Vereinigte Staaten von Afrika

Benedikt Franke

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Als sich im Juni 2007 die Staats- und Regierungschefs des afrikanischen Kontinents auf Bitte des libyschen Revolutionsführers Gaddafi im ghanaischen Accra versammelten, stand nur ein Thema auf der Tagesordnung. Dieses Thema hätte für viele Außenstehende nicht utopischer und realitätsferner gewählt sein können. Anstatt über die scheinbar nie enden wollenden Kriege in Somalia, im Kongo und im Sudan, die wiederkehrenden Flüchtlingsdramen in Darfur, im Tschad und in der Zentralafrikanischen Republik, die grassierende Armut oder die pandemische Ausbreitung von Aids zu beraten, beschäftigten sich die Politiker des Kontinents ausschließlich mit der fortschreitenden Verwirklichung des lang gehegten Traums von afrikanischer Einheit. Hierzu gaben sie einen Report zur Machbarkeit einer Kontinentalregierung in Afrika in Auftrag. Dieser wird von einer AU-internen Arbeitsgruppe erarbeitet und soll im Januar 2008 im Rahmen des nächsten AU-Gipfelreports vorgestellt werden. Erstmalig erwähnt wurden die „Vereinigten Staaten von Afrika“ im Jahr 1924 von dem Jamaikaner Marcus Garvey, einem Pionier der panafrikanischen Freiheitsbewegung. Ein prominenter und besonders passionierter Verfechter dieser Ideologie war Dr. Kwame Nkrumah, der 1957 zum ersten Präsidenten des unabhängigen Ghana gewählt wurde und unverzüglich die Vereinigung aller afrikanischen Länder zur raison d’être seiner jungen Nation erkor. Seine im Mai 1959 gegründete Union Afrikanischer Staaten, die sowohl Ghana, Guinea als auch Mali umfasste, besaß eine gemeinsame Staatsbürgerschaft, eine Flagge und eine Nationalhymne und forderte in regelmäßigen Abständen Afrikas unabhängig gewordene Staaten auf, sich ihr anzuschließen. Damals klang die Idee für viele Staatschefs des Kontinents nicht so abwegig, wie sie heute auf den ersten Blick erscheinen mag. Neben der von der Ideologie des Panafrikanismus beschworenen kollektiven Identität aller afrikanischen Völker spielten dabei vor allem pragmatische Gründe eine Rolle. Schließlich galt es doch, die Befreiung von imperialer Herrschaft nachhaltig zu schützen, die Entwicklung des Kontinents auf möglichst breiter Front voranzutreiben und die willkürliche Grenzführung der Kolonialzeit zu überwinden. Für eine Weile träumte man gemeinsam Nkrumahs Traum von einem afrikanischen Großstaat, der auf Augenhöhe mit den USA oder der Sowjetunion agieren könnte. Doch schon bald traten erste Unstimmigkeiten auf. War man sich anfangs lediglich über den genauen zeitlichen Ablauf der Integration uneins, schufen die Festigung nationaler Strukturen und die Einmischung skeptischer Kolonialmächte schier unüberwindliche Hürden für die Verwirklichung von Nkrumahs Traum. Als sich die 32 damals unabhängigen Staaten Afrikas im Mai 1963 endlich auf die Gründung einer gemeinsamen Organisation für Afrikanische Einheit verständigt hatten, war deren Mandat daher auch auf die Vorantreibung der Entkolonialisierung beschränkt und damit weit von den Vorstellungen der Panafrikanisten entfernt. Zunehmende politische Differenzen zwischen­ den Staaten Afrikas, der unvollendete Befreiungskampf und die kontinuierliche Einmischung nichtafrika­ni­­scher­ Staaten schränkten die panafrika­ni­schen­ Be­mühun­gen­ weiter ein. Erst das Ende des Kalten Krieges schuf die Bedingungen für ein Wiederaufflackern vom alten Traum der afrikanischen Einheit. Der Druck der Globalisierung auf Afrikas desolate Wirtschaftssysteme, das abnehmende Interesse der internationalen Gemeinschaft und die Zunahme von Kriegen und humanitären Katastrophen auf dem Kontinent schweißten viele der afrikanischen Staaten erneut in der Hoffnung zusammen, die gemeinsamen Probleme im Verbund überwinden zu können. 
 Als Gaddafi im September 1999 alle afrikanischen Staatschefs in die libysche Hafenstadt Sirte einlud, um den Schulterschluss des Kontinents voranzutreiben, schlossen sich mehr als 40 Staaten seiner Vision von den Vereinigten Staaten von Afrika an. Überzeugt von seinem großzügigen Finanzierungsangebot, erklärten sie sich als Erstes bereit, die unwirksame Organisation Afrikanischer Einheit durch eine deutlich gestärkte Afrikanische Union (AU) nach dem Vorbild der EU zu ersetzen. Seit ihrer offiziellen Gründung im Juli 2002 hat die AU eine Reihe bemerkenswerter Fortschritte in der Einrichtung einer kontinentalen Friedens- und Sicherheitsarchitektur gemacht. Es wurde beispielsweise ein gemeinsamer Sicherheitsrat mit Interventionsrecht eingerichtet und eine kontinentale Schnelleingreiftruppe (African Standby Force) aufgestellt. Außerdem wurde ein Panafrikanisches Parlament mit 265 Abgeordneten aus allen 53 Mitgliedsstaaten der AU – Marokko ist als einziges Land des Kontinents kein Mitglied – ins Leben gerufen. Im Rahmen der gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sandte die AU im Jahr 2004 bereits afrikanische Friedenstruppen nach Dafur und Somalia.Auch wirtschaftspolitisch hat sich der Wechsel zur AU bereits deutlich auf die Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten ausgewirkt. Neben der Gründung einer afrikanischen Zentralbank wird auch der Aufbau eines afrikanischen Währungsfonds entschlossen vorangetrieben, um die Einführung einer gemeinsamen Währung, des sogenannten Afros, bis spätestens 2021 zu ermöglichen. Einige regionale, der AU untergeordnete Staatenverbunde haben in dieser Hinsicht schon erste Fortschritte gemacht. So hat sich die Ostafrikanische Gemeinschaft, bestehend aus Tansania, Kenia, Uganda, Burundi und Ruanda, in ihrem letzten Gipfelbeschluss vom September 2007 auf die Verwirklichung einer Währungsunion bis zum Jahre 2012 geeinigt. Die 14 Mitgliedsstaaten der südafrikanischen Entwicklungsgemeinschaft hegen ähnliche Pläne. In West- und Zentralafrika existieren innerhalb der 1945 gegründeten CFA-Franc- Zone (Colonies Françaises d‘Afrique) bereits zwei solche Währungsräume mit insgesamt 11 Mitgliedsstaaten, in denen mit einer gemeinsamen, seit 1999 an den Euro gekoppelten Währung bezahlt werden kann.Diese Erfolge und eine geschickte Selbstvermarktungsstrategie der AU haben vielen Afrikanern ihren Glauben an den Kontinent wiedergegeben. Des internationalen Mitleids überdrüssig, sehen sie die fortschreitende Integration als Chance auf eine bessere Zukunft. Laut einer 2006 von der AU in Auftrag gegebenen Studie wären die Aussichten für ein vereinigtes Afrika mit fast 800 Millionen Einwohnern und der dreifachen Größe Europas auch tatsächlich sehr günstig. Statt zersplittert in 54 zum größten Teil einflusslose Staaten mit oft weniger als 5 Millionen Einwohnern vor sich hin zu darben, würde­ ein gemeinsamer Wirtschaftsraum dem afrikanischen Kontinent ein stärkeres Gewicht geben, um seine Interessen in Bezug auf eine Reform der Weltwirtschaftsordnung oder eine angemessene Beteiligung an der Ausbeutung seiner reichen Bodenschätze auf der internationalen Bühne durchzusetzen. Überdies könnte durch den Wegfall der innerafrikanischen Zölle auch der Binnenmarkt entscheidend gestärkt werden. Arbeitsplätze könnten geschaffen und die Armut verringert werden. Auf der politischen Seite wären einem geeinten Afrika internationale Zugeständnisse wie ein permanenter Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen oder eine Mitgliedschaft in der OECD auf Dauer nicht mehr zu verweigern. Damit wären nicht nur die von den Panafrikanisten der Kolonialzeit propagierte Sehnsucht nach einer Beziehung auf Augenhöhe verwirklicht, sondern auch eine neue Ausgangsbasis für die Entwicklung des Kontinents geschaffen. Schwerpunkte wie die Lösung bestehender Konflikte, der Aufbau eines funktionierenden Bildungssystems oder die Bekämpfung von Malaria und Aids könnten mit gewaltigen Synergieeffekten angegangen werden. Innerhalb der justiziellen Zusammenarbeit ist ein gemeinsamer Gerichtshof für Menschen- und Völkerrechte eingerichtet worden, der sich bereits intensiv mit Ruanda und Kongo auseinandersetzt. In Bezug auf die Krankheitsbekämpfung gab es bereits mehrere Gipfel auf AU-Staatschefebene. Die Krankheiten sind als „entwicklungshemmend“ eingestuft worden, und deren Bekämpfung ist damit genauso Teil der Gesamtentwicklungsstrategie der AU wie die Bemühungen, Frieden und Sicherheit auf dem Kontinent zu schaffen. Was spezifische Maßnahmen anbelangt, so haben sich die Staatschefs darauf geeinigt, die Bekämpfung und Kontrolle der Krankheiten in den African Peer Review Mechanism zu integrieren: Länder werden von ihren Nachbarn darin beurteilt, wie effektiv sie zum Beispiel gegen Aids vorgehen. Im Juni 2003 hat der Maputo Gipfel der AU eine Deklaration verabschiedet, in der sich alle Mitgliedsstaaten auf eine Erhöhung ihres nationalen Gesundheitsetats auf 15 Prozent aller Ausgaben geeinigt haben. In Anbetracht dieser Aussichten und des bisher Geleisteten scheint die Antwort auf die Herausforderungen in der afrikanischen Gegenwart nur in der gemeinsamen Lösung der Probleme zu liegen, in der Bemühung um kontinentale Integration, die derzeit nicht mehr realitätsfern anmutet. 

Die abgebildeten Afrodesigns wurden vom senegalesischen Künstler Mansour Ciss und seinem Kollegen Baruch Gottlieb im Rahmen des Projektes „Laboratoire Déberlinisation“ (www.deberilinisation.de) entworfen. Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Mansour Ciss.



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