„Gewalt wird zur Routine“

Yiftach Ashkenazy

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Herr Ashkenazy, Ihr neues Buch heißt „Mein erster Krieg“. Was war Ihr erster Krieg? 
 Nachdem ich 2003 nach Jerusalem gezogen war, sah ich den Krieg, sobald ich auf die Straße ging: die vielen Anschläge. Aber ich spreche lieber von „Kriegserfahrung“: dass du jemanden töten kannst und dass dich jemand töten kann, ohne groß nachzudenken, aus dem Moment heraus. Diese Kriegserfahrung beherrscht das israelische Unterbewusstsein. Meine Eltern waren durch ihre Kriege posttraumatisiert, ich bin wahrscheinlich durch meine posttraumatisiert. Krieg bedeutet, gleichzeitig Opfer und Täter zu sein. Der Täter ist für mich die viel interessanter Figur, denn er kann seine Rolle verändern. 
 
Ihr erstes Buch, der Roman „Die Geschichte vom Tod meiner Stadt“, zeigte gebrochene, müde Menschen in einem Land, das Leid und Schmerz in den Alltag integriert hat. Sie wählen die großen Themen – Tod und Gewalt. Warum? 
 Gewalt war und ist ein Teil meines Lebens, weil ich in einem sehr gewalttätigen Land lebe. Wenn man über Gewalt schreibt, wird das Geschriebene auch gewalttätig das ist wie ein Vorzeichen. Ich versuche zu verstehen, was ich als junger Israeli über Gewalt denke, und dies von innen heraus zu dekonstruieren. Gewalt wird an jedem Checkpoint zur Routine: Man kann nicht mehr erklären, warum man sich und anderen das antut. 
 
Kann ein Bürger Ihres Landes der gewalttätigen Atmosphäre entkommen?
 Man kann dem Militärdienst entkommen, das tun viele.
 
Wie?
 Man sagt, man habe psychische Probleme oder sei nicht fit. In den Reserveeinheiten ist das leichter. Aber Gewalt findet man nicht nur in der Armee. Autoren der älteren Generation schauen vor allem auf die Erfahrungen, die man im Militär macht. Meine Generation glaubt aber, dass die israelische Atmosphäre nicht nur durch die Armee bestimmt wird, sondern dass vieles, wozu wir erzogen wurden, in der Armee in einem neuen Licht erscheint. Zum Beispiel das ehrenamtliche Engagement: Es ist außerhalb der Armee etwas Gutes, zum Beispiel für die Kibbuz-Arbeit. In der Armee aber bedeutet Engagement, dass sich Soldaten freiwillig für sehr gefährliche Jobs melden.
 
Ist die israelische Gesellschaft gespalten?
 Ich weiß nicht, wie ich das höflich sagen soll. Man wird kaum eine Gemeinschaft finden, in der der allgemeine Konsens so allumfassend ist wie in Israel. Die Grenzen zwischen „richtig“ und „falsch“ sind nach dem Libanonkrieg viel schärfer gezogen worden. Vor 15 Jahren – zur Zeit des Osloer Friedensplans – glaubte man noch, Frieden sei möglich. Heute glaubt das niemand mehr, deshalb kann man das heute auch einfach nicht mehr sagen. 
 
Der hebräische Titel Ihres Bandes kann „Bett Nummer Sechs“ oder auch „Tod Nummer Sechs“ bedeuten. Alle Geschichten spielen in einer Notaufnahme. Ist das Ihre Metapher für die Zukunft Israels? 
 Wenn ich die israelische Situation mit einem Krankenhaus erklären wollte, dann nur so, dass niemand krank im Bett liegt! 
 
Wie würden Sie die Zukunft fassen? 
 Ich versuche, hoffnungsvoll zu bleiben. Aber die israelische Kultur zerstört in vielerlei Hinsicht die Gelegenheiten für eine Lösung der Probleme. Ich kann nichts zur arabischen Kultur sagen, da ich nicht zu den Palästinensern gehöre. Die Kulturschaffenden, sei es im Fernsehen oder in der Literaturszene, müssen das Leben anders zeigen, sich stärker der Zerstörung annehmen. 
 
Welcher Zerstörung? 
 Der Zerstörung durch Rassismus, Fremdenhass und durch das Denken „alle Juden sind“ oder „alle Araber sind“. Literatur allein kann aber nicht die Lösung bringen. Wenn man schreibt, gibt es keine Lösung, höchstens ein paar gute Enden. 


Welche Rolle könnte Europa im Nahost-Friedensprozess spielen? 
 Die heutigen deutsch-französischen Beziehungen sind beeindruckend. Vor 60 Jahren hassten die beiden Völker sich bereits seit 300 Jahren. Europa hat einen Code gefunden, wie man Hass beenden kann. Wir Autoren können davon lernen. 
 
Sie begleiten seit drei Jahren Besucher in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Was bedeutet Ihnen diese Arbeit?
 Für mich ist es wichtig, mehr über den Holocaust zu lernen und mein Wissen weiterzugeben. Man lernt zu verstehen, wie bedeutsam Erinnerungen sind, und kann den Besuchern zeigen, dass der Weg, von einem normalen Bürger zum Mörder zu werden, sehr kurz ist. Das Grauen beginnt nicht mit der Ausrottung, es beginnt viel früher mit sich verändernden Beziehungen zwischen Menschen und mit Dämonisierung. 
 
 

Das Interview führte Nikola Richter
 
 Mein erster Krieg. Von Yiftach Ashkenazy. 
 Sammlung Luchterhand, München, 2008.
 
 Die Geschichte vom Tod meiner Stadt. Von Yiftach Ashkenazy. Sammlung 
 Luchterhand, München, 2005.



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