„Kultur ist basisdemokratisch“

Martin Kobler

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Kultur muss da ansetzen, wo Politik nicht weiterkommt. Wenn Menschen nicht miteinander reden, sollten wir das nicht akzeptieren. Wir sollten dafür arbeiten, dass Toleranz und Austausch möglich sind. Denn wir haben gerade in der Welt die gegenläufige Bewegung: Es gibt viele Abgrenzungen, man konzentriert sich auf sich selbst. Unsere Grundphilosophie ist es, Sprachlosigkeit zu überwinden. Wo das politisch nicht geht, muss die Kultur aktiv werden.Wir wollen, dass wir die Freiheit des Geistes bei jedem einzelnen Menschen fördern. Dabei sollten wir niemanden indoktrinieren, aber doch dazu beitragen, dass er oder sie sich öffnet. Nehmen wir zum Beispiel das Projekt der Buddy-Bären in Pjöngjang. Nordkorea hat zugesagt, Mitte Oktober 2008 auf dem größten Platz in Pjöngjang 14 der Bärenskulpturen auszustellen. Das verändert sicher nicht die Welt, aber es verändert die Welt in Nordkorea sehr stark. Wie die Menschen diese Öffnung aufnehmen und umsetzen, liegt bei ihnen selbst, aber wir sollten Impulse geben. Dabei geht es auch um Werte.Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Berechenbarkeit sind Werte, die wir in solchen Prozessen vermitteln möchten. Außerdem sind uns die Werte der Aufklärung wichtig, auf die wir zu Recht stolz sind. Das müssen wir unsere Gesprächspartner wissen lassen. So sind wir berechenbar, auch dann, wenn unsere Partner mit unserer politischen Meinung nicht einverstanden sind. Ich habe weite Teile meines Berufslebens in der arabischen Welt zugebracht und dort nie Probleme gehabt, unsere Position und unser Verhältnis gegenüber Israel klarzumachen. Meiner Erfahrung nach ist das Allerwichtigste, aufrichtig zu sein, „mit einer Zunge“ zu sprechen.Die Kulturarbeit Deutschlands im Ausland kann nur im Dialog geschehen. Das Goethe-Institut entwickelt etwa derzeit mit der Münchner Oper eine Amazonas-Oper, die 2010 zeitgleich in Brasilien und Deutschland Premiere hat. Partner bei der Entwicklung der Oper sind indianische Völker aus dem Amazonasgebiet. Durch solche Projekte entstehen Bindungen an Deutschland, die Menschen lernen uns kennen. Sie kommen mit unserer Sprache und unseren Werten in Kontakt. Wir haben gemerkt, dass es unserer Position wesentlich hilft, wenn wir zuhören, offen sind und gegebenenfalls auch die Perspektiven wechseln. Internationale Politik und gerade auch die Kulturarbeit sind immer ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Es ist gut, wenn andere erkennen, warum es Sinn macht, uns zuzuhören. Und ein wichtiges Argument ist, dass wir uns für die Belange anderer interessieren. Kultur ist basisdemokratisch, man kann sie nicht verordnen. Für die kulturellen Werte, die wir vermitteln, ist die Akzeptanz der Menschen entscheidend.Für 2009 planen wir beispielsweise den Freiwilligendienst im Kulturbereich, der auch als Zivildienst anerkannt wird. Junge Deutsche werden im kulturellen Bereich im Ausland eingesetzt und können dort ein Jahr lang arbeiten. Sie können auch reisen, das jeweilige Land kennenlernen und sich mit fremden Kulturen auseinandersetzen. Und durch sie lernen die Menschen dort dann auch ein Stück Deutschland kennen. Auf dieses neue Projekt freue ich mich besonders Überhaupt sollten wir verschiedene Dinge ausprobieren. Manches werden wir sicher nicht fortsetzen, aber Erfolg versprechende Ansätze werden wir weiterverfolgen, wie zum Beispiel die Themen Kultur und Entwicklung oder Kultur und Klima. Wichtig dabei ist Nachhaltigkeit. Wie etwa bei den Projekten der Aga-Khan-Stiftung in den Slums von Kairo: Dort arbeitet eine Schreinerei, die nur Hochklassiges zur Ausstattung von Fünf-Sterne-Hotels in Kairo produziert. Die Möbel werden nicht aus dem Ausland eingeflogen, sondern vor Ort von den Leuten hergestellt. Wir denken ja oft, Entwicklungspolitik hat vor allem mit Brunnenbohren zu tun. Aber auch der Zugang zu Kultur und Bildung sind Menschenrechte. Warum fördern wir beispielsweise in den Favelas von Rio keine Kunstschule? Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Neben der Aufgabe, mit Menschen in einen offenen Dialog zu treten, muss es uns auch um soziale Gerechtigkeit gehen. Jeder Mensch sollte in Würde leben und arbeiten und für sich und seine Familie sorgen können. Um das zu ermöglichen, muss bei wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten angesetzt werden. Die Kultur begleitet diese Prozesse. Wir sollten eine erfolgreiche Kulturpolitik als notwendige Bedingung funktionierender internationaler Beziehungen sehen. Kultur kann als Fundament auch noch da wirken, wo politische Verhandlungen ins Leere laufen. Es ist eine wichtige Funktion von Kultur, da zu reden, wo die Politik schweigt, da eine Sprache zu finden, wo ringsherum Sprachlosigkeit herrscht. Kulturpolitik sollte die anderen Politikbereiche tragen und ergänzen.

Protokolliert von Jenny Friedrich-Freksa



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