Tanze Samba mit mir

Zé do Rock

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Es ist natürlich schon schwer, über den Deutschen als solchen zu sprechen, bei a Bevölkerung von über 80 Millionen Einwohnern. Umso schwerer is es, über den Brasilianer zu reden, wo man von 190 Millionen Menschen redet, die in diversen Klimazonen leben und teilweise so verschieden aussehen wie Schweden und Äthiopier.


Was tun die Leute im weiten und dünn besiedelten Norden, im Amazonasgebiet, oder im trockeneren Mittelwesten, wenn sie nich gerade arbeiten? Die Reichen spielen Golf, Tennis, touren mit ihren Jachten rum, wie überall auf der Welt. Die Mittel-Classe, also die Classe B, spielt Fussball, Volleyball, Futvolei (a Volleyball-Variante, die man nur mit den Füßen und dem Kopf spielt), und vor allem Cartas. Oder betreibt den Nationalsport Witze-erzählen – dabei gibt es im Land keine heilige Kühe, má kann auch Witze über Juden, Áraber, Argentinier und sogar Brasilianer erzählen.


Wenn man an der Küste wohnt, zum Exempel in Belém, geht man auch an den Strand. Wenn man nich an der Küste wohnt, lässt man es liber sein – wer färt schon Tausende von Kilometern um sich am Strand hinzulegen? Da kann má höchstens in eim Fluss schwimmen gehen, vorausgesetzt, der Fluss is piranha- und crocodilfrei.


Das is aber alles eher beschönigend, die meiste Freizeit verbringen die Brasilianer, egal in welcher Region, vor dem TV-Apparat. Das kommt vermutlich daher, dass das brasilianische Fernsehn unterhaltender is als das Fernsehn in den meisten Nacionen – der virtgrößte TV-Concern der Welt (nach den 3 großen americanischen) is die brasilianische TV Globo, und má kann brasilianische Sendungen in fast jedem Land der Erde sehn. Das Fernsehn is a echte Plaga, má findet TV-Apparatos in vilen Localen, Reisebussen und irgendwann werden sie vermutlich auch in Toaletten eingebaut. Kinder wachen auf und machen das TV-Gerät immediat an, ob sie nu was anschaun oder nich – es gehört halt zu den Grundgeräuschen eines Hauses. Má besucht Leute, die weiter fernsehn, wenn man ankommt, und nur mit einem reden, wenn Werbung kommt – Gott sei Dank gibt es ja jede Quantidade davon.


Die Armen, die zur Classe C gehören, spilen nur Fussball und sen fern. Die ganz Armen, die zur Classe D gehören, haben weder Fernsehn noch Freizeit, sie sind zu ser mit dem Überleben beschäftigt.


Im Norden und im Mittelwesten sind de meisten Einwonis a Mixtura aus Indios und Weissis, wobei heutzutage vile Menschis aus den andren Teilen Brasiliens sich hir niderlassen, sowol die Nordestinos aus dem Nordosten, die meistens a Mixtura aus Weissis, Indios und Negris sind, wie auch blonde, grosse Südlandis – ja, in Brasilien sind for allem de Südlandis die Hellhautis, und nur im Süden gibt es Schnee. Im Nordosten is es freizeitmäßig nich vil andas als im Norden, mit dem Unterschid, dass vil mer Leut an der Küste leben, und in ir Freizeit lungern se am Strand rum, essen Cocos und trinken Caipirinha. De Leu­ti, de im trockenen, kargen Inland leben, sind widerum arm, aba selten so arm, dass se keinen TV-Gerät hätten. Se essen nur Fleisch, wenn se sich in de Zunge beissen, aba wenigstens können se vil Essen im Fernsehn sen, zum Exempel in Programas über dietético Kochen.


Im bevölkerungsreichen, industrialisado und überwigend europischen Südosten sind de groeßten Metrópolen von Brasil: Sao Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte, dazu existem noch ettliche cláinere Milionenstädte. Natüral is das Culturangebot entsprechend groeßer, má kann ins Cinema gen, in eine Ausstellung, und da de Brasileiros a special Faible für Musica ham, in Concertos, seien se mit classisca Musica, Rock-Pop, folkloristisch oder alles zusammen. Was es praktisch nich gibt, sind Lesungen. Ein Autor liest vileicht auf a Buch-Presentação 5 Minutos aus seinem Buch, aba mer darf cai Autor seinem Publico zumuten. Dass das Publico betreten a Stunde lang zuhört, wie in Alemanha oder wie auf a Kirchen-Missa, das get wirklich nich. Rio is für sein Savoir-vivre, seine Criminalidade, sein Samba und sein Carnaval bekannt. Dort leben vile Afro-Brasileiros und dort is de Wige des Samba und des Bossa Nova, eine Art cooler Samba für de Mittel-Classe, was ser passend is für das Clima in der Região: Rio is im Sommer de unerträglichste Stadt von Brasil, feuchte 40 °C sind an der Tagesordnung – wenn má in Rio überhaupt von Ordnung rede kann, und de vilen Berge und Hochhäuser drumherum lassen cai Mares-Brisa durch. In de Medien wird oft von de vilen Brasileiros berichtet, de ir Leben dem Carnaval widmen, und de gibt es tatsächlich – das sind de Dancer der Samba-Schulas. Existem einige Tausende Dancer in solchen Scolas, má solte aba nich vergessen, dass Brasil 190 Miliões Wonis hat.


Am Strand kann má schwimmen, ligen, conversar, Sport treiben und Bundas anschaun. „Bunda“ is das brasileiro Wort für „Arsch“, und darauf sind de Brasileiros zimlich versessen. So kann man imaginar, wie Alemanhas Institucionen wie Bundesrepublik und Bundespost auf Brasileiros wirken. Gaeb es a Krig zwischen Alemanha und Brasil, würden die Alemães sicher gewinnen, weil die Brasileiros die ganze Zeit lachen müssten, wenn se wüssten, dass de feindliche Armee Bundeswehr heisst, was ser änlich klingt wie „Bundas ver“, was „Ärsche anschaun“ bedeutet.


De freizügigsten Brasileiros sind naturalmente de Cariocas, de Wonis von Rio, wärend de Mineiros, aus de bergigen Bundes-Stato Minas Gerais, als misstrauisch und conservativos gelten. De Paulistas widerum sind for alem fuer ir Fleiss famosos. Má sagt, in Sao Paulo wird gearbeitet und in Rio werden de Monedas ausgegeben. Wie de US-Americanos, teilen de Paulistas de Welt in 2: Erstens, es gibt uns, und zweitens de Resto.


Ob de normales Brasileiros in normales Zeiten mer dançam als die Alemães, vais ich nich. Es is me jedenfalls nie aufgefallen, und Statísticas dafuer hab ich nie gesên. Rio sol dafuer de groesste Fittness-Studio-Dichte da Welt ham. Cai Vunda, es is meistens heiss, má sitzt ueberal hemdlos rum, und a Birbauch macht cai guten Eindruck, vêder in Brasil noch in de Mongolei. Also bleibt de Personas nix andas übrig, als sich in de Studios zu schinden – so heisst es auf Brasileiro. In São Paulo is das nich so problemático, da de Citi nich an de Costa, sondern 800 Meter hoch liegt und a cueleres Clima hat, so dass cai Menschi mit de nackten Oba-Corpo rumsitzen muss. Da macht má sich mer Gedanken, vás man essen wird. Restaurantes hat de Citi vi Sand am Mar. Cozinha italiana, árabe, scandinava, japonesa, tailandesa, armenia, polonesa – you name it. Existem auch a par duzias Restaurantes alemães, also become man ueberall sein Eisbein, vermutlich vil leichter als in a deutschen Citi. Dann sind nó die ganzen regional Küchen von Brasil representadas, nich de All-u-can-eet-Restaurantes (Rodizio auf Português) zu vergessen: zum Exemplo de gigantescos Fleisch-Palácios, Churrascarias genannt, in denen man a bestimmten Preis zalt (caum mer als vás má sons a la Carte zalt) und so vil Fleisch vom Spiess essen kann, in allen seinen Variações, bis einem uebel wird. Wenn má seine „Ampel“ (irgendwelche Objectos die a gruen und a rote Seite ham) auf gruen hat, stet alle par Secundos a Kellner am Tisch und bitet vás an. Perverso wird es bei de Rodizio-Pizzerias. Má zalt 5 oder 10 Euro und become 50 oder 100 diversos Pizza-Tipos. Nich nur de Pizza-Tipos, die má kennt, sondan auch Pizza mit Stroganof, Huenerherzen, Palmenherzen, und auf de suesse Seite (Ampel bitte auf suess umstellen) Pizza mit Stracciatella, fritas Bananas, Keso mit Marmelada, der Fantasia sind cai Grenzen gesetzt.


De Sueden is de europischste Teil von Brasil, de meis-ten Personas stammen von Italianos, Alemães und Slavos ab. Dort sind auch die meisten Citis mit alemães Namen, vi Blumenau, Pomerode, Schroeder, Novo Hamburgo etc. und bis zur Zwangs-Nacionalisação in de 30er-Jaren, als die Nazibewegung im Land zu stark wurde, waren es Hunderte Citis mit alemães Namen. Essen tu die Sulistas, die „Südlandis“, meistens Fleisch, for alem de „Gaúchos“, de Wonis des südlichsten Bundes-Stato von Brasil, Rio Grande do Sul, und das in rauen Quantidades. Se ham aba auch Tradições, de im übrigen Brasil unbekannt sind, vi Café und Kuchen am frühen Abend. Und vile trinken Café one Azucar – wenn in Rest-Brasil jemand schwarzen Café one Azucar trinkt, is das a Fall fuer die Psiquiatria.


Ales in alem ham de Brasileiros vêniga Freizeit vi de Alemães: Wärend de Alemães 37 Stunden in de Voche arbeiten, muss de Brasileiro 45 Stunden durchhalten. Aba je mer Ich-AGs in Alemanha existem, desto mer müssen se arbeiten, und irgendwann wird sich das einpendeln. Ich hoffe immer, dass Brasil eines Tages sô vi Alemanha wird, aber offensichtlich wird Alemanha immer mer vi Brasil.
Das Nachtleben vá in de brasileiras Metrópoles schon má deutlich besser, leider hat de Criminalidade vil kaputt gemacht. De Boheme-Virtel machen sich raros, de Leuti ham cai Lust mer, irgendwo ir Auto zu parken und beim Zurückkommen festzustellen, dass ir Auto wek is. So wird nich nur das Einkaufen, sondan auch das Nachtleben auf de Shopping-Center verlagert: da werden de Parkplätze überwacht und má wird nich überfallen – statliche Einrichtungen funccionam in Brasil selten, und de Polícia is da cai Ausname, aber de privada Iniciativa tut es, und dazu zälen eben de Sicherheits-Firmas, de de Shopping-Centers bewachen. Lange auf bleiben aba de Locale in de Einkaufs-Centros raramente, und sauber sind se. So sauber und geschniegelt, dass es cai Spass mer macht. Mir wenigstens nich. Nu, vás will má in a Citi vi zum Exemplo Sao Paulo sons machen? Sicher is de Citi warlich nich. Da become de Satz „Sao Paulo sen und sterben!“ a ganz andre Dimension!



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