„Keiner, der über einem steht“

ein Gespräch mit Gunn Rogge

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine deutsch-norwegische Arbeitsvermittlung zu gründen?

Ich saß mit einer norwegischen Tageszeitung in einem Park und las eher zufällig die Stellenanzeigen: „Wir suchen Zimmermänner, Dachdecker, Elektriker.“ Und da kam die Idee wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Hier in Deutschland sind viele arbeitslos. Ich kann beide Sprachen, ich kenne mich in Norwegen gut aus, ich könnte sie vermitteln. Ich bin sofort nach Hause gerannt und habe einen Geschäftsplan aufgestellt. Und dann habe ich ein halbes Jahr gekämpft, um vom deutschen Arbeitsamt die Erlaubnis zu bekommen, Arbeitsvermittlung ins Ausland betreiben zu dürfen.

Was sind das für Deutsche, die nach Norwegen wollen?

Die größte Gruppe sind Deutsche, die in Zeitarbeitsfirmen angestellt sind. Sie können von ihrem Gehalt kaum leben und ackern ohne Ende, in der Hoffnung, irgendwann von den Firmen übernommen zu werden. Aber für die Firmen ist es natürlich viel billiger, die Leute weiter über Zeitverträge zu beschäftigen. Eine andere Gruppe sind Männer, die ausländische Frauen haben, zum Beispiel aus Russland oder Asien, die sich in Deutschland nicht wohlfühlen. Das sind häufig gut ausgebildete Männer mit guten Stellen in großen Firmen, aber sie wollen weg. Eine große Gruppe sind auch diejenigen, die Auswanderersendungen im Fernsehen sehen. Wenn es da einen positiven Film über Norwegen gibt, wo der Arbeitgeber nett ist, eine schöne Wohnung besorgt, mit den Angestellten zum Angeln fährt, dann werde ich am nächsten Tag mit Anrufen überschüttet.

In welchen Berufen mangelt es in Norwegen an Arbeitskräften?

Gesucht werden Fachindustriearbeiter mit Spezialkenntnissen, die zum Beispiel computergesteuerte Maschinen bedienen können, Automechaniker, Flugzeugmechaniker und Maschinenbaumechaniker, aber auch Handwerker, Zimmermänner, Tischler, Möbeltischler, Gas-WasserInstallateure, Elektriker, Dachdecker, Bauklempner und Ingenieure jeder Fachrichtung – eine breite Palette.

Woher kommt der Arbeitskräftemangel in Norwegen?

Norwegen boomt. Der Ölpreis ist hoch, über 90 Dollar, und er bleibt wahrscheinlich auch hoch, sodass man viel Geld zum Investieren hat. Viele kaufen neue Produktionsanlagen und haben dann keinen, der sie bedienen kann. Außerdem ist die Ölindustrie ein Magnet, der junge, gut ausgebildete Leute anzieht und festhält. Auf einer Ölplattform arbeitet man zwei Wochen und hat vier Wochen frei. Deshalb fehlen den normalen Autowerkstätten die Automechaniker. Die wollen lieber auf einer Plattform arbeiten.

Zieht es auch Deutsche auf norwegische Bohrinseln?

Jeden Tag bekomme ich dafür Anfragen. Es gibt Glücksritter im Internet, die verkaufen Listen von Arbeitgebern mit freien Stellen auf Bohrinseln. Diese Listen kosten zwischen 30 und 80 Euro. Die norwegische Botschaft warnt davor, solche Listen zu kaufen. Das ist nicht seriös. Diese Betrüger behaupten, Englischkenntnisse reichten für einen Job auf einer Plattform. Das stimmt aber nicht. Sie müssen sehr gut Norwegisch können und einen norwegischen Sicherheitskurs nachweisen, um eingestellt zu werden.

Was lockt die Leute an der Arbeit auf einer Ölplattform?

Gutes Geld, viel Freizeit und der Mythos von starken Männern in orangenen Anzügen und Helmen, um die das Öl spritzt: die pure Männlichkeit. Dabei gibt es auf der Ölplattform kaum noch körperliche Arbeit. Die Arbeiter laufen herum, wechseln Packungen aus und sehen nach, ob alle Rohre dicht sind. Oder sie sitzen den ganzen Tag vor dem Computer. Die meisten essen sehr viel. Es gibt dort sehr gute Köche. Das ist wie ein Fünf-Sterne-Luxushotel.

Gibt es Gegenden in Norwegen, wo besonders viele Arbeitskräfte fehlen?

An der Westküste, dort, wo die Zuliefererbetriebe für die Ölindustrie sind, werden dringend Leute gesucht. Und die Werften suchen genauso. Es werden Unmengen von Ölplattformen und Schiffen gebaut. Da läuft die Produktion bis zum Anschlag. Norwegen ist maximal ausgelastet. Manche Arbeitgeber sind in Panik. Sie haben Aufträge über viele Millionen und keine Leute dafür.

Welche Lösungen für dieses Problem werden in Norwegen diskutiert?

Das Arbeitsministerium hat CDs und Broschüren in verschiedenen Sprachen herausgegeben, mit denen man Leute einlädt, nach Norwegen zu kommen. Alle norwegischen Zeitarbeitsfirmen sind sehr aktiv auf dem deutschen Markt. Andauernd gibt es Messen und Veranstaltungen in Deutschland, aber auch in Polen, in Rumänien, überall. Letztes Jahr kamen über 400 indische Ingenieure nach Norwegen. Die größte Gruppe ausländischer Arbeiter in Norwegen und ganz Skandinavien kommt aus Polen und den baltischen Staaten. Sie arbeiten auf dem Bau. Das sind gute Betonleute, genauso wie die Deutschen. In Oslo gibt es Baustellen, auf denen nur noch deutsch gesprochen wird. Es gibt auch Gas-Wasser-Installateurfirmen und Heizungsfirmen, in denen so gut wie keine Norweger mehr arbeiten.Die Arbeitssprache ist Deutsch.

Können sich bei Ihnen auch Migranten für eine Stelle in Norwegen bewerben?

Ja, das gibt es oft, Spätaussiedler aus Russland zum Beispiel. Sie müssen aber Englisch können. Das wird verlangt und das ist auch mein größtes Problem. Der Sprachunterricht in Deutschland ist nicht gut genug. Die meisten Leute, die sich bei mir bewerben, haben erst die Realschule und dann die Berufsschule absolviert. Dann sind sie Automechaniker, können aber kein Englisch sprechen.

Wie unterstützten norwegische Arbeitgeber einen Neustart in Norwegen?

Die Arbeitgeber melden ihre neuen Mitarbeiter in einem Norwegischkurs an und suchen ihnen eine Wohnung für den Anfang. Sie bezahlen auch die Kaution dafür und versuchen sie zu integrieren.

Was unterscheidet norwegische Arbeitskultur von deutscher?

Dass es flache Hierarchien gibt. Man arbeitet im Team. Der Direktor ist nicht Herr Direktor Sowieso, sondern das ist der Gunnar. Es gibt keinen, der über einem steht und einem sagt, was man zu tun hat. Man ist in höchstem Maße verantwortlich für die eigene Arbeit. Wenn jemand ein Problem hat, dann ist das ein Problem, das alle haben, egal ob in einer Autowerkstatt oder einem 40 oder 80 Mann starken Betrieb. Einer meiner Klienten sagte: „Das ist ein workmen´s paradise hier“. Man wird gut bezahlt. Überstunden werden in der Regel mit 40 bis 50 Prozent Zulage honoriert. Dazu kommen Schichtzulagen, Urlaubsgeld, alles Mögliche. Und es wird viel gelacht. Gute Laune muss man haben. Das steht auch in allen norwegischen Stellenausschreibungen.

Kennen die Norweger Angst um den Arbeitsplatz?

Nein, absolut nicht. Norwegen ist eine angstfreie Zone. Die Angst, die man vielleicht hat, hat man selbst geschaffen, indem man zu hohe Kredite aufgenommen hat. Die meisten Norweger haben recht hohe Bankkredite. Sie müssen ein Eigenheim haben, eine Hütte, ein Boot, eine Wohnung in Spanien, ein Auto. Und sie haben viele Kinder. Das kostet Geld. Aber viele Kinder und hohe Bankkredite sind ein Zeichen für Optimismus. Man blickt rosig in die Zukunft und denkt, man kann sich das leisten.

Wie können norwegische Firmen auf dem Weltmarkt bestehen, wenn sie so hohe Löhne und so ein lässiges Arbeitsklima haben?

Industriearbeiter werden überall anständig bezahlt. Nur in Deutschland nicht. Hier wird die Arbeit nicht gewürdigt. Warum können die Schweizer, die Österreicher, die Dänen, die Holländer, die ganzen skandinavischen Länder mehr Gehalt bezahlen als die Deutschen? In Norwegen ist das Gehalt für Industriearbeiter mehr als doppelt so hoch. Und zwar auch bei den Zulieferbetrieben für die deutsche Autoindustrie. Norwegische oder dänische Firmen stellen auch zusätzlich Leute über Zeitarbeitsfirmen ein, wenn sie Produktionsspitzen bewältigen müssen. Aber das ist sehr teuer für die Firmen, denn die Leute in den Zeitarbeitsfirmen werden besser bezahlt als die fest angestellten Mitarbeiter. Diese teure Lösung ist dann wirklich ein Modell auf Zeit und keine billige unverbindliche Dauerlösung wie in Deutschland. Wenn man seine Leute so schlecht behandelt, ist man selbst schuld, wenn Tausende von Deutschen jedes Jahr auswandern. Das ist Abstimmung mit den Füßen. Die gehen einfach.

Das Interview führte Karola Klatt



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