Warum man in Ägypten mit der Zahl 60 flucht

von Elsaid Badawi

Freie Zeit. Was Menschen tun, wenn sie nichts zu tun haben (Ausgabe IV/2009)


„Ya sittumeet marhaba!“ Sechshundertfach willkommen in Ägypten! Wenn die Dame eines traditionellen ägyptischen Haushalts mit diesen Worten einen Gast begrüßt, schmilzt auch das kälteste Herz im Nu. Eines würde eine wohlerzogene Dame allerdings niemals tun: unflätige Wörter benutzen. Umso beliebter ist es unter ägyptischen Männern, fantasievoll zu fluchen. Schimpftiraden werden besonders gerne mit der Zahl 60, manchmal auch mit der 6 oder der 600 verbunden und damit verstärkt.

„Ibn kalb“, Hundesohn, genannt zu werden, mag noch verzeihlich sein, aber als „ibn sitteen kalb“, als sechzigfacher Hundesohn, bezeichnet zu werden, das ist zu viel. Bei jungen Männern scheint dieser Ausdruck als kumpelhafte Anrede sehr beliebt zu sein, doch nur ein breites Grinsen kann den Sprecher in dieser Situation davor bewahren, seine Schneidezähne einzubüßen.

Mit Zähnen hängt auch zumindest eine Erklärung für dieses kulturelle Phänomen zusammen: Ein Kamel, so heißt es, verliert mit ungefähr acht Jahren seinen sechsten Zahn. Zu diesem Zeitpunkt hat es den Höhepunkt seiner körperlichen Stärke erreicht. Wenn also ein Ägypter jemanden „fii sitteen dahya“, „in die sechzigste Hölle“ wünscht, versieht er seinen Fluch gewissermaßen mit der Stärke eines ausgewachsenen Kamels.



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