Zuviel der Ehre

von Buket Uzuner

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Auf den ersten Blick weist das Türkische tatsächlich einige strukturell weibliche Züge auf: So wird „Heimat“ als „Mutterland“ bezeichnet („anavatan“), und das Grundgesetzals „Muttergesetz“ („anayasa“). Außerdem gibt es weiblich geprägte Begriffe wie das „Hauptgericht“ („ana yemek“) und die „Hauptursache“ („ana sebep“), wobei „ana“ eben nicht nur „Mutter-“, sondern auch „Haupt-“ beziehungsweise „Grund-“ bedeuten kann. Doch die weiblichen Präfixe wie „ana“ dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses „Mutter-“ für etwas Geschlechtsloses steht – und natürlich für die „heilige Form“ des weiblichen Körpers. Die meisten türkischen Schimpfwörter haben mit den Genitalien der Mutter des Gegners zu tun oder mit dem Akt der Vergewaltigung seiner Mutter oder Großmutter. Beim Fluchen und in der Umgangssprache werden die Wörter „Mutter“ oder „Frau“ („kadin“) täglich millionenfach, quasi automatisch, in einer despektierlichen Art und Weise benutzt.

Ich möchte die einzigartig absurde Lösung schildern, die gefunden wurde, um die „Ehre“ des Begriffs „Frau“ zu „retten“. Die neue unglaubliche, surreale türkische Konstruktion – die zum Sprachskandal des Jahrhunderts gekürt werden könnte – heißt „bayan“ und entspricht dem, was man im Englischen unter „Ms“ versteht, also einer Anrede für Frauen, die keinen Aufschluss über ihren Familienstand gibt. Das Deutsche liefert hier einen schlechten Vergleich, da der Begriff „Frau“ sowohl allgemeine Bezeichnung als auch Anrede für Personen des weiblichen Geschlechts ist. Die englische Unterscheidung des Begriffs „woman“ und des Titels „Ms“ eignet sich besser dazu, die türkische Differenz zwischen „kadin“ und „bayan“ zu verdeutlichen. Hinzuzufügen bleibt aber auch hier, dass „kadin“ nicht einfach „woman“ bedeutet, sondern sozusagen implizit auf eine nicht mehr jungfräuliche Frau verweist.

Obwohl „bayan“ wie „Ms“ eigentlich eine Anrede ist, hat es gerade in den letzten zwei Jahrzehnten das Wort „kadin“ ersetzt. Die Menschen scheinen diesen absurden Sprachgebrauch deshalb akzeptiert zu haben, weil das Wort „kad?n“ im Türkischen sozusagen besudelt worden ist. Gemäß dieses merkwürdigen Gebrauchs bin ich also keine „woman“ mehr, sondern eine „Ms“. Unsere Volleyball-Frauennationalmannschaft heißt jetzt nicht mehr „Women’s Volleyball Team“, sondern „Ms Volleyball Team“ („bayan voleybol takimo“). Die Herrenmannschaft bleibt dagegen, was sie war. Und während Frauen in amtlichen Formularen als „Ms“ („bayan“) firmieren, werden Männer nicht etwa zu „Mr“ („bay“), der allgemeinen Anrede für Männer, sondern bleiben auch hier wie ehedem „men“ („erkek“).

Die Dominanz der Männlichkeit beginnt bereits im Krankenhaus: Seit den 1980er-Jahren werden alle männlichen Babys in türkischen Krankenhäusern buchstäblich als erwachsene Männer geboren – im Register sind sie nicht mehr wie früher „Baby-Jungen“ („oglan“), sondern „Baby-Männer“ („erkek bebek“). Weibliche Neugeborene bleiben dagegen „Baby-Mädchen“ („kiz bebek“). „Junge“ wird im Türkischen mit Homosexualität assoziiert, etwas, womit ein „echter Mann“ nichts zu tun hat. „Jungen“ verschwanden aus unserer Sprache, während die „Ms“ in sie eintrat.

Als ich letztes Jahr den Moderator einer Sendung im Fernsehen darauf hinwies, dass ich lieber als die Frau bezeichnet werden wolle, die ich bin, entschuldigte er sich instinktiv – um mich gleich wieder als „bayan“ anzusprechen. Er wollte mich – traurigerweise – davor schützen, eine „kadin“ zu sein! Auf wunderbar bizarre Weise wird hier deutlich, wie sehr dem Begriff „Frau“ in den Ohren türkischer Männer etwas Schmutziges anhaftet, etwas Sündiges, Negatives und Verdorbenes. Demgegenüber suggeriert der Begriff „bayan“ eine Jungfräulichkeit in einer Kultur, in der die Jungfräulichkeit immer noch als der „Schatz“ und die Haupttugend der Frau gesehen wird.

Wenn ich die Vorteile des Begriffs „bayan“ gegenüber jenen von „kadin“ abwäge, kommt mir als Vergleich das Kopftuch in den Sinn, das im Übrigen zur gleichen Zeit populär wurde wie der Gebrauch von „bayan“. Das Kopftuch und „bayan“ sollen die Frau vor männlichem Missbrauch schützen, für die Jungfräulichkeit der Frau stehen und ihr somit das Überleben sichern. Doch im Grunde dienen beide dazu, den Körper und das Denken der Frau zu regulieren und zu einer uniformen Sache zu machen. Letztlich ist die Umgangssprache einer der wichtigsten Schlüssel zum Verständnis des gesellschaftlichen Lebens und der Werte, die eine Kultur ausmachen.

Aus dem Englischen von Loel Zwecker



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