„Jede Generation hat ihre Toten“

Elisa Ramírez

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Wie kam es zur Eskalation?
 Über Wochen protestierten zehntausende Studenten friedlich. Am 2. Oktober 1968, zehn Tage vor der Olympiade, demonstrierten 6.000 Studenten auf dem Platz der drei Kulturen im Stadtteil Tlaltelolco. Über 10.000 Soldaten riegelten den Platz ab und schossen zwei Stunden lang in die Menge. Das war ein kriegerischer Akt gegen wehrlose Demonstranten. In der Nacht wurden alle umliegenden Häuser durchkämmt, auf der Suche nach den Studentenführern. 2.000 Studenten wurden verhaftet, viele kamen für Jahre ins Gefängnis. Wie viele Menschen starben, ist bis heute unklar. Unabhängige Historiker sprechen von 800 bis 1.000 Toten. 
 
Die meisten Opfer waren junge Leute. War „68“ in Mexiko eine gesamtgesellschaftliche Bewegung?
 Die treibende Kraft waren Studenten aus Mexiko-Stadt. Aber wir hatten auch die Unterstützung der einfachen Leute vom Lande.
 
War die Bewegung international geprägt? 
 Natürlich. Auch bei uns gab es die Kommunistische Partei. Wir lasen dieselben Sachen wie die Studenten im Westen und hörten die Beatles und Bob Dylan. Wir wurden von Lateinamerika beeinflusst, aber auch durch die USA. Die USA waren ziemlich hysterisch hinsichtlich des linken Lateinamerika sie hatten Angst, den Kommunismus auf ihrem Kontinent zu haben. 
 
Wer waren Ihre Ikonen?
 Auch wir hatten Bilder von Che Guevara und Ho Chi Minh. Marcuse war uns ein Begriff, wir wussten von der europäischen Bewegung. Aber wir hatten auch unsere eigenen Vorbilder wie Emiliano Zapata, einer der Führer der mexikanischen Revolution. Aber die meisten Bilder, die wir bei Demonstrationen zeigten, waren die der einfachen politischen Gefangenen. 
 
War 1968 das erste globale Jahr?
 Wir waren mit der Welt verbunden und sympathisierten mit den Europäern, somit war es global. Es gab globale Einflüsse wie die Musik. Aber wir hatten unsere eigenen Probleme, die zur Mobilisierung führten. Im Staat und in unseren Familien waren wir eingeengt, das war ein Grund für unsere Bewegung.
 
War es ein globaler Zufall, dass das alles 1968 passiert ist?
 Auf keinen Fall. Wir wussten, was in der Welt passierte. Es gab eine gegenseitige Befruchtung. Allerdings ist es auch nicht so, dass wir den Franzosen oder Deutschen alles verdanken, wir haben selbst gekämpft. 
 
Welche Bedeutung hatten die Ereignisse für das Leben in Mexiko?
 Einerseits war es wie überall zunächst eine Auflehnung gegen die ältere Generation. Zum ersten Mal sagten junge Leute deutlich „Nein“. Wir wollten Beachtung im politischen Leben. Es war der erste wirklich politische Ansatz der jungen Generation. Die Bedeutung kam auch durch die große Zahl von Opfern, weshalb 1968 nicht vergessen werden darf.
 
Wie hat „68“ das Leben verändert?
 Es wurde zum Erbe meiner Generation. Wir erkämpften das Recht, mit 18 Jahren zu wählen. Unser Protest gelangte so ins System die Obrigkeit begann, mit uns zu verhandeln. Besonders groß waren die Auswirkungen für die Frauen, wir erfuhren mehr Gleichberechtigung. Insgesamt wurde der Umgang miteinander weniger autoritär, die alten Strukturen wurden ein wenig aufgeweicht.
 
War es ein Anfangspunkt für Demokratisierung? 
 Nur bis zu einem gewissen Grad. Die Aktivisten von damals haben die linken Parteien gegründet, sie engagieren sich heute in der Bewegung der indigenen Bevölkerung und kämpfen täglich für mehr Rechte. Das alles hat zu einem Funken Demokratie geführt, aber wir sind noch weit von wirklicher Demokratie entfernt. 
 
Welche Relevanz hat das Jahr heute noch? 
 In Mexiko weiß jeder, was damals passiert ist und dass die Verantwortlichen bis heute nicht zur Verantwortung gezogen wurden. Viele meinen, man sollte es dabei belassen. Aber viele denken auch: So lange es keine Gerechtigkeit gibt, kann sich das politische Leben in Mexiko nicht normalisieren. 
 
Wie präsent sind die Ereignisse bei der jüngeren Generation?
 Unsere Kinder kritisieren teilweise die starkeFixierung auf dieses Jahr. Die jungen Leute haben ihre eigenen Massaker. 1997 wurden zum Beispiel 45 Anhänger einer pazifistischen Gruppe von Paramilitärs beim Gebet in Acteal getötet. In Mexiko hat jede Generation ihre Toten. 
 
 
In Deutschland sind die 68er in den Institutionen angekommen. Wie ist das in Mexiko? 
 Viele Leute von damals sitzen heute im Senat und machen die Gesetze. Viele behaupten, dass sie mit uns sympathisierten, Teil der Bewegung oder gar Anführer der Bewegung waren. Im Moment ist es sehr schick, 68er zu sein. Deshalb haben wir, die direkt Beteiligten, die Nase voll von diesem politischen Profit der Erinnerung. Allerdings gibt es auch viele Leute, die ihr ganzes Leben ausschließlich auf die Aufarbeitung richten.
 
Was halten Sie davon? 
 Das ist schon verrückt. Das Leben ist weitergegangen und es geht weiter. Es ist richtig, dass die Leute auf die Erinnerung bestehen. Aber man sollte das nicht als einzigen Lebensinhalt betrachten. Ich bin nicht mehr so jung und mein Leben ist mehr als nur 1968.
 
Wie wird die Erinnerung wachgehalten? 
 Seit 2007 gibt es das Museum „Memorial del 68“ in Mexiko-Stadt. Dort werden die Erinnerungen zusammengetragen, um die Wahrheit zu erzählen. Man kann Interviews mit ehemaligen Aktivisten nachlesen und sich 300 Stunden Filmmaterial anschauen. Das Museum ist ein Teil der Erinnerung. Aber es ist keine Pilgerstätte oder Ikone der 68er geworden. Es ist nur ein Museum. 
 
Welchen Einfluss hat die 68er-Generation heute? 
 Ich hoffe, wir sind weniger autoritär und offener, auch den jungen Menschen gegenüber, was unsere Eltern nicht waren. Das Miteinander – das sollte eine Lehre für uns sein – darf nicht mehr autoritär sein. Das ist zwar ein täglicher Kompromiss, aber er lohnt sich.
 
 

Das Interview führte Falk Hartig



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