Quartalsväter

von Ingólfur Gíslason

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Wickeln, füttern, wiegen: In Island ist das auch Aufgabe der Männer. Schon 89,8 Prozent der isländischen Väter nehmen heute ihre dreimonatige Elternzeit in Anspruch, durchschnittlich 97 Tage. Das erstaunt nicht wirklich, denn bereits 2001, ein Jahr, nachdem das neue isländische Elternzeit-Gesetz in Kraft getreten war, nahmen bereits 82,5 Prozent der Väter ihr Recht in Anspruch. Die Zahl ist seit 2001 Jahr für Jahr gestiegen. Nur knapp 17 Prozent der Väter nehmen nicht die vollen drei Monate, die ihnen zustehen. Mütter nehmen zwischen 181 und 187 Tage in Anspruch, also etwa sechs Monate. Schon im Jahr 2000 hatte der damalige isländische Sozialminister große Zustimmung aus seinen eigenen Reihen, aber auch aus denen der Opposition erhalten, als er den Gesetzentwurf mit zum Teil radikalen Veränderungen des Mutterschutzes und der Elternzeit vorlegte.

Bis auf eine Enthaltung verabschiedete noch im selben Jahr das gesamte Althing-Parlament das Gesetz. Zu den markantesten Veränderungen zählt die personengebundene Dreiteilung der neunmonatigen Elternzeit, die international das größte Aufsehen erregt hat und gelegentlich als das „isländische Modell“ bezeichnet wurde: Jeweils drei Monate stehen ausschließlich jeweils der Mutter und dem Vater zu, über die restlichen drei Monate können die Eltern frei verfügen. Die Monate, die für den jeweiligen Elternteil vorgesehen sind, können nur dann auf den anderen übertragen werden, wenn ein Elternteil stirbt. Das ist die „use-it-or-lose-it“-Regel. Des Weiteren ist das Elterngeld an das jeweilige Gehalt geknüpft. Mütter und Väter, die zuvor gearbeitet hatten, erhalten während der Elternzeit 80 Prozent ihres Gehalts. Die Inanspruchnahme soll flexibel gestaltbar sein, sodass man sowohl Elternzeit nehmen als auch in Teilzeit auf dem Arbeitsmarkt beschäftigt sein kann.

Um das Elternzeit-Modell zu finanzieren, wurde ein Teil der Versicherungsgelder, die alle isländischen Arbeitgeber zahlen, in einen neuen Fonds übertragen – in den Elterngeldfonds. Dass sich dadurch die Einnahmen für den Arbeitslosenversicherungsfonds verringerten, galt als unbedenklich. Denn die Arbeitslosigkeit in Island ist schon viele Jahre lang nicht nennenswert, derzeit liegt sie bei 3,2 Prozent. Ohne Zweifel war dies der entscheidende Faktor, warum das Gesetz so gut aufgenommen wurde: Alle standen nun besser da, ohne zusätzliche Ausgaben aufgebürdet bekommen zu haben. Im Jahr 2004 musste die Regierung den Versicherungsbeitrag allerdings ein wenig erhöhen, vor allem, weil wesentlich mehr Väter ihr Recht auf Elterngeld in Anspruch nahmen, als das Finanzministerium angenommen hatte. Weil Männer allgemein mehr verdienen als Frauen, ist es wesentlich teurer, wenn Väter Elternzeit nehmen, als wenn Mütter dies tun. Die Resonanz bei den Vätern zeigt deutlich, dass das neue Gesetz in Island sehr gut aufgenommen worden ist.

Alle Befürchtungen, dass die Männer es als „Bedrohung ihrer Männlichkeit“ oder Ähnliches erleben würden, erwiesen sich als falsch. Väter haben sich in qualitativen Untersuchungen fast ausnahmslos als zufrieden mit ihren Erfahrungen geäußert. Als ein Vater gefragt wurde, ob es ihm nicht unangenehm sei, „Frauenarbeit“ zu leisten, antwortete er, recht repräsentativ für die Meinung der meisten Väter: „Es hat überhaupt keinen Einfluss auf meine Entscheidung, dass Kinderfürsorge und Kindererziehung traditionell als Frauensache angesehen werden. Man verpasst so vieles im Leben, wenn man an alten Vorurteilen und Ideen festhält. Niemand hat mich schief angesehen, weder meine Arbeitskollegen noch mein Vorgesetzter.

Warum auch? Was ist daran unnatürlich, dass ein Vater sich um sein Kind kümmert?”Leider weiß man noch sehr wenig über die exakte Aufteilung der Zeiten. Jedoch scheinen in den meisten Fällen die Eltern in den ersten zwei bis drei Wochen nach der Geburt zusammen zu Hause zu bleiben. Anschließend geht der Vater wieder zur Arbeit und nimmt später die ihm verbliebene Elternzeit in Abstimmung mit seinen Kollegen und den Wünschen und Bedürfnissen der Mutter in Anspruch. Einiges deutet darauf hin, dass immer mehr Eltern die gemeinsame Zeit mit dem Kind zu verlängern versuchen, unter anderem durch eine Kombination aus Arbeitszeit und Elternzeit. In allgemeinen Meinungsumfragen befürworten 80 bis 90 Prozent der Isländer das Gesetz. Das nahe Umfeld unterstützt die Väter, und auch der Großteil der Arbeitgeber sieht es positiv, wenn Väter sich die drei vorgesehenen Monate um ihre Familie kümmern.

Erheblich negativer bewerten sie es, wenn Väter etwas von der Zeit in Anspruch nehmen, die dem Vater oder der Mutter zusteht. Wenn Väter noch zusätzlich die gemeinsame Zeit größtenteils oder sogar ganz in Anspruch nehmen, was zurzeit bei 17 Prozent der Männer der Fall ist, tauchen für beide Elternteile Schwierigkeiten auf. Befragte Männer erwähnten, wie ihre älteren Kollegen sich über sie lustig gemacht hatten, als sie in die lange Elternzeit gingen, interpretierten diese Scherze aber als aus Neid geboren. Außerdem hatten wohl einige Arbeitgeber das Anrecht der Väter auf eine längere Auszeit als drei Monate bezweifelt. In vielen Fällen ging man wie selbstverständlich davon aus, dass die restliche Elternzeit für die Mutter gedacht sei.

Aktive, fürsorgliche Väter gelten nach wie vor als Ausnahme, als etwas, das gesetzlich geregelt werden muss. Dass Mütter Zeit mit ihren Kindern verbringen, gilt als selbstverständlich. Wenn aber Mütter dem Vater „erlaubt“ hatten, etwas von der gemeinsamen Zeit in Anspruch zu nehmen, bekamen sie oft zu hören, sie seien keine guten Mütter. Auch wenn keiner daran zweifelt, dass sich der Vater sehr wohl um sein Kind kümmern kann, ist die vorherrschende Ansicht, dass die Mutter mit dem Kind zu Hause bleibt. Der kulturelle Druck auf Väter und Mütter, sich gemäß der traditionellen Geschlechtererwartungen zu verhalten, ist groß.Es ist also sehr wichtig, dass das Recht auf Elternzeit explizit personengebunden ist. Die Erfahrung aus Island zeigt, dass der Wille der Väter zur aktiven Teilnahme an der Erziehung und Fürsorge kleiner Kinder gewiss vorhanden ist. Es besteht kein Grund zur Annahme, dass dies in anderen Ländern anders ist. Oft fehlen aber die sozialen Möglichkeiten, diese Ideen zu verwirklichen.

Aus dem Isländischen von Elísabet Thorsteinsdottir



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