Kleiner Grenzverkehr

von Geir Hønneland

Ganz oben. Die nordischen Länder (Ausgabe I/2008)


Gemeinsame Grenze verbinden Norwegen und Russland im europäischen Norden. Im Kalten Krieg war es die einzige Landesgrenze zwischen NATO und ehemaliger Sowjetunion. Entsprechend hoch gerüstet war die Halbinsel Kola auf der sowjetischen Seite, und Kontakte zwischen der sowjetischen und der norwegischen Seite waren rar. Gegen Ende der 1980er-Jahre änderte sich das allmählich, und 20 Jahre später ist die norwegisch-russische Grenze durchlässig geworden. Massenhaft begegnen sich Menschen heute am nördlichen Rand Europas zwischen Ost und West.

Der Gang über die Grenze bleibt nicht immer zeitlich begrenzt. In vielen Fällen ist er auch endgültig. Der Touristenstrom zwischen Ost und West hat dramatisch zugenommen. Politische und wirtschaftliche Delegationen besuchen häufig ihre Partner auf der anderen Seite. Austauschstudenten leben für kürzere oder längere Zeiträume in anderen Ländern der Region. Und die meisten Städte auf der norwegischen Seite der Grenze haben inzwischen größere oder kleinere russische Siedlungen. Viele Russen haben in Norwegen geheiratet und so eine unbefristete Aufenthaltsberechtigung erhalten. Andere sind durch die zahlreichen Austauschprogramme ins Land gekommen und erhalten im Anschluss aufgrund ihrer besonderen Kompetenzen befristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnisse. Das ist die „Barents-Generation“: junge, ehrgeizige Russen mit Kenntnissen in nordischen Sprachen, westlichem Handel und administrativer Praxis. Andere ziehen es vor, nach einiger Zeit wieder nach Hause zu gehen. Gemeinsam ist allen das Gefühl, einem neuen multikulturellen europäischen Norden, eben der Barents-Region, anzugehören.

Im Januar 1993 wurde die Barents-Euro-Arctic-Region (BEAR) gegründet. Diese politische Struktur für regionale Zusammenarbeit umfasst die nördlichsten Landesteile Norwegens, Schwedens, Finnlands und Russlands. Auf Regierungsebene trifft man sich im Barents Euro-Arctic Council (BEAC), wo in Ergänzung der Kernstaaten auch Dänemark, Island und die Europäische Kommission vertreten sind. Ziel der Zusammenarbeit ist es, zu Stabilität und Wohlstand des Gebietes beizutragen. Die Kooperation bemüht sich, in der Region militärische Spannungen, Umweltbedrohungen und das Ost-West-Gefälle im Lebensstandard zu reduzieren. Darüber hinaus ist das Projekt an den allgemeinen Regionalisierungsprozess gekoppelt, der sich in Europa ebenso wie in der Arktis vollzieht: Frühere periphere Grenzgebiete arbeiten über Ländergrenzen hinweg themenbezogen zusammen. Die Themen dieser länderübergreifenden Netzwerke in Nordeuropa sind der Schutz der Umwelt, die regionale Infrastruktur, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Wissenschaft und Technologie, Kultur, Tourismus, Gesundheitswesen und die indigene Bevölkerung der Region, insbesondere die Samen, die in allen vier Ländern der Barents-Region leben.

Die Barents-Region hat als politisches Projekt Höhen und Tiefen durchlebt. Die Ambitionen der Gründungsjahre wurden durch die Einsicht gedämpft, dass entwicklungsfähige groß angelegte wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und den nordischen Ländern der Barents-Region schwieriger war als angenommen. Eine scheinbare Erfolgsgeschichte nach der anderen scheiterte über kurz oder lang. In vielen der öffentlich gewordenen Fälle haben die Russen, wenn das Joint Venture begann, Profit abzuwerfen, ihre westlichen Geschäftspartner schlichtweg ausgenommen. Konsequenz daraus war, dass die Bedeutung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit in der Region ab den späten 1990er-Jahren sank und dafür die sogenannte Mensch-zu-Mensch-Kooperation zum neuen Markenzeichen wurde. Die Barents-Region hat eine weite Spanne von Kulturprojekten. Von Sportveranstaltungen über Tanz-, Theater- und Literaturfestivals, Kunstausstellungen bis zur Produktion von Musik und Filmen. Das bedeutendste Austauschprogramm zwischen Norwegen und Russland ist „Barents Plus“ für Studenten der Universitäten und Hochschulen sowie „Barent Plus Jr.“ für Oberschüler. Diese Programme geben jedes Jahr Dutzenden von Studierenden und Schülern die Möglichkeit, einen Teil ihrer Ausbildung auf der anderen Seite zu absolvieren.

Zusätzlich zur politischen Barents-Region, in die auch die anderen nordischen Länder eingebettet sind, engagiert sich Norwegen in bilateraler Zusammenarbeit mit Russland im hohen Norden, besonders in den Bereichen Fischereimanagement und Umweltschutz. Die Fischerei-Kooperation lässt sich bis in die 1970er-Jahre zurückverfolgen. Damals war sie eines der seltenen Beispiele für Ost-West-Interaktion im europäischen Norden. Norwegen und Russland gründeten schon 1975 eine gemeinsame Fischereikommission, um den Bestand der Barentssee zu managen. Die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern funktioniert im Allgemeinen gut, aber seit dem Millenniumswechsel wird sie vom Missverhältnis zwischen den wissenschaftlichen Empfehlungen und den etablierten Fangquoten belastet. Norwegen möchte die Fangquoten zum Schutz der Fischbestände gerne reduzieren, während Russland auf eine Beibehaltung oder sogar Ausweitung der Quoten drängt. Gleichzeitig häufen sich norwegische Klagen über russische Überfischung der Gewässer.

Eine gemeinsame norwegisch-russische Kommission zum Schutz der Umwelt wurde 1988 eingesetzt. Im Jahr zuvor hatte Michail Gorbatschow seine berühmte „Murmansker Rede“ gehalten, in der er zu einer „Zivilisation“ des militarisierten hohen Nordens aufrief und zu internationaler Zusammenarbeit im Umweltschutz. Die Umweltverschmutzung durch eine sowjetische Nickelschmelzerei hatte auch auf der norwegischen Seite gravierende sichtbare Umweltschäden hervorgerufen, und so genoss während der ersten Jahre der norwegisch-sowjetischen Umweltschutz-Kommission der Entwurf eines Modernisierungsprojekts für das Nickelkombinat höchste Priorität. Anfang des neuen Jahrtausends wurde die nukleare Sicherheit das beherrschende Umweltthema, in das auch heute noch das große Geld fließt. Nachrichten waren an die Öffentlichkeit gelangt, dass die Sowjets radioaktiven Abfall in der Barents - und Karasee versenkt hatten und dass Russland nicht mehr in der Lage wäre, mit den steigenden Mengen verbrauchter nuklearer Brennstoffe und radioaktiver Abfälle auf der Kola-Halbinsel fertig zu werden.

1995 rief Norwegen einen Aktionsplan für nukleare Sicherheit im Nordwesten Russlands ins Leben, und drei Jahre später war eine gemeinsame norwegisch-russische Kommission für Nuklearsicherheit geboren. Über einen Zeitraum von zehn Jahren hat Norwegen etwa 150 Millionen US-Dollar in Projekte zur Nuklearsicherheit auf der Kola-Halbinsel gesteckt. Darüber hinaus ist es der norwegischen Regierung gelungen, andere westliche Länder in eine multilaterale Partnerschaft zur Gewährleistung der nuklearen Sicherheit in Nordwestrussland einzubinden. 2002 verpflichteten sich die G8-Staaten, bis zu 20 Milliarden US-Dollar für eine globale Partnerschaft gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und -materialien zur Verfügung zu stellen. Höchste Wichtigkeit hat für die G8 die Entsorgung ausgemusterter Atom-U-Boote, besonders des nuklearen Schrotts der Nordmeerflotte auf der Kola-Halbinsel. Unter Verhandlungsführung der norwegischen Regierung ist im Mai 2003 ein Abkommen über ein multilaterales Nuklear- und Umweltprogramm in der Russischen Föderation unterzeichnet worden, das dazu beigetragen hat, die Arbeitsmöglichkeiten westlicher Firmen auf dem Gebiet des Nuklearumweltschutzes in Russland erheblich zu verbessern.

Welche Schlüsse kann man aus Norwegens „Reden mit Russland“ ziehen? Einerseits ist es Norwegen gelungen, tragfähige Kanäle für politische Kommunikation in vielen Feldern und über einen langen Zeitraum hinweg mit seinem großen Nachbarn im Osten aufrechtzuerhalten. Man sollte erwarten, dass dies zur politischen Stabilität im europäischen Norden beiträgt und ganz allgemein das Auftreten von Missverständnissen, die in politische Krisen münden, reduziert. Dazu beigetragen haben auch die vielen kulturellen Projekte – große Ausstellungen, Konzerte und Festivals –, die der jeweils anderen Seite ein Gesicht verleihen. Möglich, dass die Kooperation im hohen Norden auch zu politischem Wohlwollen gegenüber Norwegen in Moskau beiträgt. So hat etwa kürzlich die norwegische Ölfirma StatoilHydro eine Teilhabe an dem gigantischen Gasfeld Shtokman in der Barentssee zugesprochen bekommen. Andererseits sind lange nicht alle Initiativen erfolgreich. Alle Versuche groß angelegter Wirtschaftskooperation während der ersten Jahre der Zusammenarbeit müssen als gescheitert angesehen werden. Das Gleiche gilt für etliche wichtige Projekte des norwegischen Aktionsplans für Nuklearsicherheit in Nordwest-Russland. Und auch das Modernisierungsprojekt für die Nickelwerke ist immer noch nicht in die Tat umgesetzt worden. Dazu kommen Verstimmungen, weil die Russen – gemäß norwegischer Dokumentation – ihre Quoten in der Barents-See mehrfach in erheblichem Maße überfischt haben. Norwegen hat nicht die Macht, Russland zu zwingen, ernsthaft gegen die Überfischung vorzugehen. Es kann nur weiterhin Druck auf seinen großen Nachbarn ausüben. Aufgrund seiner geographischen Lage hat Norwegen gar keine andere Wahl, als weiter mit Russland zu reden.

Aus dem Englischen von Karola Klatt



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