„Dem Rhythmus der Natur hingeben“

ein Gespräch mit Alfred Bellebaum

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Sie unterscheiden zwei Arten von Langeweile. Welche sind das?

Es gibt einmal die exogene, von außen kommende Langeweile, die übrigens gerne in der Ferienzeit auftritt: Gerade dann, wenn Menschen sich vornehmen, einmal nichts zu tun und auszuspannen, wird die Zeitspanne oft als zu lang empfunden und negativ bewertet. Damit machen die Animateure in den Urlaubsländern ihr Geschäft. Das zweite ist die existenzielle Langeweile. Sie ist endogen bedingt und hat etwas zu tun mit physisch-psychischen Anlagen, für die Menschen eigentlich nichts können. 
 
Im Schnitt haben Menschen heute mehr freie Zeit als vor hundert Jahren. Gibt es deshalb auch mehr Langeweile?

Wir fordern ja gerne verkürzte Arbeitszeiten, aber leider wissen wir mit der gewonnenen freien Zeit nicht viel anzufangen. Sicher gibt es Menschen, die in ihrer Freizeit Tätigkeiten nachgehen, die sie als ausgesprochen sinnvoll empfinden. Aber man kann sagen, dass es im Zuge der Demokratisierung der Freizeit auch zu einer Demokratisierung von Langeweile gekommen ist. 
 
Warum ist Langeweile in unserem westlichen Kulturkreis so verpönt?

Das hat etwas was mit der Bewertung von Arbeit zu tun. Wenn Arbeit so im Zentrum steht wie in unserem Kulturkreis, dann ist alle Zeit, in der eine solche Lebensmaxime nicht praktiziert wird, leere und unnütze Zeit – sündige Zeitverwendung hätte man früher vielleicht gesagt. Diese traditionsreiche Hochschätzung der Arbeit ist ja christlich geprägt und hat sich inzwischen säkularisiert. 
 
Wo wird der Müßiggang positiver als bei uns bewertet?

In agrarisch bestimmten Gesellschaften, beispielsweise in Schwarzafrika oder Zentralasien, wo man nach dem Rhythmus der Natur lebt. Eine „lange Weile“ wird hier nicht als leere Zeit empfunden, sondern als unvermeidbare und positiv zu bewertende Zeit der Regeneration für Menschen, Tiere oder den Boden. Dieses für uns fremde Zeitgefühl findet sich auch in südlichen Ländern: Wenn dort Menschen stundenlang in der Hitze dösen, muss ihnen nicht langweilig sein, sie empfinden es im Gegensatz zu uns nicht als Belastung, auf diese Weise Zeit zu verbringen.

Woher rühren diese Unterschiede im Zeitempfinden zwischen den Kulturkreisen?

In weniger industrialisierten Ländern wird der Rhythmus der Menschen noch mehr von der Ereigniszeit und den Jahreszeiten bestimmt, bei uns hat dagegen die Uhrzeit die Herrschaft übernommen. Frühjahr, Sommer, Herbst, Winter oder auch die Erntezeit, diese Rhythmen sind naturgegeben, denen können Sie sich als Mensch nur hingeben. Auch klimatische Bedingungen können einen solchen Rhythmus vorgeben: In südlichen Ländern gibt es Ruhezeiten während der heißen Tageszeiten, die aber nicht gleich Langeweile bedeuten, weil es die Umstände sinnvoll machen, der Hitze des Mittags zu entgehen. Aber überall dort, wo man pausenlos auf die Uhr guckt und ständig den Terminkalender im Kopf hat, geht die Gelassenheit schnell verloren – hier wird viel schneller Druck empfunden, wenn Zeit nicht sinnvoll genutzt wird. 
 
Sind Arbeit und Druck aber nicht auch hilfreich, um Langeweile zu vertreiben?

Sicher. Wenn Sie beispielsweise nach Bhutan gehen, das übrigens das einzige Land der Welt ist, in dem Glück als Bestandteil des Bruttosozialprodukts gerechnet wird, und da die Menschen bei ihrer harten Arbeit sehen, wird schnell deutlich, dass hier nicht so schnell Langeweile im Sinne des Missmuts aufkommt. Glücklich macht eine übermäßige Arbeitsbelastung natürlich auch nicht – insbesondere wenn sie sich wie in unserem westlichen Kulturkreis mit Hektik und Prestigedenken paart.

Inwiefern kann aber auch Arbeit selbst langweilig sein?

Es gibt ja Kulturkritiker, die Fließbandtätigkeiten für ganz fürchterlich monoton und langweilig halten. Aber es gibt interessante ältere Studien, die zeigen, dass Fließbandarbeiter ihre Tätigkeit keineswegs als schlimm empfinden, weil sie in dieser Tätigkeit durchaus einen Sinn sehen. Das kann natürlich ein gemischtes Gefühl sein, das einerseits durch Langeweile angesichts des immer gleichen Handgriffs, andererseits aber durch Zufriedenheit, eine Tätigkeit zu haben, geprägt ist. Übrigens: Bei eher geistig Arbeitenden taucht die Langeweile weniger oder gar nicht auf, sie wird auch weniger als Last empfunden, da geistige Arbeit in der Regel freiwillig verrichtet wird. Und wenn etwas freiwillig getan wird, ist das Gefühl der Langeweile eigentlich nicht zu erwarten.

Das Interview führte Jörg Frommann



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