Spiel des Lebens

Michael Roes

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Die Männer sitzen schweigend im Diwan, rauchen Zigaretten und kauen Qat, die Jungen spielen in der staubigen Gasse Ball: Freizeit im Jemen. Die Muße der Erwachsenen und das Spiel der Kinder sind voneinander getrennt. Die Muße, das gemeinsame Plaudern, Qatkauen oder Nichtstun, gilt durchaus als erstrebenswert das Spiel aber ist eine Domäne der Kindheit. Ein erwachsener Jemenit spielt nicht. Der arabische Begriff „la’ib“ für das Spiel ist ausschließlich mit dem Kindsein assoziiert. Das Treiben eines Erwachsenen so zu benennen, käme einer Ehrverletzung gleich.
Dabei eröffnet das Spiel Möglichkeiten, die Gegensätze zwischen Arbeit und Freizeit, Ernst und Spiel zu versöhnen. Wir brauchen freie, von lebensnotwendigen Tätigkeiten befreite Zeit, um zu spielen. Doch ist Freizeit noch nicht Spielzeit. Innerhalb des Spiels gelten neue, selbstbestimmte Grenzen und Regeln, die womöglich einer noch größeren Strenge unterworfen sind als unsere Aktivitäten in der „unfreien“ Zeit.

In vergangenen Jahrhunderten unterschied sich das Kinderspiel nur wenig vom Erwachsenenspiel. Märchenerzählen, Gesang, Tanz und Musik betrieben Kinder und Erwachsene gemeinsam. Selbst an Erwachsenenvergnügungen wie Wettkämpfen und Glücksspielen nahmen vier- und fünfjährige Kinder teil. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede gab es kaum. Jungen und Mädchen trugen in der frühen Kindheit die gleiche Kleidung und hatten das gleiche Spielzeug. In bürgerlicher Zeit brach die Spielgemeinschaft zwischen Kindern und Erwachsenen auseinander. Das Spiel wurde entwertet: Es wurde zum Gegenbegriff von Ernst, Schule, Arbeit.
Heute noch traditionell strukturierte Gesellschaften zeigen ein anderes Bild. Oft ist der Spielbegriff eng mit dem der Kindheit verknüpft, deren Sphären von denen der Erwachsenenwelt streng getrennt sind. Es gibt Riten oder Prüfungen, um von der einen in die andere zu wechseln.
Nicht nur der Freiheits- und der Spielbegriff sind his­torisch und kulturell unterschiedlich definiert, sondern auch der Zeitbegriff. Auf Reisen werden wir mit der ureigenen Zeiterfahrung verschiedener Kulturen konfrontiert. Wie oft haben wir stundenlang oder gar vergeblich auf Bekannte oder den Bus gewartet! Für uns ist Warten tote Zeit, neben Frei- und Arbeitszeit, Langeweile und Spielzeit eine weitere, viel zu wenig bedachte Zeiterfahrung.

Spiel ist kein wissenschaftlicher Begriff. Es benennt so unterschiedliche Phänomene wie die Bewegung des Windes, das Zupfen einer Saite, die Beschäftigung eines Kindes oder die Schritte eines Tänzers. Auch im engeren Sinn umschreibt Spiel nicht allein ein Vergnügen oder einen Zeitvertreib, sondern ist ebenso Metapher für ernsthafte Aspekte des Lebens: gewagtes Spiel, das Spiel in Händen halten, die Hand im Spiel haben, jemandem übel mitspielen, etwas aufs Spiel setzen, aus dem Spiel lassen.
Offenbar benennt Spiel eher eine Haltung als eine Tätigkeit, das Spielerische eines seiner Notwendigkeit beraubten Tuns oder Geschehens. Meyers Enzyklopädisches Lexikon definiert Spiel als eine Tätigkeit, die ohne bewussten Zweck, aus Vergnügen an der Tätigkeit als solcher beziehungsweise an ihrem Gelingen vollzogen werde und stets mit Lustempfinden verbunden sei. Diese Definition bezieht sich jedoch nur auf Teilaspekte des Spiels. Jedem Merkmal ließe sich ein entgegengesetztes für einen anderen Aspekt des Spiels hinzufügen: Das Spiel verfolgt keinen außerhalb seiner selbst liegenden Zweck – es trainiert Fähigkeiten des Erwachsenenalters (Kinderspiel) das Spiel lehrt, klärt auf, unterhält (Theaterspiel) das Spiel bereitet Vergnügen und ist mit Lust verbunden das Spiel ist eine körperliche oder geistige Herausforderung (Sportwettkämpfe, Schach) das Spiel erfordert Selbst­überwindung, Disziplin, Ausdauer, Teamgeist ...
Bestimmte Wesenszüge des Spiels entziehen sich dem wissenschaftlichen Diskurs, wird ein Phänomen doch nicht durch definierbare Merkmale und Regeln zum Spiel, sondern durch ein Bewusstsein des Spielenden, dass sein Tun frei von Notwendigkeit ist. Daher kann jedes menschliche Handeln durch die Formel „Ist ja nur ein Spiel!“ zum Spiel werden. Das gemeinsame Spiel setzt voraus, dass sich alle Mitspieler über das Erlaubte und das Verbotene und die Einhaltung der Regeln einig sind. Die Haltung „ich spiele“ bedeutet immer auch: Ich ordne mich den vereinbarten Regeln unter. Spielen ist also kein freies, undiszipliniertes, regel- oder zügelloses Verhalten, sondern – im Gegenteil – von größerer Unbedingtheit und Strenge als außerspielische Tätigkeiten. Doch warum täuschen wir, um des Sieges willen, die Einhaltung der Regeln nicht nur vor? Warum suchen wir nach einem Konsens oder akzeptieren einen allgemeinen Schiedsspruch, anstatt auf der eigenen (eigennützigen) Sicht des Geschehens zu bestehen? Gibt es in uns einen Sinn für Fairness, eine allen Menschen innewohnende Fähigkeit, sich auf eine gemeinsame Wahrnehmung und Wertung des Geschehens zu einigen?

In den modernen westlichen Gesellschaften erfährt das Spiel eine Umwertung. Von der gesellschaftlichen Duldung, vom Mittel der Erziehung und Ertüchtigung entwickelte es sich zum Inbegriff eines kulturellen Wandels, in dem fast alle sozialen und wissenschaftlichen Bereiche von eigenen Spieltheorien und -strategien erfasst worden sind. Das Spiel verliert seinen klar umgrenzten Raum, seine festgelegte Zeit, seine Autonomie. Alles wird zum Spiel: Teamarbeit, Börsenkurse, Gottesdienste, Chaos.

Anscheinend erfüllen Spiele in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Funktionen. Was ist diesen verschiedenen Phänomenen gemeinsam, dass wir sie alle als Spiel bezeichnen? Erinnern wir uns:
Im Spiel bringt die Gemeinschaft ihre Deutung der
Welt zum Ausdruck. (Huizinga)
Das Spiel ist eine metaphorische Beschreibung mensch-
lichen Zusammenlebens. (Rorty)
Das Spiel ist eine Ausdrucksform des Unbewussten. (Freud)
Das Spiel ist ein Mittel zur Genese des Selbst. (Mead)
Das Spiel ist Reflexion eines Vakuums. (Piaget)
Doch fragen wir den Spielenden selbst: Was meinst du, wenn du sagst, du spielst? Bei den Algonkin-Indianern gibt es für das Spiel verschiedene Begriffe, je nachdem, ob das Spiel der Kinder, der Halbwüchsigen oder Erwachsenen gemeint ist.
Das arabische Wort für „spielen“ („lai’ba“) hingegen schließt auch Bedeutungen wie „hänseln“, „zum
Narren halten“, „verspotten“, das Sabbern eines Säuglings,
das Spielen eines Musikinstruments oder das erotische
Spiel mit ein. Durch die enge Verbindung des Begriffs
mit der Kindheit und gesellschaftlich geächteten Tätig-
keiten wie Musizieren oder Theaterspielen ist lai’ba
negativ konnotiert.

Auch innerhalb einer Gesellschaft treten Spiele in unterschiedlichen Zusammenhängen auf: ökonomischen, sozialen, politischen, religiösen, sprachlichen, kybernetischen ...
Beschäftigen sich die unzähligen Spieltheorien überhaupt mit dem gleichen Gegenstand? Gibt es ein bestimmbares Phänomen (ein Verhalten, eine Tätigkeit, ein Geschehen) „Spiel“? Handelt es sich nicht eher um eine ungenaue, vorwissenschaftliche Vereinbarung, eine Sprachgewohnheit? Sprache ist nicht präzise, nicht wissenschaftlich exakt. Sprache beruht auf Nachahmungen, Vereinbarungen, Annäherungen, Analogien.
Sprache ist selbst ein Spiel. (Wittgenstein)
Spiel ist kein fest umrissener Begriff. Dennoch wissen wir, was ein Spiel ist. Spiel ist in Alltagserfahrung eingebettet. Im alltäglichen Leben nützt auch ein ungenauer Begriff.
Wir wissen, auch wenn wir es mit Sprache nicht hinreichend beschreiben können, wann ein Mitspieler die Grenzen des Spiels überschreitet. Im Alltag reden wir von Ernst als dem Nichtspielerischen. Ernst ist das, was nicht unserer freien Entscheidung unterliegt. Ernst sind die Zwänge, denen wir nicht ausweichen können und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.
Ist Spiel ein – im tiefsten Sinne – beliebiges Geschehen, so ist Ernst das Unausweichliche.

Doch das Spiel bedeutet nicht nur, dass ein Spieler spielt, es bedeutet auch, dass etwas mit dem Spieler spielt. Das Spiel hängt mit dem Leben selbst unmittelbar zusammen: Wir können mit allem spielen, mit Dingen, Menschen, Situationen und Rollen, mit Gedanken, Gefühlen und Worten und mit dem Leben selbst. Und das Leben kann mit uns sein Spiel treiben. Plötzlich finden wir uns als Spielfigur eines größeren Spiels wieder, dessen Regeln wir nicht durchschauen und dessen Grenzen wir nicht erkennen. Wir können so wenig aus uns selbst heraustreten, um wieder Herr der Spielzüge zu werden, wie wir unser „Sprachspiel“ verlassen können, um darüber zu sprechen.

Mit dem Traum hat Spiel sein magisches Verhältnis zur Wirklichkeit gemeinsam. Aber es unterscheidet sich in einem Merkmal: Das Spiel ist ein entschiedenes Träumen.
Es besitzt die Kraft, in den Alltag hineinzuwirken, als Entlastung, als Aneignung oder Werk.

Hängt das Spiel mit dem Leben selbst zusammen, so auch mit seiner äußersten Grenze, dem Tod. In fast allen Spielen ist der Tod gegenwärtig. Mit dem Leben zu spielen, bedeutet immer auch, mit dem Tod zu spielen, in Mutproben, Wettkämpfen, Duellen und natürlich, wie Erzähler in allen Kulturen zu beschreiben wissen, mit dem Tod persönlich. Wir wollen einen Schritt hinaus wagen, einen Blick von außen auf das Leben werfen, auf uns selbst, und doch noch einmal davonkommen und dem Tod eine weitere Lebensspanne ablisten! Denn die einzige Schwäche des Todes, so erzählen uns die Alten, die es wissen müssen, ist seine Leidenschaft für das Spiel.



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