Die große Leere

von Rutendo Mars

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


Dadirai Zhou träumte davon, Anwältin zu werden, um ihre alleinerziehende Mutter zu entlasten, die sich noch um ihre vier Geschwister kümmerte. Nach ihrem Schulabschluss 2006 wähnte Dadirai die größte Not ihrer Mutter am Ende. Bis dahin hatte die Familie von der Hand in den Mund gelebt, war aber mit dem wenigen Geld, das die Ernte ihres ausgelaugten Feldes einbrachte, über die Runden gekommen. Nun hoffte die junge Frau ihren Traum vom Jurastudium mithilfe staatlicher Zuschüsse verwirklichen zu können.

Dadirais Traum platzte nur wenige Monate, nachdem sie sich an der Midlands State University in Gweru eingeschrieben hatte. Denn wirtschaftliche Probleme veranlassten die Regierung, jegliche Unterstützung für Studenten einzustellen. Sie wurden mit einem Mal angehalten, ihre Studiengebühren selbst zu zahlen. Doch um für die Ausbildung ihrer Tochter aufzukommen, fehlte Dadirais Mutter das Geld.

Wie Dadirai ergeht es Tausenden von Jugendlichen im krisengeschüttelten Simbabwe. Als das Land im April 1980 unabhängig wurde, beschränkte sich die Ausbildung der meisten Kinder auf einige Jahre Grundschule. In den ersten 15 Jahren der Souveränität aber erlebten die über 13 Millionen Einwohner des Landes unglaubliche Entwicklungen: Man baute mehr Schulen, bildete Lehrer besser aus und stellte neues Lehrmaterial zur Verfügung. Simbabwe erreichte mit 90 Prozent die höchste Alphabetisierungsrate Afrikas südlich der Sahara.

Seit 1980 war die Schulausbildung kostenlos, aber nach 1988 hob die Regierung die Einschreibegebühren an Schulen stetig an. Heute können sich viele nicht einmal mehr die Anmeldung leisten. Lehrergehälter und Zuschüsse für Schulen sind stark geschrumpft. Die unterbezahlten Lehrer flüchten in die Nachbarländer oder machen sich selbstständig. Man muss sich schämen für die staatlichen Schulen und Universitäten. Lehrer und Verwaltungsbeamte sind unqualifiziert, es fehlt an Lehrbüchern und die Infrastruktur ist schlecht. Zusätzlich mangelt es an Elektrizität und Wasser.

„In den letzten zwei Jahren ist es vermehrt vorgekommen, dass Universitäten, darunter auch die größte des Landes, nicht mehr in der Lage waren, den Lehrbetrieb aufzunehmen“, sagt Tenson Mugodzwa von der Vereinigung der Universitätsprofessoren in Simbabwe. „Drei Viertel der Lehrer haben die Universitäten für attraktivere Angebote verlassen. Sogar Grund- und Oberschullehrer sind scharenweise ausgewandert. Und für Studenten gibt es keine vernünftige Unterkunft.“

Für die Misere machen viele Pädagogen die Politik der Regierungspartei Zimbabwe African National Union Patriotic Front (ZANU-PF) verantwortlich. Während sich das Bildungswesen in Simbabwe seit 2000 kontinuierlich verschlechtert, schicken die dafür verantwortlichen Regierungsmitglieder ihre Kinder auf Privatschulen oder nach Südafrika, Australien, Kanada und in die USA. Die Last des zusammengebrochenen Bildungswesens tragen die Kinder der einfachen Leute. Seit der Dollar 2008 Hauptzahlungsmittel der einheimischen Wirtschaft wurde, sind Eltern zudem angehalten, Studiengebühren und andere Abgaben in US-Dollar oder südafrikanischen Rand zu bezahlen. Die meisten Menschen in Simbabwe aber kommen erst gar nicht an ausländische Währungen.

„Es tut weh, dass die Leute, die früher selbst von staatlichen Zuschüssen profitiert haben, nun von uns verlangen, Studiengebühren in Fremdwährungen zu bezahlen“, sagt Shingirirayi Mutetwa, die im zweiten Jahr an der Midlands State University studiert. „Wie soll mein Vater, der als Lehrer 120 Dollar verdient, 450 Dollar Gebühren zahlen? Letztes Jahr besuchten wir nur wenige Vorlesungen, da die Dozenten Zahlungsbelege sehen wollten. Die meisten von uns hatten aber nicht bezahlt“, erklärt Mutetwa. „Bildung sollte doch unser Recht sein. Die Regierung verhält sich elitär, denn die Mehrheit kann sich die hohen Studiengebühren nicht leisten.“

Seit die Regierung aus ZANU-PF und dem Movement for Democratic Change (MDC) an der Macht ist, verdienen Beamte zwischen 140 und 175 Dollar. Eine sechsköpfige Familie braucht allein 250 Dollar für Grundnahrungsmittel. Staatliche Schulen verlangen 100 Dollar pro Semester, private sogar zwischen 500 und 2000 Dollar. Die Zahl der Schulabbrecher steigt dramatisch. Bedingt durch die wirtschaftliche Krise erhalten Lehrer weniger als 200 Dollar. Oft bleiben Gehaltszahlungen ganz aus.

„Ein Land ohne Bildung kann sich nicht entwickeln“, sagt Wilbert Muringani, der Ortsvorsitzende der Progressive Teachers Union in den Midlands. „Es ist äußerst schmerzhaft zu beobachten, wie die Ausbildung in einem Land, das noch in den 1990er-Jahren das beste Bildungssystem Afrikas südlich der Sahara hatte, so verkommt, dass Schüler über zwei Jahre keinen Unterricht haben, weil Lehrer aufgrund zu tiefer Löhne daran gehindert werden, zur Arbeit zu gehen.“ Muringani fordert in erster Linie ein höheres Einkommen für Pädagogen. „Löhne müssen angepasst werden, wenn wir die frühere Qualität des Bildungssystems wieder erreichen wollen.“

Neben finanziellen Engpässen macht Muringani auch Schikanen der Regierung für den Verfall des Bildungssystems in Simbabwe verantwortlich. „Lehrer wurden seit 2000 insbesondere in ländlichen Regionen politisch verfolgt, gefoltert oder sogar getötet“, erklärt Muringani. Wer öffentlich Kritik äußert, gerät schnell ins Kreuzfeuer der Machthaber. „Politische Stabilität ist eine Grundvoraussetzung. Wir fordern eine neue Verfassung, in der das Recht auf Bildung für jedes simbabwische Kind verankert ist.“

Ähnlich denkt auch der Menschenrechtler Peter Muchengeti: „Es ist die Aufgabe der Regierung, Bildung für jedes Kind zu garantieren. Die hohe Zahl der Schulabbrecher ist alarmierend. Viele junge Frauen und Männer treiben sich auf der Straße herum, weil sie sich keine weiterführende Ausbildung leisten können. Einige Frauen prostituieren sich sogar, um das Geld fürs Studium aufzubringen.“ Clever Bere, der Präsident der „Zimbabwe National Student Union“ (ZINASU), ärgert sich über das fehlende Interesse der Regierung, die Probleme zu lösen: „Der Premierminister hat bereits erklärt, dass die Regierung die Studiengebühren nicht senken wird.“ 60 Prozent der Studenten können sich die Gebühren nicht leisten, doch die Regierung betont, das Geld werde in der Staatskasse gebraucht. Bürgergruppen, Nichtregierungsorganisationen, Kirchen und Studenten versuchen nun, von unten Druck zu machen. Gemeinsam konzipierten sie die „Zimbabwe’s People’s Charter“, die am 9. Februar 2008 in Harare in eine „People’s Convention“ integriert und an die Regierung geschickt wurde. Die Aktivisten wollen darin das Recht auf Bildung bis zur Hochschulreife festschreiben. Doch der Weg dorthin ist noch weit.

Aus dem Englischen von Maren Ziegler
 
 



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