergewissern sich, ob sie immer noch als Menschen und Bürger leben können. 


Wer sich der Illusion der Normalität für eine Weile hingibt, dem wird trotz aller Erholung nur noch schmerzlicher bewusst, dass man niemals frei über seine Zeit verfügen kann. Der Krieg ist die ganze Zeit über präsent. In Kriegszeiten gibt es weder freie Menschen noch Freizeit. 
 

Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz



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