Unsere große Farm

Eirik Newth

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Die Norweger kultivieren das Leben draußen in der Natur. Sie sind ein Volk, das jagt und fischt. Wie sich die Lebensmittelproduktion auf die Natur auswirkt, interessiert sie dagegen wenig. Das Züchten von Fischen in Aquakulturen ist die moderne Weiterführung nationaler maritimer Traditionen. Eine Aufzuchtanlage für Lachse besteht aus großen Netzkäfigen, die im Meer vor der Küste oder in einem Fjord treiben. In die Netze werden Jungfische gesetzt und mit Trockenfutter gefüttert, bis sie ein Gewicht von drei bis vier Kilo erreicht haben. Zeitweise geriet das Fischzuchtgewerbe in Norwegen wegen übermäßigem Einsatz von Antibiotika in die Kritik. Der Entwicklung der Industrie hat das nicht geschadet. Seit die ersten Pioniere vor 40 Jahren mit Aquakultur begonnen haben, ist die Branche stetig gewachsen. Im letzten Jahr wurde zum ersten Mal mehr gezüchteter Fisch aus Aquakulturen als im offenen Meer gefangener Fisch exportiert. Das haben jedoch wenige Norweger mitbekommen. Die Fischindustrie bekommt verglichen mit der Öl- und Gasbranche wenig Aufmerksamkeit. Es gibt kaum Debatten über Fischzucht, und die negativste Konsequenz – der Massentod von Seevögeln – wird kaum in den Medien erwähnt. Lachse sind Fleischfresser, die für ihr Wachstum Fischöl benötigen. Das Futter für Zuchtlachse wird deshalb aus wild lebendem Fisch hergestellt. Bis zu vier Kilo Fisch verschiedener Arten werden benötigt, um ein Kilo Lachs zu produzieren. Viele Forscher sind der Ansicht, dass die Überfischung an der Küste den Bestand der Seevögel drastisch verringert. Die Leiterin des staatlichen Naturverwaltungsdirektorats, Janne Sollie, ärgert, dass die Norweger auf dem Mittagstisch Fisch erwarten und nicht sehen, dass auch die Seevögel für einen intakten Lebensraum im Meer wichtig sind. Diese Einstellung spiegelt sich auch auf dem Markt wider. Das Interesse für ethische Aspekte der Tierzucht und ökologische Produkte ist kleiner als sonst in Europa. Selbst in gut sortierten Fischläden in Oslo ist es schwierig, Bio-Lachs zu bekommen.Die bekannte Tierforscherin Bergljot Börresen beklagt seit Langem die „Jägerunempfindlichkeit“, eine mangelnde Empathie für andere Lebewesen. Börresen hat darauf gedrängt, neue Forschungsergebnisse zu berücksichtigen, die zeigen, dass Fische Schmerz empfinden können. Es ist aber weiterhin die Einstellung verbreitet – interessanterweise auch bei vielen Vegetariern –, dass Fisch „schwimmendes Gemüse“ sei. Deshalb ist die Fischzuchtindustrie bis heute der Kritik entkommen, der die Massentierhaltung in der Landwirtschaft ausgesetzt ist.Mit der erhöhten Nachfrage nach Bio-Fisch auf dem europäischen Markt begann in Norwegen ein Umdenken. Der Exportrat empfiehlt heute den Züchtern, ökologische Aufzucht zu betreiben, und es wird mehr Geld für die Forschung ausgegeben. Die Aufzucht der Lachse ist aber eher ethisch verbessert worden als ökologisch. Der Fisch hat mehr Platz als früher und wird auf weniger stressige Weise getötet. Langfristig muss der Begriff „Bio“ auch Fischfutter aus nachhaltigen Quellen beinhalten. China beispielsweise produziert 50-mal mehr Aufzuchtfisch mit pflanzlichem Futter als Norwegen, weil dort hauptsächlich Karpfen und Tilapia, pflanzenfressende Fische, für große einkommensschwächere Bevölkerungsgruppen gezüchtet werden. Der größte Vorteil der Aquakultur – das Produkt schwimmt in kaltem, reinem Wasser – ist auch ihre Achillesferse. Der Klimawandel beginnt bereits jetzt, das Ökosystem Meer zu verändern, mit unübersehbaren Konsequenzen für die Fischzuchtindustrie, die in der Praxis genauso abhängig ist von wildem Fisch wie die traditionelle Fischerei. Und für die Menschen an der norwegischen Küste schafft die Ölindustrie ein einzigartiges Dilemma: einerseits erzielt sie einen enormen Gewinn, andererseits führt sie zu Klimaveränderungen und gefährdet die Umwelt mit giftigen Abfallstoffen.Die größte Herausforderung der Aquakultur ist jedoch ethischer Natur. Wenn die Überfischung den Wildfischbestand weltweit bedroht, ist Fischzucht die beste Möglichkeit, den Eiweißbedarf einer wachsenden Weltbevölkerung sicherzustellen. Das Problem ist, dass der größte Bevölkerungszuwachs in Ländern stattfindet, in denen norwegischer Lachs ein unerschwingliches Luxusprodukt ist. Die norwegische Fischzuchtindustrie steht also vor einer großen Entscheidung: Möchte sie weiterhin ein hochwertiges Nischenprodukt für den reichen Norden herstellen oder will sie die Lachsproduktion einschränken und andere Fischsorten ressourcenschonend produzieren? Das setzt den Willen voraus, von den Chinesen zu lernen, die seit Jahrtausenden Fisch nachhaltig gezüchtet haben. Bislang gibt es für ein Umdenken aber wenige Anzeichen.

Aus dem Norwegischen von Hanna Stahlkopf



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