Das Kopftuch der Männer

von Giuliana Sgrena

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Eine kurze Vorbemerkung: Der Begriff hijab (arabisch für "islamischer Schleier") kommt im Koran nicht vor. Zum ersten Mal taucht er in den Schriften des muslimischen Rechtsgelehrten Ibn Taymiyya auf, der im 14. Jahrhundert als Erster theoretische Überlegungen zu einer Schleierpflicht für Frauen anstellte. Ibn Taymiyya dient den fundamentalistischen Muslimen bis heute als Bezugspunkt. Das Tragen des Schleiers beziehungsweise die Schleierpflicht sind im Islam also keineswegs religiöse Verpflichtungen. Stattdessen gehen sie auf eine 700 Jahre alte fundamentalistische Interpretation des Islam zurück.

Diese Vorbemerkung ist unerlässlich, will man die symbolische Bedeutung des Schleiers in all ihren Formen erklären. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen dem türkischen türban und der von den Taliban vorgeschriebenen Burka. Aber ihnen liegt die gleiche religiös-konservative Auffassung zugrunde, deren Ziel es ist, die Frau zu dämonisieren – eine Versuchung, die nicht allein zum Islam gehört. Die weibliche Figur wird als "Verführerin" (war eine solche nicht auch Eva gegenüber Adam?) und "Attentäterin" gesehen, die eine Gefährdung für die Ehre des Mannes bedeutet. Der Schleier, der mit den Haaren einen der sinnlichsten Teile des weiblichen Körpers bedeckt, soll alle weiblichen Reize der Frau (ihre Haare, aber auch ihren Blick oder ihre Stimme) ausschalten, um so dem Mann die totale Kontrolle über ihre Sexualität zu ermöglichen. Der Schleierzwang entspricht damit eher einer patriarchalischen Weltsicht als einem religiösen Prinzip.

Alle Islamisierungs- und Re-Islamisierungsprozesse laufen über die Einführung des Schleierzwangs ab. Dies muss nicht unbedingt mit Gewalt einhergehen. Überzeugungskraft und soziale Konditionierung können sich ähnlich stark auswirken. Das ist allerdings nur der erste Schritt: Es ergibt sich zwangsläufig, dass der Schleier bestimmte Aktivitäten behindert, etwa den Sportunterricht.

Die Türkei macht dabei keine Ausnahme. Natürlich verhüllt die in einem säkularisierten Staat gängige Variante des Schleiers vergleichsweise wenig. Aber was unterscheidet im Endeffekt das Kopftuch von Hayrünnisa, der Ehefrau des türkischen Staatspräsidenten Gül, von einem iranischen Tschador? Die Ideologie, die das Kopftuch repräsentiert, wird auch in der Tatsache deutlich, dass sogar das türkische Wahlgesetz geändert wurde, um die Abstimmung für einen Staatspräsidenten zu ermöglichen, dessen Frau stets mit dem umstrittenen Kleidungsstück auftritt. Dass es sich dabei weniger um eine Entscheidung aus Glaubensgründen als vielmehr um ein Symbol handelt, beweist schon der Umstand, dass die Kopftücher der First Lady von Atil Kutoğlu entworfen werden, einem bekannten türkischen Modeschöpfer, der auch für Berühmtheiten wie Naomi Campbell arbeitet. Eine solche Betonung der Ästhetik betrifft eine äußerliche, symbolische Demonstration, nicht aber die Innerlichkeit des Glaubens. Der Schleier ist heutzutage oft eher ein Mittel, um sich vor anderen darzustellen. Der Beweis der eigenen Gläubigkeit scheint nach außen getragen werden zu müssen – als ob die Stärke des Glaubens davon abhinge, wie man sich kleidet.

Die regierenden Politiker, die das Tragen des Kopftuchs an den Universitäten liberalisieren wollten, reagierten mit diesem Vorstoß nicht auf eine Forderung der Frauen, sondern auf eine Forderung der Islamisten. Diese hätten damit ein Instrument besessen, um das Kopftuch an den Universitäten durchzusetzen. Dafür spricht jedenfalls ein weiterer Schritt, auch wenn in der Zwischenzeit das Verfassungsgericht das Gesetz zur Liberalisierung des Kopftuchs wieder aufgehoben hat: Anfang August 2008 wurden 21 neue islamistische Universitätsrektoren berufen – ein klarer Verstoß gegen das eigentlich vorgesehene Nominierungsverfahren. Im Normalfall werden die Rektoren aufgrund der Empfehlungen der Dozenten der jeweiligen Universität ausgewählt. Hinzu kam die Ernennung einer Vielzahl von islamistischen Richtern.

Leider werden die Rechte der Frauen, die den Großteil der Weltbevölkerung stellen, nie als Maßstab für den Demokratisierungsgrad eines Staats herangezogen. Sonst würden die Einstufungen wahrscheinlich anders ausfallen. Europa betreibt hinsichtlich der Rechte muslimischer Migrantenfrauen eine sehr scheinheilige Politik: Im Namen der Toleranz werden häufig inakzeptable Diskriminierungen gerechtfertigt. Das Tragen des Schleiers für eine freie Entscheidung zu halten, ist ebenfalls eine Heuchelei: Die Frauen, die ihn tragen, verfügen keineswegs über Entscheidungsfreiheit. Sie werden oft zu Zwangsheiraten genötigt und wenn sie sich den Anweisungen der Familie widersetzen, riskieren sie, ein Ehrendelikt zu begehen.

Das Paradoxon ist, dass die muslimischen Frauen in ihren Heimatländern dafür kämpfen, sich vom Schleier zu befreien, während sie ihn im Westen zurückfordern. Dabei handelt es sich mit Sicherheit nicht um eine Frage der "Identität", denn andernfalls hätte sich diese Frage bereits bei ihrer Ankunft in Europa gestellt und nicht zeitgleich mit dem explosionsartigen Aufschwung der radikalen islamistischen Bewegungen. Im Westen angekommen, gelangen viele muslimische Frauen zu der Überzeugung, dass der Schleier ihnen einen Schutz gegen die Kommerzialisierung der Ware Frau bieten kann – ein Bild, das besonders durch das Fernsehen Verbreitung findet. Aber das ist nur eine Seite der Medaille: Die Frau kann unterworfen werden, indem man sie durch einen Schleier verhüllt, und genauso, indem man sie auszieht. Im Übrigen hat eine vor Kurzem in Ägypten durchgeführte Untersuchung gezeigt, dass ägyptische Frauen, die einen Schleier tragen, von sexueller Belästigung und Gewalt nicht verschont bleiben.

Dies sind Zwänge, die sich weder durch die Religion noch durch die Tradition rechtfertigen lassen: Die Tradition überlebt sich, denn ansonsten würden auch wir noch den Schleier tragen. Vor allem in Süditalien, aber auch in meiner norditalienischen Heimat war es bis vor gar nicht allzu langer Zeit üblich, dass die Frauen ein schwarzes Tuch um den Kopf trugen. Ich erinnere mich, dass meine Urgroßmutter es immer trug und meine Großmutter noch ab und an. Mit meiner Mutter endete diese Tradition. Dass es nicht um ein religiöses Phänomen geht, haben wir bereits erklärt. Es geht hier um ein Patriarchat, das sowohl im Osten als auch im Westen immer noch tief verwurzelt ist. Der Eintritt der Türkei in die Europäische Gemeinschaft sollte einerseits für die türkischen Demokraten, andererseits aber auch für die Frauen eine Chance sein, endlich frei über ihre Zukunft entscheiden zu können. Die Türkei ist ein säkularisiertes Land. Auch wenn der forcierte Aufbau eines laizistischen Staates durch Kemal Atatürk gewisse Verzerrungen mit sich gebracht hat, darf Europa die Re-Islamisierung jetzt nicht billigen. Das wäre ein Rückschritt – für alle. Und nicht nur das: Es wäre der Beginn einer Islamisierung Europas. Die Religionsfreiheit kann jedoch einzig und allein von einem wirklich laizistischen Staat garantiert werden.

Aus dem Italienischen von Aike Jürgensmann



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