Nicht zu fassen

von Martin Kämpchen

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Ist es nicht unglaublich, dass eine Frau mit ungarischer Mutter und indischem Vater, die mit 28 Jahren gestorben ist, als eine Wegbereiterin der modernen indischen Kunst in einem Atemzug mit Rabindranath Tagore und Jamini Roy genannt wird? Amrita Sher-Gil ist eine jener genialen Sonderlinge der Kunst, die sich bewußt und radikal außerhalb von Zeitströmungen und Moden stellten, und darum während ihres Lebens wenig oder keine Anerkennung fanden und erst im Rückblick in ihrer künstlerischen Bedeutung und als Initiatoren von Neuem erkannt werden.

Amrita Sher-Gil wurde 1913 in Budapest geboren, als Tochter eines aristokratischen und wohlhabenden Sikh, Umrao Singh Sher-Gil, und einer Mutter, Marie Antoinette, aus gehobenen Budapester Gesellschaft. Die ersten acht Jahre ihres Lebens verbrachten Amrita und ihre jüngere Schwester Indira glücklich auf dem Land in Ungarn. Von Anfang war Amritas Leben privilegiert. Der Vater konnte seinen philosophischen Interessen nachgehen, ohne je für ein Einkommen arbeiten zu müssen. Die Mutter schätzte das Partyleben der eleganten High Society, wo immer sie sich gerade befanden, und zog die Töchter nach und nach in ihre Kreise hinein. Die Töchter, stets von Privatlehrern umgeben, lernten früh klassische europäische Musik, und Amrita zeichnete und malte, seitdem sie einen Griffel halten konnte. Die europäische Literatur folgte. Amrita entfaltete einen differenzierten Geschmack für die Meister.

Im Jahr 1921 siedelte sich die Familie in Shimla an, der damaligen Sommerhauptstadt des indischen Kolonialreiches in den Himalayas. In der Nachbarschaft der ausladenden Residenz des Vizekönigs bezog die Familie ein stattliches Haus. Als die Eltern 1929 entschieden, dass Amrita ihr Talent in Paris ausbilden solle, fuhr die gesamte Familie mit. An der École des Beaux Arts schrieb sich die 16-Jährige ein und feierte dort als Künstlerin erste Erfolge. In Amrita erwachte die Berufung zur Kunst. Leidenschaftlich, oft geradezu besessen wurde sie. Dabei erinnerte sie sich an die Farben Indiens und entdeckte in ihnen ihr ureigenes Ausdruckmittel. Ihre künstlerische Persönlichkeit, schrieb sie, würde ihre wahre Atmosphäre in den Farben und dem Licht des Ostens finden. Sie kehrte 1934 mit der Familie nach Shimla zurück Die Erfüllung ihrer Indien-Sehnsucht bestätigend, schrieb sie erleichtert: „Ich kann atmen, ich kann mich bewegen und ich kann malen.“

In der anregenden Atmosphäre Shimlas, umgeben von bewundernden Freunden, von zahlreichen Liebhabern und schöpferischen Menschen, hätte Amrita ein erfülltes Künstlerleben führen können. Doch das Leben war komplexer. Die Spannungen zwischen der gesellschaftlich ambitionierten Mutter und dem philosophischen Vater belasteten sie. Obwohl Anerkennung nicht ausblieb, war sie auf kleine Kreise beschränkt. Zu Lebzeiten konnte sie nur wenige ihrer Werke verkaufen. So blieb sie finanziell vom Elternhaus abhängig. Als Amrita ihren Vetter mütterlichseits, Victor Egan, einen Arzt, heiratete und nach einem gemeinsamen Jahr in Ungarn mit ihm nach Shimla zurückkehrte, wandte sich Marie Antoinette in offener Feindseligkeit gegen ihren Schwiegersohn. Sie hatte für ihre charismatisch-schöne, geniale Tochter auf eine bessere Partie gehofft. In Shimla war kein Bleiben mehr. Amrita und Victor gingen zu Verwandten nach Uttar Pradesh, fanden jedoch keine befriedigende Umgebung zur künstlerischen Entfaltung. Schließlich wichen sie in die damalige Hauptstadt des Panjab, Lahore, aus. Wieder atmete Amrita auf. Doch kurz bevor sie dort ihre erste Ausstellung eröffnen konnte, starb sie Ende 1941 unter mysteriösen Umständen. War es die Ruhr oder eine fehlgeschlagene Abtreibung? Wird man die Wahrheit nach über 60 Jahren noch herausfinden?

Amrita Sher-Gil geistert seit ihrem Tod durch die moderne Kunst wie ein Phantom. Ihre Werke erreichen astronomische Preise. Salman Rushdie vergötterte sie in seinem Roman „Des Mauren letzter Seufzer“ als närrische, nymphomanische Künstlerin. Ihr Werk hat einen festen Platz in der National Gallery of Modern Art (NGMA) in New Delhi. Ihre Rolle als Wegbereiterin ist anerkannt. Ebenso ihre Identität als indische Künstlerin, obwohl sie in Ungarn aufgewachsen und ausgebildet wurde und stilistisch Wesentliches etwa von Gauguin, van Gogh und Breughel in ihre Malerei eingeflossen ist. Doch je länger man sich mit Sher-Gil befaßt, um so deutlicher wird, dass sich ihr Werk gegen jegliches Einordnen in Kategorien sträubt. Sie bleibt ein Enigma.

In einer bemerkenswerten Synergie hat nun gleichzeitig in Indien und in Europa eine Neuentdeckung Sher-Gils eingesetzt. Eine repräsentative Ausstellung ihrer Werke fand im Oktober 2006 im Haus der Kunst in München statt. Ein exzellenter, großformatiger Katalog, der weiterhin als Bildband im Buchhandel erhältlich ist, dokumentiert die Ausstellung. Es ist das einzigartige Verdienst des Direktors des Hauses der Kunst Chris Dercon, dass die Bilder aus der NGMA und aus Familienbesitz zusammengetragen wurden. Angereichert wurden sie mit Familienfotos von Umrao Singh und digitalen Fotocollagen von Vivan Sundaram, dem Sohn von Amritas jüngerer Schwester Indira, selbst bekannter Künstler in New Delhi.

Darum heißen Buch wie Ausstellung im Untertitel „Eine indische Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert“. Dank des Engagements von Dercon konnte eine solche Neuentdeckung in Deutschland beginnen. Der Bildband bringt auf eindrückliche und komplexe Weise Werk und Leben der Malerin nahe. Während der Ausstellung war ein Film von Navina Sundaram zu sehen, der Tochter von Indira Sher-Gil, die in Deutschland als Fernsehjournalistin Karriere gemacht hat. In deutscher und englischer Fassung hergestellt, macht er nicht nur mit dem Material der Ausstellung – Gemälde, Fotos und Collagen – vertraut, sondern porträtiert auch die Lebensorte der Künstlerin, vor allem Shimla und Saraya in Uttar Pradesh.

Ebenso im letzten Jahr ist die erste ausführliche, wissenschaftlich fundierte englische Biografie Sher-Gils von der indischen Kunsthistorikern Yashodhara Dalmia erschienen. Neben den frühen Lebensdarstellungen, etwa in den Sondernummern der Zeitschriften „Usha“ (1942) „Marg“ (1971), und der von Iqbal Singh (1984), einem Freund Amritas, konnte sich Dalmia auf die unveröffentlichten Briefe an ihren Ehemann Victor stützen. Dalmia lässt Amrita meist selbst durch ihre Briefe sprechen, in der die Spannungen und Ambivalenzen ihres Lebens komplex zur Sprache kommen: die Gewissheit ihres künstlerischen Genius einerseits, der Kampf um Anerkennung andererseits, ihr kompromissloser Nonkonformismus und ihr Upper Class-Partyleben ihr Mitleiden am Schicksal der armen Bevölkerung, die sie vorzugsweise porträtierte (die Angestellten und Nachbarn der Familie) und ihr eigenes Leiden an Familienzerwürfnissen, ihre Angst, ihre nihilistischen Anwandlungen.

Dalmia ordnet Amrita Sher-Gel in unterschiedliche Zusammenhänge ein: in die euro-päische, auch in die lokale ungarische und die Pariser Kunstszene, sowie in die indische. Sie belegt die Einflüsse der alten Höhlenfresken von Ajanta und die der verschiedenen indischen Miniaturmalstile. Amritas satte, leuchtende Farben erinnern den deutschen Betrachter allerdings auch an Emil Nolde.

Der Bildband verwirrt auf den ersten Blick, weil er Dokumentation und Fiktion (oder: Wirklichkeit und das Spiel mit ihr) nebeneinander stellt. Den Betrachtern sei geraten, zunächst Amritas Gemälde getrennt anzuschauen, danach die Foto-Dokumente, so dass sie die Kunst und Biografie kennen und verstehen lernen. Danach mögen sie sich auf die Vexierspiele von Vivan Sundaram einlassen, der mit seinen digitalen Collagen von Gemälden und Fotos einen meta-biografischen Zusammenhang evoziert, also eine neues künstlerisches Beziehungsgeflecht. Dem Medium Film gemäß, kann Navina Sundaram in knapp 40 Minuten eine große Anzahl von Gemälden präsentieren, viel mehr als Bildband und Biografie, und sie den dokumentarischen Fotos und den originalen Orten gegenüberstellen. Ihre Betonung liegt weniger auf den inneren und äußeren Spannungen im Leben der Künstlerin als auf der Beziehung zwischen Werk und Wirklichkeit. Die Neuentdeckung Amrita Sher-Gils wird sich fortsetzen, wenn demnächst in Indien unveröffentlichte Briefe erscheinen, herausgegeben von Vivan Sundaram.

Amrita Sher-Gil. Eine indische Künstlerfamilie im 20. Jahrhundert. Mit einem Essay von Deepak Ananth. Einführung von Chris Dercon und Heiko Sievers. Schirmer/Mosel, München 2006. Amrita Sher-Gil: A Family Album/Ein Familienalbum. Ein Film von Navina Sundaram. Haus der Kulturen, München 2006. Amrita Sher-Gil – A Life. Von Yashodhara Dalmia: Verlag Penguin Viking, New Delhi 2006.



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