Die Kulturfalle

von Ayhan Kaya

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Seit der Türkei 1999 die EU-Mitgliedschaft in Aussicht gestellt wurde, haben sich für viele ethnische, religiöse, soziale und politische Gruppen neue Perspektiven ergeben. Islamisten, Kurden und Aleviten sind ebenso wie Tscherkessen, Armenier und andere zu Anwälten der Europäischen Union geworden, die diese vor allem als Friedens- und Integrationsprojekt unterstützen. Derzeit wird die EU in den türkischen Medien als Friedensprojekt diskutiert, das sowohl die Aussöhnung der tief verwurzelten Abneigung zwischen Deutschland und Frankreich als auch – in jüngerer Zeit – zwischen Deutschland und Polen ermöglicht hat. Dabei wird die EU als politische Gemeinschaft verstanden, die Frieden nicht nur stiftet, sondern auch exportiert.

Die Vorstellung einer Europäisierung der Türkei wurde nicht nur von Griechenland, sondern unter anderem auch von anderen Nachbarstaaten wie Syrien, dem Irak, Georgien, Armenien und Bulgarien begrüßt. Die Perspektive der EU-Mitgliedschaft war für die Türkei gleichbedeutend mit der Aussicht, ein wichtiger Stabilitätsfaktor im Nahen Osten zu werden. Die Europäische Union wurde für die Türkei so zu einem Leuchtturm, der ihr den Weg zu Demokratisierung, Liberalisierung und Europäisierung wies. Die Entscheidung von 1999 setzte in der Türkei zahlreiche Reformen in Gang. Dazu gehörte unter anderem die Abschaffung der Todesstrafe die Freilassung politischer Häftlinge die Abschaffung der Folter durch Sicherheitskräfte ein größerer Schutz für die Presse die Einschränkung der Kontrolle und Beeinflussung von Justiz, Bildungswesen, Haushaltsentscheidungen und Medien durch das Militär oder auch die Ausweitung der Gültigkeit der Zivilrechte auf offiziell anerkannte Minderheiten (Armenier, Juden und Griechen) und die Reform des Strafgesetzbuchs.

Die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft bot darüber hinaus die Gelegenheit für eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Die Bilgi-Universität in Istanbul organisierte 2005 und 2006 zwei Konferenzen über „Die osmanischen Armenier während des Zerfalls des Kaiserreichs“ und „Die Kurdenfrage“. Bis dato formierte sich gegen Konferenzen zu solchen Tabuthemen oft öffentlicher Protest, der von Untergrundorganisationen wie Ergenekon geschürt wurde. In jüngster Zeit gibt es kaum noch solche Proteste, was von einer steigenden Akzeptanz von Diversität zeugt. Dieser Wandel entspricht einer diskursiven Verschiebung, in deren Folge die Türkei nun offiziell als multikulturelles Land anerkannt wird. Trotz dieser ermutigenden Zeichen bleibt in der Türkei viel zu tun, und die Gesetze, die verabschiedet wurden, müssen nun vor allem angewandt werden. Außerhalb und innerhalb der Türkei wird weiterhin über die EU-Mitgliedschaft der Türkei diskutiert. Den EU-Staaten ist bewusst, dass ein Beitritt der Türkei zur Union die Diskussionen um eine „Europäische Identität“ und die „Grenzen Europas“ weiter verstärken würde.

Dennoch muss mit Blick auf eine Vollmitgliedschaft der Türkei eine konstruktivere Debatte geführt werden, um so einen der fundamentalen Grundsätze der Europäischen Union wiederzubeleben – das „Friedensprojekt“.Die türkischen Europa-Bemühungen fielen zum Teil in die Zeit nach dem 11. September 2001, als die USA und die EU begannen, die Türkei mit ihrer Orientierung auf einen gemäßigten Islam als Modell für die muslimischen Nationen zu instrumentalisieren. Die Türkei wurde insbesondere in ihrer Brückenfunktion hervorgehoben – nicht nur zwischen den Kontinenten, sondern auch zwischen den Zivilisationen. Der gemäßigte Islam wurde von den westlichen Staaten in einer Weise gelobt, die die regierende proislamische Partei mit einbezog. Die Instrumentalisierung der Türkei als Vorbild für andere muslimische Staaten wurde auch von den politischen Eliten der Türkei begrüßt. Ministerpräsident Erdo?an sowie andere Politiker und Wissenschaftler nahmen diese neue Rolle in der Erwartung an, dass sie der Türkei im europäischen Integrationsprozess eine günstigere Position verschaffen würde. Die Rolle der Türkei als Vermittlerin zwischen der muslimischen und der nicht muslimischen Welt wurde von den Vereinten Nationen bestätigt, indem sie Recep Tayyip Erdoğan gemeinsam mit dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero dazu ernannten, die Initiative einer „Allianz der Zivilisationen“ ins Leben zu rufen.

Die Bemühungen des türkischen Ministerpräsidenten und der Vereinten Nationen scheinen jedoch fehlgeschlagen zu sein. Das Paradigma einer Allianz der Zivilisationen hat bislang nur implizit unterstrichen, dass Zivilisationen, Religionen und Kulturen feste Grenzen haben und daran auch weiterhin gebunden sein werden. Somit ist die Allianz der Zivilisationen beinahe identisch mit dem Paradigma vom „Kampf der Kulturen“ – wobei erstgenannte für einen Dialog zwischen den Zivilisationen und Religionen eintritt und zweiteres im Gegenteil die Unmöglichkeit der Verständigung zwischen ihnen betont. Es ist wichtig zu verstehen, dass beide Paradigmen prinzipiell auf denselben holistischen Kulturbegriff zurückzuführen sind, der auf der Idee basiert, die Welt durch eine ethnisch-kulturell und religiös konstruierte Optik wahrzunehmen. Die Weise, in der Samuel Huntington, Nicolas Sarkozy, Angela Merkel oder George Bush die Welt bis jetzt wahrgenommen haben, unterscheidet sich nicht wesentlich von der Art, wie Erdoğan oder Zapatero die Welt sehen: Sie alle nehmen die Welt durch die Linse der Religion wahr. Allerdings sollte man die Annahme, dass es feste Grenzen zwischen Zivilisationen, Kulturen und Religionen gibt, infrage stellen. Denn Zivilisationen, Kulturen und Religionen stehen im Gegenteil stets mit anderen Gemeinschaften in Beziehung. Sie lernen voneinander und schaffen immer wieder hybride dritte Räume, in denen Grenzen verwischen und verschwinden, sich Kulturen nicht mehr länger als geschlossene Konstrukte gegenüberstehen, sondern fließend ineinander übergehen.

Darüber hinaus führt die kulturalistische Rhetorik von der „Allianz der Zivilisationen“ im Westen zur Vorherrschaft einer Sichtweise, die die Europäer dazu nötigt, Nichteuropäer in einem Bezugssystem von Differenz, Religion, Kultur und Zivilisation wahrzunehmen. Diese Rhetorik hat in der letzten Zeit auch einige prominente Figuren der türkischen Politik und Justiz beunruhigt, die sich nun fragen: „Vor einiger Zeit dachte ich noch, die Türkei wäre ein Teil der westlichen Zivilisation. Wann hat sich das geändert? Wann sind wir zum Vertreter der muslimischen Zivilisation geworden?“ Die Meinungsforscher Jiménez und Torreblanca verdeutlichen, dass weder die Instrumentalisierung der Türkei noch die Kulturalisierung der Beitrittsfrage innerhalb der kollektiven Vorstellungswelt der europäischen Öffentlichkeit ein positives Bild der Türkei erzeugen. Andererseits haben die Betonung der Funktion der Türkei als Brücke zwischen den Zivilisationen und der Vereinbarkeit von europäischer und türkischer Identität bislang keinen wesentlichen Einfluss auf die türkische Öffentlichkeit ausüben können, auch nicht hinsichtlich einer Unterstützung der EU. Was bleibt also zu tun?

Offensichtlich bringen instrumentalistische und kulturalistische Sichtweisen die EU und die Türkei einander nicht näher. Es scheint, dass die einzige Möglichkeit für eine Revision der Beziehungen zwischen beiden Seiten darin besteht, die Vorherrschaft des Zivilisations-, Kultur- und Religionsdiskurses aufzubrechen, der bislang scharfen nationalistischen, religiösen und regionalen Gegensätzen innerhalb der EU ebenso wie in der Türkei den Weg geebnet hat. Die europäische Öffentlichkeit sollte daran erinnert werden, dass die EU ein Projekt der Integration und des Friedens und nicht der Aufspaltung ist. Die Magnetwirkung der Union sollte nicht nur für die europäische Öffentlichkeit, sondern auch für die benachbarten Länder und die ganze Welt wiederhergestellt werden. Das kann einzig und allein dadurch gelingen, ein postnationales und postwestliches Europa aufzubauen. Die Grenzen eines solchen Europa unterliegen permanenten Veränderungen und transzendieren die rückwärtsgewandten zivilisatorischen, kulturellen und religiösen Konturen des essentialistischen Projekts der Europäischen Union. Es ist eine solche politische, postzivilisatorische, postkulturelle, post-jüdisch-christliche und zukunftsorientierte Europäische Union, die sowohl die Türkei als auch die übrige Welt brauchen.

Diese Art von politisch definiertem Europa, das der Entwicklungslogik der Erweiterung unterliegt, ist auch genau das, was die EU benötigt, um die anhaltenden Strukturprobleme innerhalb der Gemeinschaft zu bewältigen.Während die Türkei auf die Wende zu einem postnationalen und postwestlichen Europa wartet, bleiben für sie noch Hausaufgaben zu erledigen. Sie sollte vor allem die strukturellen Rechtsreformen vorantreiben, um die europäische Öffentlichkeit von der türkischen Entschlossenheit zur Demokratie zu überzeugen. Außerdem sollte sie den kulturalistischen, nationalistischen, religiösen und zivilisatorischen Diskurs aufgeben und stattdessen versuchen, einen politischen, ökonomischen und postzivilisatorischen Diskurs zu etablieren. Dementsprechend sollte sie sich nicht von der andauernden politischen Krise überwältigen lassen, die dem aktuellen sozialen und ökonomischen Wandel des Landes geschuldet ist stattdessen sollte sie eine solche Krise als Gelegenheit betrachten, die verschiedene soziale Gruppen dazu zwingt, um der Lösung ihrer Probleme willen miteinander in Verbindung zu treten.

Aus dem Englischen von Aike Jürgensmann



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