Leidenschaftlich Türke

Oya Baydar

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


 

Mustafa Kemal Atatürk sagte einmal: "Wir ähneln nur uns selbst." Seine Utopie war es, die verschiedenen Völker in eine entwickelte westliche Gesellschaft mit ebensolchen Menschen umzuwandeln. Er wollte aus den Trümmern des untergegangenen kosmopolitischen, multireligiösen, mehrsprachigen Imperiums, in dem unterschiedliche soziale, wirtschaftliche und ethnische Strukturen existierten, einen Nationalstaat bauen. Aber das westliche Nationalstaatsmodell in den Köpfen der kemalistischen Elite ließ sich trotz aller Bemühungen nicht umsetzen. Und so sagte Atatürk enttäuscht und traurig: "Wir ähneln nur uns selbst." Inzwischen sind 85 Jahre vergangen, aber immer noch ähneln wir nur uns selbst.

Ich frage mich oft, wie uns der Westen wohl sieht. Wir Menschen in der Türkei sagen zum Beispiel in  kritischen Situationen: "Es kommt, wie es kommt", und überlassen die Entscheidung Gott und dem Schicksal. Wir halten statt rationalem Verhalten emotionales Verhalten für weise. Wo man Kompromisse finden sollte, lassen wir es zum offenen Bruch kommen oder erschießen sogar unseren Gegner. Wenn man aber umgekehrt denkt: "Jetzt gibt es gleich Mord und Totschlag", reicht oft ein warmes Wort oder eine schöne Geste und wir umarmen unsere Gegner herzlich. Wir werden schnell beeindruckt und beeinflusst. Wir sind sehr schlau, werden aber gleichzeitig schnell reingelegt. Wir wollen weder die Herde verlassen, noch mögen wir die, die dies tun. Wir sind begeistert von der Macht und den Mächtigen. Wir haben Angst vor Fremden, deswegen ist "der Andere" immer der Feind. Gegenüber dem Westen haben wir meist Minderwertigkeitskomplexe. All das vertuschen wir mit überflüssigem Stolz oder übertriebenen Reaktionen, manchmal mit zu viel Interesse und Gastfreundschaft. Wenn man uns oberlehrerhaft behandelt, ärgern wir uns, auch wenn die Ratschläge wertvoll sind. Aber wenn ein Fremder "einer von uns" wird, oder wir das zumindest glauben, akzeptieren wir die schärfste Kritik ganz brav.

Wir lassen das Wesentliche, das Echte beiseite und streiten über Äußerlichkeiten. Wir töten und werden getötet für ein Stück Vaterlandserde, haben aber meist keine Lust, dieses Stück Erde zu bestellen, grüner und wertvoller zu machen. Wir beten die Symbole an und sterben für diese Symbole, aber die Wahrheiten, die Gedanken und Erfahrungen dahinter interessieren uns kaum. Vor allem setzen wir uns mit ihnen nicht auseinander und diskutieren sie nicht. Wir sind skeptisch und fürchten uns davor, betrogen zu werden, aber wir vermeiden zu fragen, warum. Wir ähneln nicht den Nahöstlern, Arabern, Nordafrikanern, und vor allem nicht den Fernöstlern. Wir fühlen uns den Spaniern, Griechen und Italienern näher. Deswegen ist es schwer, die Türkei mit orientalistischen Bewertungen und der Orientalismus-Kritik zu verstehen. Die Türkei ist weder Osten noch Westen; die Türkei ist sowohl Westen und Osten als auch Norden und Süden.

Wer die Türkei als homogenes Land und die Bevölkerung als homogenes Volk betrachtet, irrt. Natürlich gibt es, wie in jedem Land, regionale Unterschiede, gesellschaftliche Gruppen, soziale Klassen und deren eigene Identitäten: Kurden, Türken, Lasen, Tscherkessen, Araber, Armenier, Griechen, die jüdische Minderheit; die sunnitischen Muslime, Aleviten, Assyrer, Nestorianer; republikanische Laizisten, traditionelle Religiöse, Anhänger des Westens und den Block des östlichen Islam nebeneinander; einerseits die moderne, sogar postmoderne Industriegesellschaft in den Metropolen, andererseits ländliche Stammesstrukturen. In der Türkei gibt es mehr als eine Türkei: Istanbul, Izmir, Ankara und die Küstenstädte an der Ägäis haben eine westlichere Kultur und Lebensart als viele andere europäische Städte am Mittelmeer. Demgegenüber sind die östlichen oder südöstlichen Städte wie Hakkâri, Mardin oder Bitlis so anders, dass der westliche Betrachter seinen Augen nicht trauen mag. Diese Unterschiede spiegeln sich auch in den Vorstellungen, der Lebensart, den kulturellen Gewohnheiten und den Gefühlen. Deswegen frage ich mich immer, welche Türkei gemeint ist, wenn über die EU-Mitgliedschaft diskutiert wird.

In der heutigen Welt, in der die Identitätspolitik Vorrang hat, verwandelt sich die Pluralität in eine Kluft. Wenn man sich über die historischen und gesellschaftlichen Gründe dieser Entwicklung keine Gedanken macht, begeht man den Fehler, von außen alles mit der Emotionalität der Türken zu erklären. Tatsächlich ist die Emotionalität eine Gemeinsamkeit dieser unterschiedlichen Menschen und Lebensweisen, sie ist ein Schutzmechanismus und eine Existenzform, die auf einer unentwickelten Rationalität beruht. Unsere Emotionalität ist ein Panzer, der unsere tiefen Ängste versteckt. Im Gegensatz zu den Menschen in Fernost ist die Emotionalität der Menschen in der Türkei nicht mit Mystik beladen. Sie zeigt sich in Begeisterung und Wut oder in plötzlichem Sinneswandel. Die Unterstützung der EU-Mitgliedschaft der Türkei kann in Umfragen innerhalb weniger Monaten von 80 auf 30 Prozent fallen, weil die Europäer uns klar gemacht haben, dass sie uns nicht wollen. Genauso kann die Unterstützung für einen politischen Block innerhalb einiger Jahre von 50 auf 5 Prozent sinken. Bei uns töten die Menschen ihre geliebten Menschen, weil sie sie so stark lieben. "Die verräterischen Griechen", von Regierungen und chauvinistischen Nationalisten zu Feinden erklärt, werden über Nacht "unsere Brüder und unsere lieben Nachbarn", da sie uns nach dem großen Erdbeben geholfen haben. So wäre es sogar denkbar – das ist natürlich nur ein Traum – dass Kurden auf einer Demonstration die türkische Fahne trügen oder die Türken riefen: "Hoch leben die Kurden". So könnte der seit Jahren im Südosten herrschende Krieg wenigstens in den Herzen der Türken und Kurden beendet werden. Die Menschen in der Türkei sind sehr emotional. Vielleicht ist es sogar genau diese Emotionalität, die die verschiedenen miteinander kämpfenden Identitäten zusammenhält.

Das klassische Schema der westlichen Gesellschaftsentwicklung mit der Säkularisierung der Kultur, dem entstehenden Individualismus und der Verwandlung von der Gemeinschaft zur Gesellschaft hat die Gefühls-, Gedanken- und Vorstellungswelt des Westens geprägt. Die Türkei blieb lange Zeit von diesem Prozess ausgeschlossen. Außerdem war sie ein Teilstaat des Osmanischen Reiches. Die Türken als herrschende und größte ethnische Volksgruppe des Imperiums haben ihre nationale Identität erst sehr spät entwickelt. Während in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Völker im westlichen, europäischen Teil des Imperiums, die Griechen und Bulgaren, um ihre Unabhängigkeit kämpften und ihre eigenen Staaten gründeten, begannen sich unter den militärischen und zivilen türkischen Intellektuellen die nationalen Gedanken erst zu entwickeln. Die Türkische Republik entstand nicht dadurch, dass ein Volk wegen seines nationalen Bewusstseins oder des ökonomisch-gesellschaftlichen Niveaus einen eigenen Nationalstaat gründen wollte. Als historischen Anachronismus und auf eine paradoxe Weise hat man erst den Staat gegründet und dann versucht, aus den Völkern, die in der heutigen Türkei leben, eine Nation zu schaffen, indem man die Macht und Souveränität den Türken gab. Es war offensichtlich, dass es ein sehr schmerzhafter Prozess werden würde, in einem multireligiösen, mehrsprachigen und kosmopolitischen Land eine von Türken beherrschte Nation zu schaffen. Wenn man die Republik als eine kulturelle Trennung vom Osmanischen Reich betrachtet, die nicht durch eine schrittweise Evolution, sondern eine tiefgreifende Revolution geschah, wird die Tragweite der heutigen Probleme deutlicher.

Um in der Welt des 21. Jahrhunderts die Türkei, ihre Menschen und deren Identitätssuche sowie die Gründe dafür, warum diese Suche mit so großen Konflikten einhergeht, zu verstehen, muss man diesen historisch-gesellschaftlichen Prozess begreifen. Der Konflikt zwischen den Türken und Kurden, Aleviten und Sunniten, Laizisten und Religiösen und gleichzeitig die harte politische Abrechnung zwischen dem westlich orientierten Bürgertum sowie den Eliten der Republik mit dem religiös-konservativen Kapital Anatoliens sind sowohl eine Folge dieser verspäteten Identitätssuche und Identitätskrisen als auch ein Machtkrieg. Die aktuellen Ereignisse, etwa die Diskussion um das Kopftuch oder das Parteiverbotsverfahren gegen die AKP, spiegeln die tiefen Konflikte zwischen den verschiedenen Schichten wider.

Das westliche Bild der irrationalen emotionalen Keilerei ist eigentlich die Spiegelung des Kampfes der komplizierten Kräfte in der Gesellschaft und des rasenden gesellschaftlichen Veränderungsprozesses auf der Wasseroberfläche. Zum Beispiel ist der Kopftuchstreit, wie ein befreundeter deutscher Journalist sagte, kein Gewitter "um ein Stück Stoff", sondern eine Widerspiegelung der tiefen Kontroverse zwischen der traditionell-konservativen islamischen Lebensart und Kultur und der vom Westen schwärmenden Lebensart. Darüber hinaus ist es ein Machtkrieg zwischen den Eliten und dem Bürgertum der Republik sowie der militärischen Bürokratie, die seit über 80 Jahren die Macht innehaben, und dem anatolischen Kapital, das in den letzten 30 Jahren ein stärkerer Bestandteil der kapitalistischen Markt- und Weltwirtschaft geworden ist. Manchmal denke ich, dass die magische Kraft, die verhindert, dass diese gesellschaftlichen, kulturellen, ideologischen Widersprüche einen Bürgerkrieg verursachen, unsere Expressivität ist, die das westliche Auge als "Emotionalität" betrachtet. Manchmal gehe ich sogar noch weiter und setze für die Lösungen all dieser Probleme auf eben diese Emotionalität.

Aus dem Türkischen von Jens Grimmelijkhuizen



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