Editorial

von Jenny Friedrich-Freksa

Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch (Ausgabe IV/2008)

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Foto: Max Lautenschläger


„Gibt es in der Türkei Muslime?“, wurde Yousef Alsharif, Mitarbeiter des Al-Dschasira-Büros in Ankara, kürzlich bei einem Besuch in Jordanien gefragt. In der Türkei hingegen wollen die Menschen wissen, warum man sie zu Vertretern der muslimischen Zivilisation mache, wie Ayhan Kaya, Direktor des Europa-Instituts an der Bilgi Universität in Istanbul, berichtet. Vor nicht allzu langer Zeit nämlich hätten sich die Türken noch als Teil der westlichen Welt verstanden.

Doch seit dem 11. September 2001, sagt die deutschtürkische Journalistin Semiran Kaya, gelte in Deutschland jeder Migrant automatisch als Muslim. In dieser Ausgabe geht es um die Türkei. Muslime kommen auch vor. Die Religion spielt zwar in der Türkei oft eine große Rolle – etwa in den Konflikten zwischen neuen und alten Eliten. Sie ist aber längst nicht alles, was das Land ausmacht. Die Autoren dieses Hefts schauen auf die politischen Machtkriege und kulturellen Identitätskrisen, auf die Demokratieentwicklung und den Umgang mit der Kurdenfrage. Wir haben uns mit einem Arzt über den Glauben an Magie und mit einer Lehrerin über körperliche Nähe in der Kindererziehung unterhalten. Und wir haben die Schriftstellerin Oya Baydar gebeten zu erklären, warum in der Türkei die Emotionen oft so hochkochen – ein Umstand, der rational versierte, aber in ihren Gefühlen eher verhaltene Europäer schnell verschreckt.

Menschen in aller Welt flüchten sich schnell in Pauschalurteile über „die islamische Welt“ oder „den Westen“. Wir wollen in dieser Ausgabe die Türkei und die Türken besser kennenlernen. Wir sehen: ein Land in Ungewissheit über das, was kommt. Viele Beteiligte müssen sich sehr mühsam über ihre gemeinsame Zukunft einigen. Und das wiederum ist eigentlich etwas, das wir Europäer sehr gut kennen.



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