„Wer jeden Moment mit etwas füllt, reflektiert seine Erfahrungen nicht“

ein Interview mit Kwame Anthony Appiah

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Herr Appiah, warum brauchen Menschen Freizeit?

Ich glaube, es gibt keine Antwort auf diese Frage. Man kann nur sagen, warum Menschen manchmal Dinge tun müssen, die wir Freizeit nennen. Was unter Freizeit verstanden wird, ist kulturell und historisch unterschiedlich. Der Freizeitbegriff ist außerdem klassenspezifisch: Was muss einer tun, um seine Familie ernähren zu können? Man kann Freizeit als Erholung sehen, als Regeneration. Diese Art von Freizeit ist körperlich, man tankt wieder auf, indem man ins Fitnessstudio oder schwimmen geht. Es gibt aber noch andere Arten, seine freie Zeit zu verbringen: In meiner Jugend in Ghana war es üblich, sich gegenseitig zu besuchen. Man bot den Gästen etwas zu trinken an und saß einfach beisammen. Manchmal guckte man nur in die Luft. Nach einer Weile verabschiedete man sich und ging wieder. In den USA wäre es hingegen sehr ungewöhnlich, so seine Zeit zusammen zu verbringen.

Sie sagen, der Freizeitbegriff ist kulturell und historisch bestimmt. Wann entstand das westliche Konzept von Freizeit?

Ein Teil der Bedeutung von Freizeit ist auf die Entstehung der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie zurückzuführen. Das sind Wirtschaftszweige, die Menschen „Inhalte“ für ihre freie Zeit verkaufen. Natürlich gab es solche Institutionen schon früher: Man denke nur an den Roman oder das Theater, das die Menschen letztendlich dazu bewegen sollte, wiederzukommen und Eintritt zu bezahlen. Heute haben der Tourismus und die Unterhaltungsindustrie in vielen Ländern einen enormen Anteil am Bruttoinlandsprodukt.

Wie unterscheiden Menschen zwischen Freizeit und Arbeit?

Das ist ein Merkmal der modernen westlichen Wirtschaftsordnung: Wir unterscheiden zwischen der Zeit, in der wir bezahlt werden, und der Zeit, in der wir nicht bezahlt werden. Wenn du deine Aufgabe aber ernst nimmst, wird diese Unterscheidung unklar. Ein Arzt hat zwar nur zu bestimmten Zeiten Sprechstunde, wartet jedoch unter Umständen trotzdem auf Patienten oder nimmt in seinen Ferien eine medizinische Fachzeitschrift mit an den Strand. Ist das dann Arbeit oder Freizeit? Was zum Beispiel versteht man unter einem Fulltime-Schriftsteller? Jeder Ort, an dem er sich befindet, könnte in seinem nächsten Buch vorkommen, jede Unterhaltung könnte ihn auf eine Idee für eine Figur bringen. Das macht ja das Schriftsteller-Sein aus: Die Zeit des Schreibens ist nur ein kleiner Teil seiner Arbeit.

Warum ist uns Freizeit so wichtig?

Freizeit erlangte erst wirkliche Bedeutung, als Menschen anfingen, ihre Arbeit zu hassen und ihr entfliehen zu wollen. Das setzte mit dem Beginn der industriellen Arbeit ein. Landwirtschaftliche Arbeit ist hart, aber Bauern hassen normalerweise nicht, was sie tun. Sie haben einen Weg gefunden, so zu arbeiten, dass es ihnen Freude macht. Menschen, die keine Berufung haben, bringen die Arbeit einfach nur hinter sich. Sie ist ihnen nicht wichtig und erscheint nicht als ehrenwert. Deswegen ist das Leben jenseits der Arbeit das wirkliche Leben für sie.

Gibt es aber nicht auch ein positives Bild der Arbeit?

Erst Mitte des 19. Jahrhunderts begann man Arbeit als ehrenhaft anzusehen. Die Arbeiterklasse entwickelte ihr Selbstverständnis zum Teil aus der Erkenntnis, dass Arbeit wertvoll ist. Die Arbeiter sahen sich als die produktive Klasse und grenzten sich von der unproduktiven Klasse, den Reichen, ab. Das wertete sie gegenüber Menschen, die über mehr finanzielle Ressourcen verfügten, auf.

Freie Zeit wurde also ursprünglich mit dem Adel assoziiert?

Für vermögende Menschen in Frankreich und England war es damals unmöglich, zu arbeiten, selbst wenn sie gewollt hätten. Das hätte ihren Status untergraben. Der französische Politiker Alexis de Tocqueville reiste im 19. Jahrhundert nach Amerika und stellte überrascht fest, dass dort auch die reichen Menschen arbeiteten. In den USA trug die Arbeit zum Ansehen einer Person bei. In aristokratischen Gesellschaften hingegen war die einzige Aufgabe des Adels, sich wohltätig zu engagieren. In der übrigen Zeit durfte er nichts tun außer konsumieren und gesellschaftliche Kontakte pflegen.

Glauben Sie, dass das Freizeitverhalten der Menschen weltweit immer ähnlicher wird, oder bemerken Sie größer werdende Unterschiede?

Es gibt zwei Milliarden Menschen, die von weniger als zwei Dollar am Tag leben, und noch einmal eine Milliarde, die mit weniger als einem Dollar durchkommen müssen. Diese Menschen müssen sich jeden Tag abstrampeln, nur um die Kalorien zusammenzubekommen, die ihr Überleben sichern. Es ist absurd, über ihre Freizeit zu reden. Selbst wenn sie nichts zu tun hätten, könnten sie nicht tanzen oder Ähnliches tun, denn das würde wertvolle Energie verbrauchen. Betrachten wir also die übrigen fünf Milliarden Menschen. Dort wo ich aufgewachsen bin, sind Ferien etwas vollkommen Neues. Denn wo hätte man früher auch hinfahren sollen? Urlaub setzt Reisen voraus.

Dies bedeutet, an einen Ort zu fahren, an dem sich andere Menschen um einen kümmern, während man selbst nichts tut. Vor 100 oder 120 Jahren waren Feste und Rituale wie Beerdigungen für die Menschen in meiner Heimat Freizeit. Als ich ein Kind war, gingen meine Eltern jeden Samstag auf Beerdigungen von Leuten, deren Familien sie kannten. Sie blieben vielleicht eine halbe Stunde, sie saßen da oder tanzten. Es mag makaber klingen, aber Beerdigungen in Ghana machen wirklich Spaß. Sie zu besuchen ist nicht wirklich Freizeit, aber Arbeit ist es auch nicht.

Wie verbringen die Menschen heute in Ghana ihre freie Zeit?

Afrikaner spielen Fußball. Man kann in ein beliebiges Dorf südlich der Sahara gehen und wird Jungen kicken sehen. Wenn sie nicht sehr arm sind, gibt es Tore, ansonsten nur zwei Steine. Auch traditionelle Brettspiele sind immer noch sehr beliebt. Dame wird in ganz Ghana gespielt. Die Menschen sehen natürlich auch viel fern. Doch für viele sind DVDs viel wichtiger. Kinos gibt es so gut wie gar nicht mehr. Und so sehen die Menschen sich Filme auf DVD an, manchmal in einem Raum mit zehn anderen Leuten. Im englischsprachigen Afrika schauen sie sich sogenannte Nollywood-Filme aus Nigeria an. Sie handeln von Liebe und Hochzeiten, Familienfehden und Hexereien. Die Leute lieben Telenovelas, die zwar furchtbar erzählt sind, aber unterhaltsam. Ganz wichtig sind den Menschen auch Klatsch und Tratsch – sie tauschen sich darüber aus, wer mit wem schläft, wer verheiratet und geschieden ist.

Sie haben in vielen verschiedenen Ländern gelebt. Was sind Ihrer Meinung nach die interessantesten Unterschiede in der Art, wie Menschen ihre freie Zeit gestalten? Und wie drückt sich darin ihre Kultur und ihre Sicht auf die Welt aus?

Es gibt ein anglikanisches Konzept von Freizeit, in dem das Sich-Verbessern im Mittelpunkt steht. Man kann an den Strand gehen, aber man muss ein Buch mitnehmen. Ich vermute, deutsche Protestanten können dieses Verhalten nachvollziehen. In Südamerika oder Spanien geht es jedoch nicht darum, sich zu verbessern, wenn man nachts durch die Straßen zieht. Die Menschen dort möchten einfach nur die Zeit genießen. Das ist der große Unterschied zwischen Orten, an denen man Zeit für etwas Wertvolles hält, das ausgefüllt werden muss, und Orten, an denen das nicht so ist. In jedem afrikanischen Dorf kann man Menschen sehen, die einfach nur herumsitzen. Ich bin mir sicher, die meisten Europäer denken als Erstes: „Warum ist denen nicht langweilig?“

Und was wäre Ihre Antwort?

Das ist eine Frage, die man eigentlich gar nicht stellen kann, denn in vielen Sprachen gibt es gar kein Wort für Langeweile. Ich wüsste nicht, wie man Langeweile in Twi, der Sprache meines Vaters, ausdrücken sollte. Langeweile ist ein kulturelles Konstrukt. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gab es auch in der englischsprachigen Welt keinen Begriff dafür. Die Idee, dass der Geist beschäftigt sein und man stetig arbeiten sollte, entspringt dem im 19. Jahrhundert entwickelten Wirtschaftssystem. Der kapitalistischen Kultur liegt die Auffassung zugrunde, dass Arbeit das Zentrum all unserer Aktivitäten ist. Die Zeit, für die du nicht bezahlt wirst, stellt eine verpasste Chance dar.

Was sagt die Art, wie wir unsere Freizeit verbringen, über uns aus?

Viele Freizeitaktivitäten hängen mit Identität zusammen. Die einen fahren in den Ferien gerne nach Spanien, die anderen ans Schwarze Meer. Identität wird in der Ersten Welt stark durch etwas bestimmt, was auf Englisch „fandom“ genannt wird: ein Fan von etwas sein. Ist man Manchester-United-Fan, bestimmt das die Freizeit: Man fährt zum Beispiel dorthin, wo die Mannschaft spielt. Die Freizeit ist Teil dessen, was du bist. Gesellschaftliche Schichten spielen hier eine große Rolle. Ich meine nicht, dass es keine Manchester-United-Fans in der Oberschicht gibt, aber die Art, wie man Fan ist, hängt mit der Schicht zusammen. Bestimmte Sportarten werden auch mit einer Klasse assoziiert: Tennis oder Golf beispielsweise. Auch sie spiegeln Klassenidentitäten und Status wider. Der Begriff „Klasse“ ist sehr kompliziert geworden in der modernen Welt und kann nicht mehr direkt mit dem Einkommen in Zusammenhang gebracht werden. Ein Zusammenhang mit Bildung ist offensichtlicher. Man kann einen gewissen Status ohne viel Geld haben, wenn man einen gewissen Bildungsgrad hat. Wenn man Klasse so definiert, wird Freizeit zentral, um zu bestimmen, wer wir sind. Sie beinhaltet Signale über Identitäten.

Denken Sie, dass wir alle wieder lernen müssen, nichts zu tun, um vollständige Menschen zu sein?

Ich glaube, dass Menschen, die jeden Moment mit etwas füllen, die zum Beispiel das Fernsehgerät einschalten, sobald sie nach Hause kommen, sich weigern, ihre eigenen Erfahrungen zu reflektieren. Im Englischen gibt es eine Redewendung: „Lehn dich zurück und rieche an den Rosen.“ Aber das trifft es nicht ganz. Es geht mir nicht nur darum, dass man sich öffnet für eine sinnliche Erfahrung der Welt um einen herum. Das ist auch wichtig, aber hauptsächlich geht es mir um das Nachdenken über das eigene Leben, nicht in einer gezielten Art und Weise, nicht als protestantische Selbstverbesserung, sondern als eine der Beschäftigungen, die man jeden Tag tut: einfach ein kleines bisschen darüber nachdenken, was passiert.

Viele Menschen in der westlichen Welt organisieren ihre Freizeit mit der gleichen Termindichte wie ihre Arbeit. Warum ist das so?

Jemand könnte folgendermaßen denken: Ich bin 55 Jahre alt, das heißt, die Hälfte meines Lebens liegt bereits hinter mir und ich habe nur noch eine bestimmte Anzahl Stunden übrig. Es gibt schier unendlich viele Dinge, die ich noch nie getan habe. Deshalb gibt es Menschen, die ihre Freizeit derart hysterisch verbringen. Sie hetzen in ihrer Freizeit so wie in ihrer Arbeit. Meiner Meinung nach ist das die falsche Art, mit der begrenzten Zeit eines Menschen umzugehen. Andererseits: Einer, der an einem Baum lehnt und den Mond anschaut, muss dafür niemandem etwas bezahlen, denn der Mond ist kostenlos und der Baum steht in seinem eigenen Garten. Er geht als zahlender Konsument verloren. Ein großer Teil der Werbung versucht uns einzureden, dass wir uns schlecht fühlen sollen, wenn wir Dinge tun, die kein Geld kosten. Aber nicht jede Art von Wert lässt sich in Geld bemessen. Manche Dinge verlieren sogar an Wert, wenn wir für sie bezahlen. Wie die Beatles schon wussten: Money can’t buy me love – Liebe kann man nicht kaufen. Aber Liebe ist ein wertvolles Gut.

Heißt das, dass unser Wirtschaftsmodell Nichtstun eigentlich ausschließt?

Ich möchte gerne glauben, dass wir eine Wirtschaftsform entwickeln können, in der wir nach anderen Kriterien bestimmen, was es wert ist, getan zu werden. Ein Teil des Konsums erfolgt allein um des Konsums willen. So wird zum Beispiel die Erfahrung, einen Film zu schauen, nicht dadurch besser, dass man ein neues Fernsehgerät kauft. Dass die Zeit und die Erfahrung umso wertvoller sind, je mehr Geld wir für sie ausgeben, diese Art zu denken, sollte für uns alle sowohl aus ökologischen als auch ethischen Gründen beunruhigend sein. Es gibt Menschen, die kommen nach Hause und sagen gerade noch „Guten Abend“ zu ihrem Partner, bevor beide sich dem Fernseher zuwenden. Menschen, die einander nicht fragen: „Wie war dein Tag? Was hast du heute gemacht?“ Das sind zwar keine Dinge, die man unbedingt über seinen Partner wissen muss, aber es sind Grundlagen des zwischenmenschlichen Austauschs.

Was tun Sie selbst am liebsten in Ihrer freien Zeit?

Ich füttere gerne unsere Schafe. Wir haben Schafe und Enten.

Wie viele Schafe haben Sie denn?

Im Moment 18. Außerdem haben wir einen wechselnden Bestand an Enten und drei Gänse. Manchmal finden wir Eier, aber meistens findet sie der Fuchs. Ich mag es, im Garten zu sein. Außerdem lese ich viel, auch Dinge, die ich nicht für meine Arbeit lesen muss.

Schafe und Enten zu halten ...

... ist sehr wichtig für mich: Wenn ich Stress habe, hilft es mir, mit Tieren zusammen zu sein, die keine Ahnung von Erderwärmung haben und denen der Krieg in Afghanistan egal ist. Sie sehen die Dinge irgendwie entspannt. Es ist für mich entspannend, mit ihnen zusammen zu sein.

Langweilen Sie sich manchmal?

Ich kenne eigentlich keine Langeweile. Ich habe immer ein paar Dinge im Kopf, über die ich nachdenke. Einen Teil meiner Zeit verbringe ich also mit scheinbar nichts.

Das Gespräch führten Timo Berger und Carmen Eller



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