Einer für alle, alle für einen

Mazhar Bagli

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


 Den Begriff "Ehre" findet man in vielen Gesellschaften, doch welche Bedeutung, welchen Inhalt er hat, wird vollständig von der jeweiligen Kultur bestimmt. In den orientalischen Gesellschaften ist der Begriff "Ehre" ein gesellschaftlicher Wert, verbunden mit einer metaphorischen Vorstellung über das Ansehen und den Status einer Person. Obwohl Ehre sowohl für Frauen als auch für Männer gilt, konkretisiert sie sich in der gesellschaftlichen Praxis unglücklicherweise eher in den Körpern und dem Verhalten der Frauen. Jedes sexuelle Verlangen und jede Beziehung einer Frau, die die Gesellschaft für nicht legitim hält, zählt als Ehrverletzung. Zugleich herrscht der Glaube vor, dass die Ehre, einmal befleckt, nur mit Blut gereinigt werden kann. Im Grunde genommen offenbart dieser Glaube eine moralische Schwäche: Denn die gesellschaftliche Funktion ethisch-moralischer Regeln ist doch eigentlich, neben der rechtlicher Normen, gewalttätige Gefühle unter Kontrolle zu halten. 

In den östlichen Gesellschaften wird Ehre als ein immens wichtiger gesellschaftlicher Wert wahrgenommen, egal ob man auf dem Land oder in der Stadt lebt und zu welcher Ethnie man gehört. Den entscheidenden Unterschied zwischen Orient und Okzident macht der Bereich aus, in dem der Begriff "Ehre"  konkret wird. Westliche Gesellschaften betrachten Ehre als ein gedankliches Phänomen, östliche Gesellschaften hingegen sehen darin eine körperliche Praxis. Aber auch das westliche Konzept von "Ehre" ist nicht völlig frei von physischen Aspekten. Das beste Beispiel hierzu liefert der Film "Ein unmoralisches Angebot" von Adrian Lyne , mit Demi Moore, Robert Redford und Woody Harrison in den Hauptrollen. Diana und David haben finanzielle Schwierigkeiten. Sie fahren nach Las Vegas, um dort ihr Glück zu versuchen, und erhalten ein unmoralisches Angebot: Diana soll für eine Million Dollar eine Nacht mit einem fremden Mann verbringen. Nach dieser einen Nacht mit vollzogenem Akt sagt Diana einen sehr interessanten Satz: "Keine Sorge, Liebling. Mein Körper war mit ihm zusammen, aber mein Herz schlug stets für dich." Der Fortgang der Geschichte zeigt deutlich, dass diese Einstellung das moralische Problem nicht löst. Moral oder Ehre haben eine geistige und eine praktische Seite. Wenn beide gegenläufig sind, gibt es einen unlösbaren Konflikt. Die Beziehung zwischen Ethik und Praxis wird gegenwärtig in der Philosophie viel diskutiert. Das Ganze macht deutlich, dass sich der Begriff "Ehre" nicht nur mit Tradition, Religion und Sitte erklären lässt. Seine Bedeutung erhält er auch durch historische und philosophische Interventionen. 

Die Regionen, in denen gemäß den Statistiken am häufigsten Ehrenmorde begangen werden, sind die Mittelmeerländer, muslimische Länder und die Türkei, insbesondere die Ost- und Südosttürkei. Die Oberste Polizeibehörde der Türkei hat in den vergangenen fünf Jahren 322 Ehrenmorde registriert. In diesen Gesellschaften herrschen relativ traditionelle und direkte Beziehungen vor. Während sich in modernen Gesellschaften ein Mensch seinen Status erarbeitet, wird er ihm in einer traditionellen Gesellschaft zugeschrieben. Erst durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe oder gesellschaftlichen Kategorie – Clan, Familie und soziale Klasse – entwickelt ein Individuum eine Identität. Deshalb ist die Ehre einer Person auch gleichzeitig die Ehre der Gruppe, genauso wie die Ehre der Gruppe die der Person ist. 

Leider ist die Zahl der wissenschaftlichen Studien zum  Thema Ehrenmorde sehr begrenzt. Es ist offensichtlich, dass man sich diesem Gegenstand interdisziplinär nähern muss. Was die Gesellschaft und das Rechtssystem von Ehrenmorden hält, ist für eine Bekämpfung des Problems leider nicht entscheidend. Will man Ehrenmorde in Zukunft verhindern, muss man untersuchen, was die Täter fühlen und denken. Informationen über Menschen, die unmittelbar mit diesen Morden zu tun haben, können tragfähige Resultate im Hinblick auf Lösungsansätze bieten. 

In der Türkei wird das Thema Ehrenmorde vor allem mit Blick auf Tradition und Religion zu erklären versucht. Ohne Zweifel haben beide Faktoren Auswirkungen auf Ehrenmorde, spielen sogar eine entscheidende Rolle. Aber diese Herangehensweise birgt die Gefahr, dass persönliche und soziologische Aspekte des Problems vernachlässigt werden. Ehrenmorde betreffen drei gesellschaftliche Bereiche: die Gewalt gegen Frauen, das soziale Wertesystem und das Rechtssystem. Arbeiten, die sich mit Ehrenmorden befassen, sollten deshalb auch diese drei Aspekte beinhalten und diskutieren. Anderenfalls besteht die Gefahr, die Verantwortung für diese Morde einer abstrakten gesellschaftlichen Struktur – der Religion oder der Tradition – statt dem Individuum selbst zuzuschieben. 

Derzeit unterstützt der Wissenschaftliche und Technische Forschungsrat der Türkei (TÜBITAK, Türkiye Bilimsel Ve Teknolojik Ara?t?rmalar Kurumu) ein Projekt, das Gespräche mit inhaftierten Tätern zur Grundlage seiner Forschung macht. Ziel dieser Untersuchung ist es zu erfassen, welche soziodemografischen Eigenschaften die Ehrenmörder besitzen, welche gesellschaftliche Wertestruktur und welche Familienbeziehungen sie haben und was sie unter dem Begriff "Ehre" verstehen. Dem Projektteam gehören Soziologen, Sozialarbeiter, Anthropologen und Psychologen an. Die Teammitglieder können, mit der Erlaubnis des Justizministeriums, die Interviews mit den Inhaftierten selbst führen. Sie arbeiten mit einem Fragebogen mit 240 Fragen, die sie den Inhaftierten stellen. Jedes Gespräch dauert anderthalb bis zwei Stunden. Bis heute wurden in 38 Anstalten Befragungen durchgeführt, zum Ende der Untersuchung werden es 44 verschiedene Gefängnisse sein. 

Erste Auswertungen der bisher geführten Interviews haben ergeben, dass viele Grundannahmen über die Ehrenmorde nicht der Wahrheit entsprechen. In der Türkei sind folgende Meinungen zu diesem Thema verbreitet: Ehrenmorde würden bewusst von den Familienmitgliedern begangen, die nicht volljährig sind, um strafrechtlich nicht belangt werden zu können. Es gebe einen konkreten Familienrat, der diesen Mord beschließt. Religiöse, mit dem Islam verbundene Motive rechtfertigten die Ehrenmorde. Das Problem sei im Osten und Südosten der Türkei und vor allem unter den Kurden zu beobachten. Die Ehrenmorde würden meistens von Personen begangen, die keine Bildung hätten. Die Täter verfügten über begrenzte finanzielle Möglichkeiten. Ehrenmorde würden meistens in den Regionen begangen, in denen traditionelle Familienbeziehungen vorherrschten. 

Diese Annahmen sind zum Teil oder vollständig falsch. Bisher wurden 150 Personen interviewt, und von ihnen sind beispielsweise nur 9 Prozent unter 18 Jahren alt. Es besteht zwar eine Familienstruktur, die den Mord befürwortet, er wird aber nicht durch eine gemeinsame Entscheidung beschlossen. Der Mordplan entwickelt sich meistens sehr spontan. 4,6 Prozent der Täter sind Analphabeten, 34 Prozent können lesen und haben einen Grundschulabschluss, 24 Prozent haben einen höheren Schulabschluss, 3 Prozent einen Hochschulabschluss. 66 Prozent der Täter geben an, dass ihr Tatmotiv nichts mit der Religion zu tun hat. 45 Prozent der Täter kommen gebürtig aus der Ost- und Südosttürkei (den beiden Regionen entstammen 12 bis 13 Prozent der Gesamtbevölkerung der Türkei). Diese ersten gewonnenen Erkenntnisse zeigen, dass das Problem der Ehrenmorde sehr viel komplexer ist als bisher angenommen. Deshalb müssen Lösungsansätze langfristig angelegt sein und Einseitigkeit vermeiden. 

Durch gesetzliche Regelungen und eine Verschärfung von Strafen wird man Ehrenmorde auch in Zukunft kaum verhindern können. Im Rahmen des Projektes antworteten 86 Prozent der Interviewten auf die Frage, ob schwere Strafen sie vom Mord abhalten könnten, dass diese überhaupt keine Rolle spielen würden. Die Täter glauben daher auch, dass höhere Strafen keinen Beitrag zur Verhinderung von Ehrenmorden leisten könnten. Dieses Problem lässt sich sowohl in der Türkei als auch in den anderen Mittelmeerländern nur durch eine Individualisierung und Liberalisierung des Rechts- und des gesellschaftlichen Wertesystems lösen. Schnelle Veränderungen darf man hier nicht erhoffen. Initiativen, die auf lokaler Ebene beginnen, Informationskampagnen in Schulen oder im Fernsehen erweisen sich oft als sehr wirksam. Das Präsidium für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei versucht mit Texten, die in allen Moscheen in den Freitagspredigten vermittelt werden, aufzuklären. Einige internationale Organisationen unterstützen Projekte gegen Ehrenmorde, und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen sowie die Europäische Union finanzieren Forschung zur Dynamik der Ehrenmorde. Nicht außer Acht lassen sollte man die Bedeutung der Unterstützung durch die Europäische Union. Es ist äußerst wichtig, sich entschieden darum zu bemühen, dass in der Türkei gesetzgeberische Standards der Europäischen Union erreicht werden, damit auch finanzielle Hilfen möglich werden. 

Natürlich will heute niemand mehr eine Gesellschaftsstruktur auf traditionellen Werten aufbauen. Andererseits ist es falsch, Werte, die sich historisch entwickelt haben, als unveränderliche Werte anzusehen. Man sollte die kulturellen Werte einer Gesellschaft nicht durch den Vergleich mit einer anderen Gesellschaft beurteilen. Dass die westlichen Gesellschaften mit der Beseitigung von Traditionen, die universellen rechtlichen Normen nicht entsprechen, erfolgreicher sind, steht außer Frage. Aber dieser Erfolg macht sie nicht überlegener und zivilisierter. 

Statt eine Gesellschaft oder einen Teil davon zu beschuldigen oder nach einem Sündenbock zu suchen, wäre es sinnvoller, die einem Ehrenmord zugrunde liegenden Ursachen zu finden und an deren Bewältigung zu arbeiten. Wir brauchen Hilfe und müssen unsere Erfahrungen mit Kollegen auf der ganzen Welt teilen, um Ehrenmorde einzudämmen. Unser Haupziel muss die Individualisierung der Menschen in der Gesellschaft sein. 

Aus dem Türkischen von Jens Grimmelijkhuizen und Bülent Bilik
 



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