„Die Weißen haben schon alles entdeckt“

ein Interview mit Michel Foaleng

Frauen, wie geht's? (Ausgabe IV/2007)


Herr Foaleng, Sie leiten seit vier Jahren das „Institut Supérieur de Pédagogie“ in Mbouo-Bandjoun in Kamerun, das die Lehrerausbildung reformieren will. Können Sie die typische Schulbildung in Kamerun beschreiben?

Vom ersten Schultag an wird das Kind aufgefordert, alles zu vergessen, was es aus der Familie mitbringt. Es muss Französisch oder Englisch sprechen, als Werte gelten europäische Werte.

Ein Beispiel?

Was mir persönlich passierte: Ich war in der zwölften Klasse, wir nahmen in Physik ein Gesetz von Newton durch. Da fragte ich den Lehrer: „Wo kann man das anwenden?“ Er sagte: „Das brauchst du nicht zu wissen. Die Weißen haben alles schon entdeckt. Du musst das nur aufschreiben.“ Wir sehen die Welt mit der Brille des auswendig gelernten Wissens und werden nicht dazu aufgefordert, dieses Wissen weiterzuverarbeiten oder gar infrage zu stellen. Zwischen Schulwissen und wissenschaftlichem Wissen klafft eine große Lücke. Was etwa vor zwanzig Jahren in Europa wissenschaftlich entdeckt wurde, kommt erst jetzt als Schulwissen zu uns. So bleiben wir rückständig.

Warum?

Wir sind selber kaum oder gar nicht an Wissensproduktion beteiligt, weil uns dazu die Forschungseinrichtungen fehlen. Außerdem haben wir keine vernünftige Bildungspolitik, kein Management für das Schulwesen.

Sie haben vor einem Jahr die ersten zwölf Studierenden aufgenommen. Was werden Sie ihnen beibringen?

Wir setzen auf die Entfaltung des persönlichen Potenzials des Lernenden statt auf Memorisation. Die Lehrer sollen das, was sie im Klassenraum erzählen, in Verbindung mit dem Dorf- oder Stadtalltag des Kindes bringen. Das ist vielleicht ein großartiger Traum, und es kann sein, dass es Generationen dauert. Aber dahin wollen wir. Im Moment haben wir zu viele Schulabgänger, die nach zwölf Jahren Unterricht zu nichts fähig sind.

Woran liegt das?

Man wird zur Schule geschickt, damit man am Ende Schreibarbeit im Staatsapparat oder einer Behörde leistet. Aber Ende der 1980er Jahre hat der Staat aufgehört, Leute anzuwerben. Es gibt keine Industrie, keine Arbeitsmöglichkeiten, so dass sich die Leute selbst eine Arbeit schaffen müssen. Man findet Uniabsolventen als Straßenhändler. Das ist Geld-, Hoffnungs- und Potenzialverschwendung.

Ihr Institut erarbeitet auch neues Lehrmaterial.

Die Lehrbücher der Grundschule werden angeblich von Kamerunern geschrieben, aber das trifft nur zur Hälfte zu. Sie werden immer in „technischer Kooperation“ konzipiert, meistens von französischen Inspektoren. In den Büchern finden sich zwar Bilder des Landes, aber nicht immer positive. Das Dorf hat eher ein negatives Image im Vergleich zur Stadt. Die Kameruner Stadtmodernität ist dann wiederum nur ein Nachbild der Modernität einer ausländischen Stadt.

Welches Wissen soll denn Ihrer Meinung nach vermittelt werden?

In den vorhandenen Büchern fehlt das indigene Wissen. Plötzlich sind junge, moderne Intellektuelle Experten geworden. Ältere Menschen mit Lebenserfahrung kommen nicht vor. Dieses verstummte Wissen, das langsam ausstirbt, muss verarbeitet werden. Das bedeutet nicht, dass jetzt die Dorfältesten Schulbücher schreiben sollen.

Ihr Institut wird vom evangelischen Entwicklungsdienst in Bonn finanziert. Sollte die Lehrerausbildung nicht eine staatliche Sache sein?

Der Staat ist momentan nicht in der Lage dazu. Die sechs staatlichen Universitäten können nicht alle Studienbewerber aufnehmen – und es mangelt an Platz für die bereits Immatrikulierten. Den zwei pädagogischen Hochschulen (eine allgemeinbildende und eine technische) fehlt die Kapazität, genug Lehrer auszubilden.

Trifft der Satz „L’argent des blancs, c’est facile“ – „Ans Geld der Weißen kommt man leicht“ – also zu?

Der Satz ist natürlich etwas sarkastisch. Aber es gibt viele Organisationen oder Institutionen, die am liebsten einen Antrag nach Europa schicken. Sie wissen, dort gibt es viel Geld und es reicht, wenn ich eine Mainstreamidee wie
 Gender oder Umweltschutz gut verpacke und am Ende einen schönen Bericht schreibe.

Könnten Sie private kamerunische Förderer finden?

Es gibt zwar eine große Armut in Kamerun, aber auch Leute, die viel Geld haben. Es würde sie nicht umbringen, wenn sie uns jährlich mit 1.000 oder 10.000 Euro fördern würden. Wir erarbeiten gerade ein Konzept, an diese Leute heranzukommen.

Das Interview führte Nikola Richter



Ähnliche Artikel

Neuland (Thema: Flucht)

Wer ist hier der Boss?

von Mehrnousch Zaeri-Esfahani

Wie Flüchtlingskinder und deutsche Lehrer voneinander lernen können

mehr


Das Deutsche in der Welt (Die Welt von morgen)

Prügeln wird bestraft

Eine Kurznachricht aus Bangladesch

mehr


Wir haben Zeit. Ein Heft über Langsamkeit (Weltreport )

Lehreraustausch

von Aguiaratou Kabore

Eine Lehrerin aus Burkina Faso erzählt vom Unterrichten in Münster und Ouagadougou

mehr


Neuland (Weltreport)

„Zeig's mir!“

von Fabian Ebeling

Ein Australier und ein Engländer gehen nach Nairobi, um dort mit Schülern ein Magazin herzustellen. Was die Kinder beim Zeitungsmachen lernen, erklären Harrison Thane und Tom Grass

mehr


Körper (Weltreport)

„Ohne Bildung können wir nichts bewegen“

ein Interview mit Hachim Haddouti

Brain Redrain: Wie Exil-Marokkaner neues Wissen in ihre alte Heimat transferieren. Ein Gespräch mit Hachim Haddouti vom Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerk

mehr


Iraner erzählen von Iran (Bücher)

Als Janie noch Mei war

von Michael Ebmeyer

Harter Stoff, weich erzählt: In ihrem neuen Roman beschreibt Madeleine Thien, wie die Roten Khmer in Kambodscha Idenititäten zerstörten

mehr