„Ein Freund wurde beim Arbeiten erwischt“

Brigitte und Karl Mülleder

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Herr und Frau Mülleder, Sie leben und arbeiten seit 40 Jahren auf einem Bauernhof. Wie sieht ein normaler Tag für Sie aus?
Brigitte Mülleder: Inzwischen ist es ein bisserl leichter. Früher hatten wir einen Milchbetrieb, da haben mein Mann und ich uns die Arbeit geteilt: Wem es besser ging, der ist nach dem Aufstehen um halb sechs zum Melken in den Stall gegangen. Um sieben Uhr wurde die Milch zum Abtransport geholt. Tank und Melkzeug mussten gewaschen werden, dann hieß es für mich Frühstück zubereiten, Mutter und Schwiegermutter betreuen, im Haus alles in Ordnung bringen, die Wäsche erledigen, das Mittagessen richten, abends dasselbe mit dem Abendbrot, dann wieder zum Stall gehen und die Tiere versorgen. Von Freizeit keine Spur. 
 Karl Mülleder: Früher habe ich hauptberuflich als Forstarbeiter gearbeitet. Da habe ich frühmorgens die Stallarbeit gemacht und bin um sieben zur Arbeit gefahren. Bis um vier Uhr habe ich im Wald gearbeitet, zu Hause ging die Arbeit auf dem Hof weiter.
 
Im Juli 2001 haben Sie an dem Kunstprojekt „Ein Dorf tut nichts“ teilgenommen und fünf Tage lang gar nicht gearbeitet. Wie kam es dazu? 
Karl Mülleder: Die Projektleiter haben in Oberösterreich Personen gesucht, die sich vorstellen konnten, eine Woche nicht zu arbeiten. Ein Bekannter unserer Tochter sprach zufällig mit den beiden und so sind wir ins Gespräch gekommen. Dann sind sie uns besuchen gekommen. Meine Gattin hat denen gesagt, dass sie sich das nicht vorstellen kann, aber ich habe mir das gleich vorstellen können: Eine Woche nichts tun – das ist doch wunderbar! 
 
Frau Mülleder, warum konnten Sie sich erst nicht vorstellen, bei dem Projekt mitzumachen? 
Die Arbeit muss ja geschehen. Wenn man etwas nicht tut, muss es halt irgendein anderer machen. Ich habe mir gedacht: „Wer wird das machen?“ Dann haben die Projektleiter gesagt, dass sie Leute besorgen, die die Arbeit machen. Naja, dann war es schon ein bisserl anders. 
 
Wie ging es dann weiter? 
Karl Mülleder: Wir haben einige Familien im Dorf ansprechen müssen, dreißig bis vierzig Personen wurden gebraucht. Am Anfang haben manche Leute gedacht, ich sei verrückt geworden, da mitzumachen, aber man muss sich öfters als verrückt anschauen lassen und dann ist es nachher anders. (Lacht.) Mit der Zeit ist das Projekt jedenfalls gewachsen. 
Brigitte Mülleder: Wir bekamen mehrere Leute, die unsere Arbeit gemacht haben. Wir haben für den Stall jemanden gehabt und für den Haushalt war eine Familienhelferin da, die sich um unsere Oma gekümmert hat. Die sind alle vom Projekt bezahlt worden. Und wir haben halt die Tage genossen.
 
Wie haben Sie Ihre freien Tage verbracht?
Karl Mülleder: Wir sind kaum später als sonst aufgestanden, haben uns gewaschen und angezogen. Weil wir während des Projekts das Auto nicht benutzen durften, sind wir zum gemeinsamen Frühstück gelaufen. Das fand in einer Garage statt, die einer aus dem Dorf zur Verfügung gestellt hatte. Das Frühstück ist serviert worden und hinterher wurden sogar die Kaffeetassen abgewaschen. Wir haben gar nichts machen dürfen, sind aufgestanden und wieder nach Hause oder gleich mit den Freunden spazieren gegangen. Wir haben gefaulenzt, eine Woche im Liegestuhl gelegen und uns alles machen lassen. 
 Brigitte Mülleder: Wir sind gewandert, haben einen Ausflug gemacht. Es gibt in der Nähe so viele Sehenswürdigkeiten, die man sonst nicht wahrnimmt. Dazu haben wir die Gelegenheit genutzt. Gesungen und diskutiert haben wir miteinander. Wir waren aber auch zu Hause. Wer wollte, konnte daheim bleiben. Dann kam ein Betreuer und hat nachgeschaut, ob das funktioniert, also: dass nicht gearbeitet wird.


Wie haben Sie sich dabei gefühlt, gar nichts zu tun?
Karl Mülleder: Gut. Aber auf die Dauer wäre das auch nicht gesund, nicht zu arbeiten, habe ich gedacht. Es gab schon mal so einen Tag, wo man gesagt hat: „Ach, wenn man doch mal was Arbeit anfassen könnte ...“ Etwas habe ich das Arbeiten also schon vermisst. 
Brigitte Mülleder: Anfangs war’s mir ein bisserl mulmig: Aufstehen, gemeinsam frühstücken und dann nix. Es war etwas ganz Neues, das man lernen musste. Es war wohl am Anfang, dass ich, wenn wir heimgekommen sind und es schon finster war, mal die Blumen gegossen habe, um zehn Uhr nachts und ohne Licht zu machen. Sie wären sonst verdorrt. Ein bisserl hab ich geschummelt, aber das hat keiner gemerkt. (Lacht.)


War es auch für andere schwierig, nichts zu tun?
Karl Mülleder: Ein Freund, der wurde erwischt: Dem hatte es am Tag vorher den Sonnenschirm kaputt gemacht, den wollte er herrichten und justament haben sie ihn erwischt, als er was gearbeitet hat. 
Brigitte Mülleder: Das hat er freilich erklärt: „Wir brauchen den Sonnenschirm ja wieder“, hat er gesagt, und da habe er ihn eben repariert. Wenn was kaputt ist, dann richtet man es her, das ist eine gewisse Gewohnheit, das hat man im Blut.


Was ist Ihre schönste Erinnerung an die Woche Nichtstun? 
Karl Mülleder: Die schönste Erinnerung ist einfach die Gemeinschaft. Gemeinsam nicht zu arbeiten, hat die Beziehungen gestärkt. 
Brigitte Mülleder: Im Alltag hastet der eine hierhin, der andere dorthin, und wenn nicht irgendwie etwas Besonderes ist, setzt man sich nicht zusammen.
Karl Mülleder: Wir sind mehr zusammengekommen. Und das Schöne, es waren alle dabei, Kinder, ältere Menschen. Alle haben mitgezogen bei diesem Projekt.


Waren Sie erleichtert oder traurig, als nach fünf Tagen alles zu Ende war? 
Karl Mülleder: Man war erleichtert, dass man mal wieder was tun konnte, mal wieder Blumen spritzen oder zusammenkehren. Alle haben wieder frisch angepackt. Für ein paar Tage ist es schön, mehr Freizeit zu haben, aber für längere Zeit ist das nicht tragbar. Der Mensch ist für die Arbeit geboren. Jedenfalls fürs Nichtstun ist er nicht auf der Welt. 
Brigitte Mülleder: Genau. Es tut gut, aber es kann nicht ewig weitergehen. Eigentlich möchte ich nicht wieder so viel Freizeit haben, das war eine einmalige Begebenheit.
 
Hat sich Ihr Leben durch diese Erfahrung verändert? 
Karl Mülleder: Auf jeden Fall. Wir nehmen nicht mehr alles so wichtig und kommen auch mal mit weniger aus. Wir haben verstanden, dass man nicht alles immer genau zum gleichen Zeitpunkt machen kann. 
Brigitte Mülleder: Wir haben gelernt, uns die Aufgaben einzuteilen: Ich setze aus, wenn ich mal nicht kann. Dann sitze ich einfach da und nehme mir ein Buch oder wir fahren irgendwohin. Wir nehmen uns unsere Auszeiten.

Das Interview führte Charlotte Pardey
 


Das Projekt und seine Folgen:
 
Im Juni 2001 hörte das österreichische Dorf Eberhardschlag für das Kunstprojekt „Ein Dorf tut nichts“ von Elisabeth Schimana und Markus Seidl fünf Tage auf zu arbeiten. Vom neuen Gemeinschaftsgefühl begeistert versuchte man später einen Teil des Projekts in den Alltag zu retten: Jedes Jahr organisiert nun eine andere Familie zwei Tage Nichtstun. Die Arbeit wird frühmorgens und abends erledigt, damit der Rest des Tages frei ist für gemeinsame Unternehmungen. 



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