Vor der Nase weggefangen

Thomson Fontaine

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Eingebettet zwischen den Nachbarinseln Guadeloupe und Martinique, liegt Dominica im östlichen Teil der Karibik. Die Insel wird oft mit der weiter nördlich gelegenen Dominikanischen Republik verwechselt. Auf der 790 Quadratkilometer großen „Naturinsel“, wie ihr inoffizieller Beiname lautet, leben derzeit etwa 72.500 Menschen. Steil abfallende, sturmgepeitschte Küsten und tropischer Regenwald prägen das Antlitz der Antilleninsel. Idyllisch erscheint Dominica auf den ersten Blick. Doch das seit 1978 politisch unabhängige Land hat viele Probleme: Hurrikane verwüsten in regelmäßigen Abständen Teile der Plantagen, die hohe Arbeitslosigkeit treibt viele junge Leute dazu, ihr Glück im Ausland zu suchen, und die Wirtschaft ist stark bestimmt von der Produktion sogenannter „Cash Crops“ – Feldfrüchte, die nur als Devisenbringer angebaut werden.Einen großen Anteil seines Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet die einstige englische Kolonie mit Bananenexporten nach Großbritannien. Die Regierung will die Wirtschaft künftig stärker diversifizieren, um die einseitige Abhängigkeit des Landes zu verringern und den Nahrungsmittelbedarf der Bevölkerung stärker selbst zu decken. In Zeiten steigender Energiepreise sind gerade kleine Inselstaaten, die nur einen Teil ihrer Grundnahrungsmittel selbst produzieren, übermäßig stark von der Verteuerung der Lebensmittelimporte betroffen. Neben Tropenfrüchten sind vor allem Fisch und Meeresfrüchte auf dem Speiseplan der Dominicaner zu finden. Doch um die Nachfrage zu stillen, wird derzeit mehr als ein Drittel des Fischs eingeführt. Das müsste nicht so sein: Rund um die Insel gibt es reiche Fischgründe. Bislang wird diese Ressource von den Bewohnern nur wenig genutzt. Der Fischereisektor ist unterentwickelt, Experten sehen hier ein großes Potenzial für die Wirtschaft. Doch die Schwärme gehen längst anderen ins Netz. Immer wieder registriert die Küstenwache das Eindringen von Booten aus Martinique und Guadeloupe, die ohne Erlaubnis in der 200-Meilen-Zone Dominicas fischen. Das Nachsehen haben die dominicanischen Fischer mit ihren meist kleinen, nur für küstennahe Gewässer geeigneten Booten.Die Aufregung in der Hauptstadt Roseau über den illegalen Fischfang ist groß. Nicht nur, dass die Fischer aus Martinique und Guadeloupe über gut ausgerüstete und moderne Schiffe verfügen, beide Nachbarinseln gehören auch als Überseedepartements zu Frankreich – und damit zur Europäischen Union – und sind so wirtschaftlich bessergestellt. Das Entwicklungsland Dominica fühlt sich von seinen reichen Nachbarn ausgenutzt. Anfang Juli 2008 wendete sich der Oberste Fischereibeamte der Insel, Andrew Magloire, an die französische Regierung. In einer Protestnote fordert er Frankreich auf, die territorialen Ansprüche Dominicas zu respektieren und die Fischer aus Martinique und Guadeloupe entsprechend zu unterweisen. Eine Reaktion der Regierung Sarkozy ist bislang ausgeblieben, wie Magloire auf Anfrage mitteilte.Zwar beschweren sich dominicanische Fischer schon seit Jahren über die Übergriffe aus Martinique und Guadeloupe, doch angesichts der jüngsten Regierungsanstrengungen zur Steigerung der Fischproduktion rückt der nicht genehmigte Fang jetzt stärker ins Blickfeld. 150 Kilo Fisch würde jedes einzelne der bis zu 25 Boote aus Martinique und Guadeloupe jeden Tag in Dominicas Hoheitsgewässern erbeuten, schätzt Magloire auf Grundlage von Ermittlungen der Küstenwache. Hochgerechnet auf ein Jahr kommt man damit auf gut 780 Tonnen fremd gefangenen Fisch. Viel, wenn man bedenkt, dass die dominicanischen Fischer in den vergangenen Jahren im Schnitt nur an die 1.000 Tonnen Fisch aus dem Wasser zogen.Für den Fischereireferenten Magloire haben sich die Probleme mit den Nachbarn verschärft, seitdem Dominica mehr Fangkapazitäten schaffen will. „Die Franzosen fischen seit vielen Jahren in unseren Gewässern. Tatsache aber ist, dass wir jetzt unseren Aktionsradius auf Gebiete erweitern wollen, in denen wir nie gefischt haben“, erklärte der Beamte gegenüber der einheimischen Presse.Schätzungsweise 3.100 Menschen verdienen in Dominica ihren Lebensunterhalt in der Fischereibranche: Fischer, Fischverkäufer sowie Handwerker, Wartungsspezialisten und Netzflicker. Auf Vollzeitbasis sind in diesem Sektor 996 Menschen beschäftigt – Tendenz steigend. Hauptsächlich werden vor den Küsten Dominicas Thunfische, Speerfische, Makrelen, Halbschnäbler, Hummer und Langusten gefangen. Die Produktion wandert bislang ausnahmslos auf heimische Teller.Um die Produktion zu steigern, sollen nun Lager- und Kühlkapazitäten an Land ausgebaut und die Flotte modernisiert werden. Bislang gibt es auf Dominica nur sehr wenige Schiffe, die mit professioneller Thunfischfangausrüstung ausgestattet sind, die meisten Fischer verwenden immer noch einfache, offene Boote mit Außenbordmotor.Nicht nur im Fischereisektor zeigt sich die starke Abhängigkeit Dominicas von den Beziehungen zu anderen Staaten in der Region. In Zeiten der Globalisierung steht die Insel großen Herausforderungen gegenüber. Trotz der vielen Verhandlungsbemühungen für eine besondere Behandlung von Kleinstaaten unterliegen Länder wie Dominica den Wettbewerbsregeln auf einem offenen Weltmarkt und müssen mit Staaten konkurrieren, die aufgrund ihrer Größe und ihres Entwicklungstandes mit mehr Ressourcen gesegnet sind. Dominica bemüht sich deshalb stets um neue Geschäftsmöglichkeiten. Im Juni 2005 unterzeichnete die Regierung das „Petrocaribe-Abkommen“ für Öllieferungen zu Vorzugsbedingungen an verschiedene karibische Staaten. Die Initiative geht auf Venezuela zurück. Erst Mitte des Jahres hat die Regierung in Caracas das Abkommen um eine weitere Bonusregelung ergänzt. Danach müssen die Importländer für 40 Prozent des eingekauften Öls erst innerhalb von 90 Tagen zahlen, die restlichen 60 Prozent sind auf weitere 25 Jahre verteilt.Roosevelt Skerrit, im Januar 2004 auf Dominica mit 31 Jahren zum damals jüngsten Premierminister der Welt ernannt, vollzog als erste seiner Amtshandlungen die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Volksrepublik China. 2007 schloss er sich der von Präsident Hugo Chávez gegründeten „Bolivarischen Alternative für die Völker unseres Amerika“ (ALBA) an, einer Allianz mit Venezuela, Kuba, Nicaragua und Bolivien. Chávez schlug ALBA als Pendant zur gesamt-amerikanischen Freihandelszone (ALCA) vor. Skerrit verbindet mit dieser Initiative die Möglichkeit, Wirtschaft und Handel zum Vorteil seines Landes auszuweiten.Auch die Europäer unterstützen Dominica. Im Dezember 2007 erhielt die Regierung in Roseau 9,1 Millionen Euro als Fördermittel aus dem Entwicklungshilfeetat der EU. Mit den Geldern sollen der Tourismus und der Agrarsektor weiterentwickelt werden.Dominica nutzt die vielfältigen wirtschaftlichen Kooperationen, um den Rückgang der Bananenexporte zu kompensieren. In den 1980er-Jahren und bis in die 1990er-Jahre trugen die Exporterlöse aus dem Bananenhandel wesentlich zum Bruttoinlandsprodukt bei. Seit 2001 hat Großbritannien die einstigen Handelserleichterungen aufgehoben. Der Fischereisektor bietet die Chance, die Wirtschaft Dominicas weiterzuentwickeln. Nicht nur die Einheimischen schätzen die Fischgerichte der Insel, auch für eine Ausweitung des Tourismus wird es von entscheidender Bedeutung sein, ob der Bedarf an maritimen Köstlichkeiten im Land selbst gedeckt werden kann.

Aus dem Englischen von Karin Weidlich



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