Weshalb sich die Russen neuerdings grüßen

Wladimir Kaminer

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)


Letztens bin ich in Moskau über eine Veränderung der dortigen Mentalität gestolpert: Die für ihre Grimmigkeit bekannten wie bewunderten Russen grüßen. In Geschäften, in Hotels, manchmal sogar auf der Straße. Die Polizisten, die uns immer völlig grundlos angehalten haben, um ihre unstillbare Sehnsucht nach Korruption zum Ausdruck zu bringen, grüßten uns plötzlich ausgiebig und wünschten einen guten Tag, bevor sie nach Geld und Ausweisen verlangten. Der Grund ist, dass Sachbücher aus Amerika, die Glück und Erfolg versprechen, in Russland derzeit der Renner sind. Genau wie die Amerikaner neigen die Russen zu einfachen Lösungen und glauben ebenso naiv, alles auf der Welt sei nur eine Frage der inneren Einstellung. Bücher wie „Die Formel des Erfolgs“, „Richtig atmen – länger leben“ und der Bestseller „Das Geheimnis meines Aufstiegs“ von einem Kerl namens Carnegie suggerieren, alle Probleme seien mit einem Dauergrinsen zu lösen. Die Russen glauben an diesen Schwachsinn, weil sie an das gedruckte Wort glauben. So wie sie früher an die sozialistischen Schriften geglaubt haben, halten sie nun die kapitalistischen für wahr – auch wenn das Lächeln noch nicht allen leichtfällt. „Mir hat Carnegie sehr geholfen, ich lache und bin froh. Ich bin ein ganz anderer Mensch!“, schwärmte eine Blondine im Eiscafé gegenüber ihrer grimmigen Freundin. „Und mir hat der verdammte Scheiß-Carnegie gar nicht geholfen, so ein Mist“, erwiderte die Freundin und schlug mit der Handkante auf den Tisch.



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