Episoden des Schmerzes

von William Billows

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Man könnte meinen, die Welt ist in Ordnung: Adel, Ausama und Saif studieren, gehen ins Schwimmbad, treffen sich mit Freunden. Sie sind Anfang Zwanzig. Doch sie wohnen in Bagdad, einer Stadt, in der das Leben alles andere als normal ist – Anschläge, Leichen auf den Straßen, Detonationen auf dem Campus. Die drei jungen Männer haben ihren Alltag mit der Kamera in der Hand festgehalten. Das Ganze ist seit Kurzem in Episoden im Internet als „Hometown Baghdad“ zu sehen – drei neue Folgen pro Woche – eine Reality Soap im Netz. „Brains on Campus“ lautet der makabere Titel einer der Kurzfilme: Er zeigt den Ingenieur-Studenten Adel bei einem Spaziergang über das Universitätsgelände, zu dem Platz, an dem ein Student von Raketensplittern tödlich getroffen wurde: „Er starb hier, Teile seines Gehirns lagen verstreut herum“, kommentiert Adel.

Der Dekan sei ermordet worden, sagt er, „es gibt extremistische Gruppierungen, die es auf Studenten und Lehrpersonal abgesehen haben.“ Ein Freund habe eine Niere verloren, ein anderer ein Bein. Der 23-jährige Student Fady Hadid hat hometownbaghdad.com im Auftrag der amerikanischen Firma NextNext Entertainment für die NGO-Internetplattform Chat the Planet produziert. NextNext Entertainment ist eine mehrfach ausgezeichnete, internationale Mediaproduktionsfirma, mit Sitz in New York. Gegründet wurde sie von den Kulturaktivistinnen und Dokumentarfilmemacherinnen Laurie Meadoff und Kate Hillis. Chat the Planet sieht sich als sogenannte Global Dialogue Company. „Wir möchten junge Menschen aus der ganzen Welt in den Dialog bringen“, so ihr erklärtes Ziel.

Die Bagdader Studenten wiederum versuchen auf unterschiedliche Art und Weise, den Wahnsinn zu stoppen: indem sie weitermachen, den Alltag aufrechterhalten. „Man kann sich in Bagdad einer Miliz oder einer Band anschließen“, erklärt Adel in einer anderen Szene. Er hat sich für das Letztere entschieden: Zu schweren Heavy-Metal-Klängen intoniert seine Band „Songs of Pain“. Konkret geht es in ihnen um Krieg und Zerstörung.

Geradezu unschuldig schön dagegen ist eine Episode, welche die jungen Männer beim Baden zeigt. Sie nutzen das Schwimmbad einer Villa in einem der reicheren Viertel der Stadt. Die Bewohner haben sich längst ins Ausland abgesetzt. Planschen, mitten im Unglück – die Szenerie wirkt, als würden hier Großstadt-Twens ihrem Schicksal ein Schnippchen schlagen. Auf den Boden der Tatsachen kommt der Zuschauer allerdings mit „Abdullah Leaves“: Die Folge zeigt den letzten Abend unter Freunden, nachdem einer von ihnen die Koffer gepackt hat, um ins Exil aufzubrechen. Spätestens hier wird klar, wie brüchig das Netz der Freundschaften für die Mittelklasse-Jugend in Bagdad ist: Wer weg kann, der geht. Nach Amman oder Damaskus.

Dass Bagdad kein Ort ist, um sich zu amüsieren, weiß jeder. Mit den Video-Clips erfahren die Zuschauer viel über den schwierigen Alltag der Menschen im Irak. Darüber, wie es ist, in einem Bürgerkrieg mit der Gewalt zu leben und täglich Freunde zu verlieren. Die Kamera wandert über die Flure der Uni. Am Schwarzen Brett hängt ein „Abschlusszeugnis für einen verstorbenen Studenten“. „That’s reality! Welcome to Baghdad!“, beendet Adel seinen filmischen Rundgang. 



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