Wie werde ich Honorarkonsul?

Anke Kotte

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Wie kommt es, dass man bei „Honorarkonsul“ an Limousinen mit Chauffeur, an Glamour-Partys und Maßanzüge denkt? Schuld daran hat Hans-Hermann Weyer. Der „schöne Konsul“, der Titelhändler, der Jet-Set-Consul. Ein Adoptivadeliger, der mit Titeln, Orden und Ritterschlägen handelte und schon in den 1950er-Jahren den ersten Posten als Honorarkonsul von Bolivien an den Vater eines Klassenkameraden vermittelt haben soll – für 20.000 Mark. 1.300 Auszeichnungen und Orden sowie 670 Konsulate will Weyer in den vergangenen Jahrzehnten vergeben haben, lässt sich auf seiner Webseite www.consulweyer.de lesen.Sind Honorarkonsuln also Titeljäger und Party-Löwen? Die Strahlkraft des Herrn Weyer muss enorm gewesen sein, denn er hat das Image eines Ehrenkonsuls zumindest in Deutschland tief geprägt. Doch ein Konsul Weyer hätte heute kaum noch eine Chance. Seit 1963 regelt das Wiener Übereinkommen über konsularische Beziehungen, wie sich das mit dem Konsul ehrenhalber verhält. Ein Honorarkonsul heißt so, weil er ein Ehrenamt bekleidet. In Deutschland gibt es derzeit 456 honorarkonsularische Vertretungen, von A wie Albanien bis Z wie Zypern. Deutschland selbst hat etwa 300 Honorarkonsuln, die sich im Ausland engagieren. So eine Vertretung ist praktisch, denn es entstehen keine Kosten. Nur Wappen, Flaggen und Stempel müssen gestellt werden. Andererseits ist das Amt auch sehr interessant für die Würdenträger – oft sind das Männer aus der Wirtschaft (Frauen sind hier noch massiv in der Unterzahl), die eine geschäftliche Bindung zu einem Land haben und deshalb diese Konsulatsdependance leisten. Das Königlich Norwegische Honorarkonsulat Stuttgart residiert beispielsweise unter der Adresse „Porscheplatz 1“ und wird geleitet von Holger P. Härter, Finanzvorstand der Porsche AG. In Norwegen Interesse für die Luxusautos des Stuttgarter Autoherstellers zu wecken ist ein gewünschter Nebeneffekt des Ehrenamts. Dem Honorarkonsul für die Bundesrepublik Deutschland in Donezk in der Ukraine, Prof. Dr. Viktor Kalaschnikow, kommen die konsularischen Kontakte bei seinen Tätigkeiten als Direktor der Deutschen Technischen Fakultät an der TU Donezk und als Vertreter der Siemens AG für den Donbass zugute.Die Schritte sind dank des Wiener Übereinkommens klar festgelegt. Das Land, das ein Honorarkonsulat eröffnen möchte, nehmen wir Indien, hat bereits einen geeigneten Kandidaten im Auge. Grund für die Eröffnung einer neuen Dependance kann die in jüngster Zeit wachsende indische Bevölkerung in der Region sein. Oder man will Handelskontakte zwischen Indien und der regionalen Industrie ausbauen. Auch besondere kulturelle Beziehungen können den Standort eines Honorarkonsulats begründen.Das indische Außenministerium beantragt sodann beim Auswärtigen Amt der Bundesrepublik, ein Honorarkonsulat in München für Bayern oder in Stuttgart für Baden-Württemberg einrichten zu dürfen. Pro Bundesland kann es nur eine solche Vertretung geben. Das Auswärtige Amt wägt ab und entscheidet nach Rücksprache mit den Landesinnenbehörden. Dann übergibt das Auswärtige Amt dem neuen indischen Honorarkonsul die Bestallungsurkunde.Natürlich wird auch der künftige Honorarkonsul auf Herz und Nieren geprüft. Er muss die deutsche oder indische Staatsbürgerschaft besitzen und darf nicht vorbestraft sein. Schließlich soll kein Hasardeur unter der Flagge Indiens wirken und sich Vorteile verschaffen. Oder ein eitler Titeljäger, der dem Briefkopf seiner Beraterfirma noch eine exklusive Zeile hinzufügen will. Man darf auch nur ein Land vertreten und nicht gleichzeitig für Indien, Bolivien und Südafrika auftreten.Aufregend und gefährlich ist der Alltag meist nur im Film. In dem zu Recht in Vergessenheit geratenen Thriller „Der Honorarkonsul“ (1983) wird der britische Honorarkonsul, ein maßloser Lebemann, gespielt von Michael Caine, in der argentinischen Grenzstadt Corrientes von Guerillas entführt. Normalerweise schlagen sich die Konsuln ehrenhalber jedoch mit Pässen, Visa und Beglaubigungen herum. Ob sie Pässe ausstellen oder nur an die Botschaft weiterleiten dürfen, hängt von der Abmachung der Botschaft mit ihrer Dependance ab. Wichtig werden die persönlichen Beziehungen des Ehrenkonsuls, wenn ein Landsmann Ärger mit der örtlichen Polizei hat. Sitzt also ein Deutscher in Nordbrasilien im Gefängnis, ist der dortige Honorarkonsul wahrscheinlich der Erste, der ihn besucht. Nur im Rahmen seiner Aufgaben genießt der Ehrenkonsul Amtsimmunität. Will sich jemand vor der Polizei verstecken, ist das Büro des Honorarkonsuls keine gute Adresse, denn es ist – anders als die berufskonsularische Vertretung – nicht unverletzlich und kann „zum Zweck der Gefahrvermeidung“ betreten werden.
 



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