Ankara für Anfänger...

von Dilek Zaptçioğlu

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Ankara, sagen die Istanbuler, sei grau, langweilig und provinziell. Istanbul war nach der Eroberung durch die Osmanen 1453 jahrhundertelang die Hauptstadt des letzten türkischen Imperiums. Der Republikgründer Atatürk musste jedoch in den 1920er-Jahren nach Anatolien ausweichen, um von hier aus den Befreiungskrieg gegen die Besatzungsmächte zu organisieren. Engländer und Franzosen hatten sich in Istanbul breitgemacht, die westtürkische Küste wurde von der griechischen Armee besetzt. So wurde Ankara, bisher eine unbedeutende Kleinstadt in der Steppe, zum Zentrum der neuen Republik, die sich gerne als ein "Phönix aus der Asche" verstand. Mit Prachtboulevards, einer modernen Infrastruktur, schicken Botschaftsvillen, Beamten-Clubs und nüchtern gestylten Ministerialgebäuden wurde Ankara in den 1940er- und 1950er-Jahren zur Vorzeigestadt des Landes herausgeputzt. Die staatlichen Gelder flossen großzügig und die "Verwestlichung" zeigte hier mit Opern, Theatern, Konzertsälen und "Republikbällen" ihr bestes Gesicht. Istanbul als "dekadente Femme fatale" wurde vom Staat stiefmütterlich behandelt. Dagegen schien Ankara wie "ein Mädchen aus gutem Hause". Wer aus Ankara nach Istanbul zurückkehrte, erzählte von den eleganten Gattinnen der hohen Beamten, von den grünen Parkanlagen, den Verkehrsampeln und davon, dass alle Autofahrer sich wirklich an die Regeln hielten – Ankara war innerhalb von wenigen Jahrzehnten zur modernsten Stadt der Türkei avanciert.

Angoraziege

Angora ist der alte Name Ankaras aus der Zeit der Seldschuken-Herrschaft im 11. und 12. Jahrhundert. Seit 1930 heißt die Stadt in der Zentraltürkei offiziell Ankara. Alles, was sich heute besonders weich und flauschig anfühlt und zugleich ungemein wärmt, trägt bis heute den Namen "Angora". Die Angoraziege kam im 13. Jahrhundert vom Osten des Kaspischen Meeres durch türkische Händler nach Zentralanatolien. Die "Ankara-Ziege" (Ankara keçisi) passte sich dem Steppenklima gut an und wurde zu einer Haupteinnahmequelle der Farmer. Heute gibt es in Ankara und um die Stadt herum spezielle Zuchtfarmen für das Tier, dessen Fell in der Textilindustrie als wertvoller Rohstoff benutzt wird. Auch die Angorakatze ist eine langhaarige Rasse. Sie soll im 17. Jahrhundert durch Seefahrer auch nach Europa gebracht worden sein. Obwohl die Perserkatze ihr seit Langem Konkurrenz macht, gehört sie zu den beliebtesten Haustieren der Welt. Vor allem die weißen Exemplare werden heute im Zoo von Ankara gezielt gezüchtet.

Atatürks Mausoleum

Der Republikgründer und erste Staatspräsident der Türkei Kemal Mustafa Atatürk verstarb 1938 und wurde in dem Mausoleum "Anıtkabir" auf dem Hügel Rasttepe (heute Anittepe) in Ankara beigesetzt. Der von den türkischen Architekten Emin Onat und Ahmet Orhan Arda entworfene Bau spiegelt den Geschmack der frühen 1940er-Jahre wider, obwohl das Mausoleum erst nach einer neunjährigen Bauzeit 1953 fertiggestellt wurde. Rundherum liegt ein großer "Friedenspark", dessen fast 50.000 Bäume aus 24 Ländern der Welt im Geiste des Friedens zusammengetragen wurden. Nicht nur Ankaraner, sondern Türken aus dem ganzen Land  pilgern heute vor allem an nationalen Feiertagen zum Mausoleum, um ihre säkulare Ausrichtung zu demonstrieren: Der Kulturkampf zwischen den Islamisten und den strengen Laizisten ließ "Anıtkabir" zum Symbol des Widerstands gegen die "Islamisierung des Alltags", vor allem die schleichende Durchsetzung des Kopftuches werden. 2007 besuchten rund 12,7 Millionen Menschen das Mausoleum.

Die Sonne der Hethiter

Das Wappen Ankaras ist die "hethitische Sonne". Das Sonnenemblem symbolisiert die Größe des ehemaligen hethitischen Reichs, das weite Teile der heutigen Türkei sowie den Norden des heutigen Syrien umfasste. Die Hethiter kamen schätzungsweise 2.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung nach Anatolien und sprachen eine indogermanische Sprache, weshalb sie unter anderem die Nationalsozialisten in den 1940er-Jahren als mögliche Ahnen im eurasischen Bereich interessierten. Viele Archäologen forschten bereits über das Volk mit der hohen Zivilisation, das sich durch Reliefs, Löwenfiguren und Keilschrifttafeln in der Gegend um Ankara herum verewigte. Die hethitische Hauptstadt Hattuscha liegt im Norden Ankaras und gehört zu den Hauptsehenswürdigkeiten der Türkei. Den Islamisten ist die hethitische Sonne im Wappen Ankaras ein Dorn im Auge. Sie kämpfen seit den 1970er-Jahren vergeblich dafür, das vorislamische Symbol durch das Bild einer Moschee auszutauschen.

Gelbe Brühe aus dem Wasserhahn

Die Entwicklung von der Metropole zurück zu einer Provinzstadt begann in den 1970er-Jahren. Die große Landflucht aufgrund der Armut in den zentralen und östlichen Provinzen des Landes ließ Hunderttausende ihr Glück in Ankara versuchen. Die Tagelöhner und Arbeitsuchenden aus Anatolien siedelten sich in sogenannten "Gecekondu"-Gebieten an: schnell wachsenden Vierteln, die sich wie Gürtel um den alten Stadtkern herumlegten. Die Infrastruktur der Stadt brach daraufhin zusammen.

Mit den Migranten kam eine neue konservativ-islamisch geprägte Kultur in die Hauptstadt. Opern, Bälle und Ballett erschienen auf einmal als zu künstlich und moralisch verwerflich, oder kurzum, als überflüssiger Luxus. Zwischen der bürgerfernen Bürokratie und den neuen konservativen Schichten tat sich ein großer Graben auf. Der Niedergang Ankaras als moderne Hauptstadt begann mit dem durch die Stimmen der Einwanderer gewählten islamistischen Bürgermeisters Melih Gökçek. "Nackte Figuren" wurden aus den Parks entfernt und die Stadt verwandelte sich in eine fortwährende Baustelle. Eine breite Schneise in Form einer Stadtautobahn mit Unterführungen und Fußgängerbrücken durchbohrt heute die Innenstadt.  Zuletzt hatte Ankara unter schwerem Wassermangel zu leiden. Dass der Bürgermeister die Trinkwasserversorgung durch einen nahen, aber durch Industrieabfälle verschmutzten Fluss speiste, sorgte 2008 für einen Skandal. Seitdem fließt trübes Wasser aus dem Hahn und die Ankaraner sagen, sie liebten ihre Stadt nicht mehr.



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