„Umarmen und Schulterklopfen“

ein Gespräch mit Özgür Sen

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern in türkischen Grundschulen beschreiben?

In der Türkei unterrichten in den Grundschulen überwiegend Lehrerinnen. Ich selbst arbeite in einer privaten Grundschule. Dort ist die Atmosphäre fast immer sehr familiär und freundschaftlich. Im Rahmen eines EU-Projekts wurde die Schule, in der ich tätig bin, vor einiger Zeit von Lehrern und Lehrerinnen aus den EU-Mitgliedsstaaten besucht. Meine europäischen Kollegen waren sehr erstaunt darüber, wie viel körperliche Nähe zwischen Lehrern und Schülern bei uns ganz alltäglich ist. Wir umarmen unsere Schützlinge oft, streicheln ihre Haare oder klopfen ihnen auf die Schulter. Das europäische Fernsehteam, das die Begegnung dokumentiert hat, dachte sogar zunächst, diese Herzlichkeit sei gestellt.

Was sind die Unterschiede zwischen den privaten und den staatlichen Schulen?

In den staatlichen Bildungsanstalten ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern nicht immer besonders innig. Leider wird dort manchmal auch Gewalt als Erziehungsmittel eingesetzt. Die Privatschulen sind gegenüber den staatlichen Schulen privilegiert. Ich habe vor einigen Jahren in einer staatlichen Schule gearbeitet. Dort hatten wir in jeder Klasse 45 bis 50 Kinder. Außerdem gab es bei 1.000 Schülern nur einen einzigen Lehrer, der in der psychologischen Betreuung von Schülern ausgebildet war.

Wie ist das an der Privatschule, für die Sie jetzt arbeiten?

Wir haben bei 600 Schülern und Schülerinnen drei Fachkräfte, die psychologisch geschult sind, und werden außer­dem von zwei Spezialisten der Universität unterstützt. Die Kinder werden bei uns sehr genau beobachtet und die Lehrer wissen gut über ihre besonderen Talente Bescheid. Sie tauschen sich gegenseitig über ihre Schützlinge aus und stehen in regem Kontakt mit den Eltern. Dieser Service hat allerdings seinen Preis: Die Eltern der Schüler bezahlen jährlich 11.000 türkische Lira an Gebühren. Das sind mehr als 6.000 Euro. Darin ist zwar das tägliche Essen enthalten, aber die Schuluniform und alle Bücher müssen gesondert angeschafft werden.

Welche allgemeinen Entwicklungen in der Türkei nehmen Sie im Mikrokosmos Ihrer Schule besonders deutlich wahr?

Im Augenblick gibt es in der Türkei sehr viel Arbeitslosigkeit. Selbst wenn die Schüler später auf die Universität gehen, bedeutet das nicht automatisch, dass sie auch einen Arbeitsplatz bekommen werden. Dieser Umstand sorgt dafür, dass viele Eltern sich große Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder machen. Sie reagieren, indem sie mit Argusaugen den Ausbildungsweg ihrer Kinder verfolgen und sehr viel Wert auf gute Noten legen. Das spielt bereits in der Grundschule eine Rolle, weil unsere Schüler am Ende jedes Halbjahrs Prüfungen ablegen, deren Ergebnisse für ihre weitere Schulausbildung wichtig sind: Je besser die Noten, desto besser die weiterführende Schule, die sie besuchen können. Eine bessere weiterführende Schule bedeutet eine bessere Universität und damit einen besseren Job. Dieser Leistungsdruck wirkt sich bei vielen Kindern negativ auf die Motivation aus, und das stört häufig die gute Atmosphäre in der Klasse. Die Aufgabe von uns Lehrern in solchen Fällen ist es, die Kinder wieder aufzubauen und ihnen eine positive Sicht auf die eigene Zukunft zu vermitteln. Denn das beeinflusst sehr stark ihr Verhalten.

Sie sind Englischlehrerin. Wie bewerten Sie das Fremdsprachenniveau der türkischen Schüler?

Dass ihre Kinder sich Fremdsprachen aneignen, ist für die meisten Eltern hier sehr wichtig. In den staatlichen Grundschulen beginnt der Englischunterricht in der 4. oder 5. Klasse mit jeweils vier Stunden pro Woche. Bei uns sind es am Anfang zehn, später sogar zwölf Stunden. Man muss allerdings bedenken, dass sich das Türkische sehr stark von den zentraleuropäischen Sprachen unterscheidet und außerdem die gewöhnlichen Unterrichtsmethoden hierzulande nicht besonders effektiv sind. Vier bis fünf Stunden sind unter diesen Umständen einfach nicht genug, und dementsprechend ist das Englisch vieler Schülerinnen und Schüler nach Abschluss der staatlichen Schulen immer noch mangelhaft. So war es zumindest bisher.

Das Interview führte Selçu Caydi



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